22. Dezember

 

Er presste die Fäuste zusammen bis die Knöchel weiß hervortraten und sich die Fingernägel in seine Handflächen bohrten. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Wie hatte das Ganze so aus dem Ruder laufen können? Er hatte doch nur helfen wollen. Ein gutes Werk vollbringen. Er war doch kein Verbrecher! Aber es war gar nicht so einfach gewesen, gutes zu tun, ohne gleichzeitig auch schlechtes zu tun und zu lügen. Du sollst nicht lügen, dröhnte es in seinem Kopf. Aber war es nicht längst zu spät die Wahrheit zu sagen? Für die Wahrheit ist es nie zu spät, hörte er die Stimme seines Gewissens flüstern. Wütend drückte er seine Finger noch ein Stück tiefer in die Handflächen. Warum sagte er dann nicht endlich die Wahrheit? Sie war längst überfällig! Klar, er hätte es selbst sagen können. Aber wer würde ihm schon glauben? Nach all der Zeit. Nein, er wollte es aus seinem Mund hören. Ein einziges Mal Aufrichtigkeit! Aber vermutlich hoffte er da vergeblich.

 Er konnte nur noch seine Taten versuchen wieder gut zu machen. Das musste ein Ende haben!

  

Obwohl Deborah und Tillman nach dem Gespräch mit dem Pfarrer und der Ordensschwester am liebsten gleich mit dem Jugendleiter gesprochen hätten, hatten sie sich damit gedulden müssen. Steffen und Daniel hatten sich bei ihnen gemeldet und berichtet, dass sie am Haus einen Stapel gespaltenes Birkenholz gefunden hätten. Das Holzscheit, das Deborah im Wald gefunden hatte, passte dazu. Auch hatte man im Labor Wollfasern an dem Scheit sichergestellt. Unklar war jedoch weiterhin, wozu die Fasern gehörten. Zu einer Mütze des Schäfers oder zu einem Handschuh des Entführers? Am Haus selbst hatten Steffen und Daniel nichts Besonderes feststellen können. Die Fenster waren dreckig, wie man es bei einem leerstehenden Haus erwartete. Einige der alten Fensterläden waren geschlossen oder hingen lose in den Angeln. Nichts Ungewöhnliches.

 „Habt ihr die Türschlösser untersucht?“, fragte Deborah.

 „Ja. Die sind so alt wie das Haus selbst, sind zum Teil etwas lose“, berichtete Steffen. „Deshalb hängt am Vorder- und am Hintereingang ein Vorhängeschloss. Die hängen da aber auch beide schon eindeutig länger. Nichts, was erst kürzlich hinzugefügt sein könnte.“

 Deborah war nun doch froh gewesen, dass Lorenz Scherer sie zur Kirche geschickt hatte. Dort hätten sie ja sonst ohnehin hingemusst. Die Befragung der weiteren Personen, die über einen Kirchenschlüssel verfügten, war ergebnislos geblieben. Alle hatten mehr als wasserdichte Alibis für die mutmaßliche Tatzeit, und wie der Pfarrer überaus deutlich betont hatte, hatten ja ohnehin nur er, der Küster und die Ordensschwester einen Schlüssel zur Sakristei, über die man nachts Zugang zur Kirche gehabt hätte.

 „Egal, wie herum ich es drehe, es muss irgendwer einem der drei den Schlüssel gestohlen haben“, sagte Tillman, während sie an diesem vierten Adventssonntag auf dem Weg zum Krankenhaus waren, wo Johannes als Intensivpfleger arbeitete.

 „Denke ich auch. Glaubst du, einer der drei verschweigt uns einen Diebstahl?“

 „Ehrlich gesagt nicht. Ich würde da keinem böse Absicht unterstellen. Vielleicht wurde der Schlüssel auch gar nicht gestohlen, sondern wirklich nur ausgeliehen und nachgemacht. Ich kenne das auch noch von früher aus meiner Gemeinde. Da hat der Pfarrer uns auch schon mal losgeschickt mit dem Schlüssel, damit wir irgendetwas aus dem Gemeindehaus oder sonst woher holten. An so etwas denkt später keiner mehr.“

 Deborah nickte nachdenklich. So konnte es gewesen sein. Das machte den Kreis der Verdächtigen zwar wieder um einiges größer, beschränkte sich jedoch immer noch auf das Umfeld der Gemeinde. Irgendein Ehrenamtlicher? Wie viele es davon in der Gemeinde wohl gab?

 „Schwester Benedicta können wir mit Sicherheit als Täterin ausschließen. Die Krippenfiguren sind ziemlich sperrig und schwer. Die hätte sie niemals allein bewegen können. Und dem Pfarrer oder dem Küster traue ich das eigentlich auch nicht zu. Welches Motiv hätten sie auch gehabt?“, überlegte sie laut.

 „Keins“, bestätigte Tillman, „das ist eindeutig das Werk desjenigen, der Magdalena und die beiden Männer entführt hat.“

 Er bog auf den Parkplatz des Krankenhauses ein. „Dann wollen wir doch mal hören, was unser Jugendleiter zu sagen hat“, sagte er und zog den Schlüssel.

 „Hoffentlich etwas, das uns weiterbringt. Übermorgen ist Heiligabend und Lorenz will in seinen Weihnachtsurlaub starten. Und ehrlich gesagt, ich möchte den Tag auch gern mit meiner Familie verbringen“, erwiderte Deborah und ging vor Tillman auf den Eingang zu.

 Trotz hell gestrichener Wände, freundlichen Bildern und ausgestellten Kunstobjekten in weichen Holztönen stieg Deborah sofort der unverkennbare Krankenhausgeruch in die Nase.

 Vor der Intensivstation mussten sie warten. Der Zugang war nur Pflegepersonal und engsten Angehörigen nach Anmeldung gestattet. Mit einem Summen öffnete sich die breite Tür, kurz nachdem Tillman geklingelt hatte. Eine junge Ärztin sah sie fragend an.

 „Ja, bitte?“

 Deborah stellte sich vor. „Wir würden gern mit Johannes Thälmann sprechen. Ist das möglich?“

 Die Ärztin warf einen Blick auf Deborahs Polizeimarke und nickte dann. „Einen Augenblick bitte. Ich schau mal und schicke ihn zu Ihnen. Das kann aber ein Weilchen dauern.“

 „Kein Problem“, sagte Tillman.

 Die Ärztin verschwand und die Tür schloss sich wieder. Deborah lehnte sich an die Wand. Hier oben war der Geruch nach Desinfektionsmittel noch stärker als im Rest des Hauses. Sie versuchte, durch den Mund zu atmen, aber schon nach wenigen Atemzügen klebte ihre Zunge trocken am Gaumen und sie musste wieder durch die Nase atmen. Warum musste Johannes heute ausgerechnet Dienst haben? Lieber wäre sie noch einmal zur Kirche gefahren, um den Jugendleiter dort zu befragen.

 „Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Tillman und sah sie besorgt an.

 „Geht schon“, gab Deborah sich tapfer. „Mir drückt der Geruch im Krankenhaus bloß immer so auf die Stimmung und auf den Magen.“

 Zum Glück öffnete sich in diesem Moment die Tür und Johannes trat heraus. In seiner Pflegerkleidung hätte Deborah ihn zuerst beinahe nicht wiedererkannt. Die Hose und das Hemd machten ihn irgendwie kleiner, als sie ihn in Erinnerung hatte.

 "Sie haben nach mir gefragt?“, fing er gleich das Gespräch an, während er noch die Hände wrang und Desinfektionsmittel verteilte.

 „Richtig. Es geht um das Landhaus, wo Ihre Gemeindejugend oft die Ferien verbracht hat. Pfarrer Martin sagte uns, der Kontakt zu dem Haus sei über Ihre Eltern zustande gekommen. Stimmt das?“

 Johannes‘ Gesicht, eben noch eher müde und überarbeitet, wurde starr und aschfahl.

 „Das stimmt“, sagte er heiser. „Aber wie kommen Sie darauf?“

 „In der Nähe des Hauses ist vor einigen Tagen ein Schäfer verschwunden. Möglicherweise wurde er mit einem Holzscheit bewusstlos geschlagen. Genau solche Scheite haben unsere Kollegen auch an dem Landhaus gefunden“, sagte Tillman.

 „Und warum erzählen Sie mir das?“, fragte Johannes.

 „Sind sie hin und wieder bei dem Haus? Kennen Sie die Leute, denen das Haus jetzt gehört?“

 Johannes seufzte. „Sehr selten. Wissen Sie, meine Eltern sind vor fünf Jahren innerhalb von vier Wochen gestorben. Manchmal, wenn mich die Gedanken daran zu sehr quälen, fahre ich raus, um den Kopf frei zu kriegen.“

 „Waren Sie in letzter Zeit dort?“, fragte Tillman.

 Johannes schüttelte den Kopf. „Im Advent versuche ich, meinen Eltern auf andere Art nahe zu sein.“

 „Und wem das Haus jetzt gehört, wissen Sie nicht?“, hakte Deborah nach.

 „Das gehört immer noch irgendeiner entfernten Verwandten meiner Mutter. Aber die ist schon seit ein paar Jahren im Altenheim und zunehmend dement.“

 Deborah verkniff sich einen Seufzer. Wenn sie jetzt noch eine demente Frau befragen mussten, hätten sie den Fall an Weihnachten ganz sicher noch nicht gelöst.

 „Na gut, vielen Dank“, sagte Tillman. „Nur eine Frage noch; wo waren Sie vorgestern Nacht?“

 „Im Bett, ich hatte gestern Frühdienst.“

 „Wann hat Ihr Dienst begonnen?“

 „Um sechs, pünktlich zur Laudes.“

 Hinter der Tür ging ein Alarm. Johannes drückte auf den Türöffner, nickte Deborah und Tillman noch einmal zu und verschwand wieder auf der Station.

 

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