22. Dezember

„So, zweimal Rosinenbrötchen, ein Schokocroissant und ein Laugenbrezel“, sagte Papa und gab den Inhalt der zweiten Brötchentüte Preis.

Finchen griff sofort nach einem der Rosinenbrötchen, während Oskar sich das Laugenbrezel und Mama das Schokocroissant nahm. Ein ganz normales, gemütliches Samstagsfrühstück, so wie sie es kannten und liebten. Aber heute hatten Oskar und FInchen noch mehr im Sinn als nur ein gemeinsames Familienfrühstück.

Als Papa nach dem zweiten Kaffee einen Zettel neben seine Tasse legte und eine Einkaufsliste zu schreiben begann, sahen sie sich vielsagend an.

„Mama, Papa, wir möchten gern am Montag ein Festessen mit euch machen“, sagte Oskar.

Papa ließ den Kugelschreiber sinken. „Ein Festessen?“

„Am Montag?“, fügte Mama überrascht hinzu.

„Ja, es gibt etwas zu feiern“, sagte Finchen.

„So, was denn?“, fragte Papa.

„Ein ganz besonderes Fest“, sagte Oskar, da er sich sicher war, dass er, wenn er Weihnachten gesagt hätte, seine Eltern sowieso wieder nichts gehört hätten.

Mama sah zwischen dem Fenster und den nun schon viel kleiner gewordenen Adventslichtern hin und her.

„Lasst mich raten, das hat mit eurer Bastelei und den Kerzen zu tun“, vermutete sie.

„Genau“, bestätigte Finchen glücklich.

„Und warum muss das ausgerechnet am Montag sein? Papa muss doch arbeiten und ihr müsst am nächsten Tag wieder in die Schule. Da wird das sehr knapp mit einem Festessen“, sagte Mama zweifelnd.

„Aber Montag ist der Tag des Festes. Es muss Montag sein“, bestimmte Oskar.

„Und was habt ihr euch als Festessen vorgestellt?“, fragte Papa und zückte wieder den Kugelschreiber und zog die Einkaufsliste ein Stück näher an sich heran.

„Zuerst eine Suppe. Am liebsten Hühnersuppe“, sagte Finchen.

Oskar musste grinsen. Es war so klar, dass Finchen Hühnersuppe vorschlug. Die liebte sie besonders und konnte sie jeden Tag essen, ob es nun Weihnachten war oder nicht.

„Und danach Rotkohl und Kartoffelklöße“, fügte Oskar sein Lieblingsweihnachtsessen hinzu.

„Als Nachtisch Eis?“, schlug Finchen vor.

Mama vergrub stöhnend den Kopf in den Händen. „Kinder, damit kommt ihr jetzt um die Ecke? Dann kann ich ja morgen den ganzen Tag in der Küche stehen. So habe ich mir meinen Sonntag ehrlich gesagt nicht vorgestellt.“

„Wir helfen dir!“, versprach Oskar sofort. „Gemüse schneiden und Kartoffeln schälen und so…“

Mama nickte skeptisch. „Und so, jaja.“

„Doch, wirklich“, versicherte FInchen. „Wenn wir gleich von der Probe wieder nach Hause kommen, können wir sofort Kartoffeln schälen.“

Mama und Papa sahen erst sich und dann Oskar und Finchen verwundert an.

„Probe? Was denn für eine Probe?“, wollte Papa wissen.

„Für ein Theaterstück, das wir am Montagnachmittag in der Kirche aufführen werden“, erzählte Oskar.

Mama schüttelte fassungslos den Kopf. „Geht es darin auch um dieses Fest?“

„Sozusagen“, antwortete Oskar ausweichend.

„Das muss ja ein ganz besonderes Fest sein, wenn ihr ein Theaterstück, einen Gottesdienst und ein Festessen dazu veranstaltet“, meinte Papa.

„Ja das ist es“, sagte Finchen. „Ihr findet es bestimmt ganz toll, wenn ihr euch wieder daran erinnert“, fügte sie noch leise hinzu.

Papa versprach die notwendigen Zutaten für das Festmahl zu besorgen und Oskar und Finchen machten sich auf den Weg zur Krippenspielprobe. Auf dem Weg bekam Oskar eine Nachricht von Piet.

„Mama und Papa sind gerade geflogen, aber Theo ist einverstanden, mit mir und euch ein bisschen Weihnachten zu feiern. Wir bringen Kartoffelsalat und Würstchen mit.“

„Puh, dann haben wir auf jeden Fall genug zu essen“, sagte Finchen.

„Ich glaube, das wird richtig schön.“

Tom, Julia und Sarah berichteten, dass auch ihre Eltenr etwas überrascht reagiert hätten, als sie gestern Abend vorgeschlagen hatten, am Montag ein Fest zu halten.

„Aber jetzt sind sie ganz gespannt, was es zu feiern gibt“, erzählte Julia.

„Mama auch“, sagte Johanna. „Ich glaube, sie ist jetzt aufgeregter als ich.“

In diesem Moment kamen auch Oma und die anderen Senioren an. Gemeinsam gingen sie in die Kirche, legten ihre Jacken ab und die Kinder setzten sich vor dem Altar in einen Kreis.

„Sollen wir uns dazu setzen?“, fragte Oma.

„Oh je, da komme ich nicht mehr runter“, sagte die alte Frau, die neben ihr stand.

„Nein, ihr könnt euch hinter uns verteilen“, sagte Finchen.

„Wir haben jeder ein paar Sätze die wir sagen, und immer wenn wir mit unserem Text fertig sind, singt ihr eines eurer Lieder“, erklärte Oskar, wie sie sich den Ablauf gedacht hatten.

Oma und ihre Freunde bezogen Stellung hinter dem Kreis, in dem die Kinder saßen, und warteten gespannt auf ihren Einsatz.

Max hatte sich seinen Text für die Selbsthilfegruppe noch einmal neu zurechtgelegt und trug nun sehr überzeugend vor, wie überraschend die Schwangerschaft seiner Verlobten für ihn kam.

„Und dann diese lange Reise bis nach Bethlehem, nur wegen der Volkszählung von Kaiser Augustus. Wir haben überhaupt kein Zimmer mehr bekommen, also mussten wir improvisieren.“

„Jetzt?“, fragte Oma in die Stille, die nach Max‘ Vortrag entstand.

„Ja“, flüsterte Oskar.

„Welches Lied sollen wir singen?“

Sie blätterten in ihren Liedtexten und fingen schließlich an Es kommt ein Schiff geladen zu singen. Oma und die anderen waren mit solcher Inbrunst dabei, dass sie alle Strophen sangen, an die Finchen sich hatte erinnern und aufschreiben können. Oskar war erstaunt, dass es überhaupt so viele Strophen gab.

„Wow“, sagte er schließlich. „Das ist ganz schön lang.“

„Vielleicht können wir ein paar Strophen weglassen, damit wir nicht den ganzen Abend mit dem Krippenspiel beschäftigt sind“, schlug Johanna vor.

Damit waren alle einverstanden. Währen Sarah ihren Maria-Text zum besten gab, sah Oskar sich immer wieder zur Kirchentür um.  Er hoffte so sehr, dass Jonte kommen würde, um den Verkündigungsengel zu spielen. Doch die Tür öffnete sich nicht und so blieb Oskar nichts anderes übrig, als nach Julias Auftritt als Herbergsmutter und dem Gesang von Zu Bethlehem geboren selbst den Verkündigungsengel zu spielen.

„Normalerweise habe ich solche Aufträge ja nicht“, begann er. „Normalerweise bleibe ich oben bei Gott im Himmel. Aber gerade hat er mich auf die Erde geschickt, damit ich erzähle, was in Bethlehem passiert ist. Ich hab gedacht, ich gehe in den Tempel und berichte den Betenden, von dem Kind. Doch Gott wollte, dass ich vor die Stadttore aufs Feld zu den Hirten gehe. Ich glaube, ich habe denen einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Irgendwie bin ich trotzdem ein bisschen enttäuscht, dass ich nicht allen die frohe Botschaft verkündigen sollte. Stattdessen sollten die Hirten verkündigen. Dabei ist das doch mein Job. Ich bin doch Verkündigungsengel!“

Er setzte sich wieder. Ob Jonte das wohl auch so gesagt hätte? Wo steckte er bloß? Hatte er ihre Nachricht nicht bekommen, oder war er so enttäuscht von ihrer Reaktion vor ein paar Tagen, dass er keine Lust mehr auf das Krippenspiel hatte?

 

„Bitte, lieber Gott, lass ihn wissen, dass er wiederkommen soll“, murmelte Oskar während der Seniorenchor das nächste Lied anstimmte.