23. Dezember

 

Das Handy läutete schrill aus der Küche. Mit Zahnbürste in der Hand lief Deborah aus dem Bad und stürzte zum Handy.

 „Ja?“, rief sie, ohne darauf zu achten, wer da gerade anrief.

 „Deborah, ich bin’s, Tillman. Wir haben gerade einen Anruf von Steffen bekommen. Magdalena, der Dachdecker und der Schäfer wurden auf der Weide gesichtet.“

 „Was?“

 Deborah ließ die Zahnbürste fallen und wischte sich mit dem Schlafanzugärmel den Schaum aus dem Mundwinkel.

 „Ich weiß auch noch nicht mehr. Wir müssen los!“

 „Okay, ich beeil mich. Ich bin in zwanzig Minuten da“, versprach Deborah und lief hektisch ins Schlafzimmer, um in ihre Klamotten zu springen.

 „Völlig unnötig. Ich hol dich ab“, versprach Tillman.

 Nickend, ohne darüber nachzudenken, dass ihr Kollege das ja gar nicht sehen konnte, legte Deborah auf und zog sich an. Erst jetzt realisierte sie, was Tillman ihr da gerade erzählt hatte. Die Verschwundenen waren wieder da. Aber wo waren sie so plötzlich hergekommen? Das ergab doch alles gar keinen Sinn!

 Als Tillman eine Viertelstunde später an der Haustür klingelte, konnte er ihr auch nicht mehr sagen. Er war genauso ratlos wie sie selbst. Auf der Fahrt aufs Land meldete sich Steffen zwischendurch bei ihnen.

 „Wir haben Krankenwagen kommen lassen, die die drei versorgen“, berichtete er.

 „Sind sie verletzt?“, erkundigte sich Deborah.

 „Nein das nicht. Nur etwas unterkühlt und ziemlich desorientiert. Sie haben offenbar keine Erklärung dafür, wie sie dorthin gekommen sind.“

 Das klang nicht so, als wären sie vernehmungsfähig, schoss es Deborah durch den Kopf. Aber vielleicht half der Einsatz der Rettungskräfte ja und sie würden doch etwas erfahren.

 Das Blaulicht der Krankenwagen beleuchtete die Weide auf beinahe gespenstische Weise. Der Streifenwagen der Polizei stand neben dem Schäferwagen. Deborah erkannte Steffen neben einem der Rettungswagen.

 „Guten Morgen“, begrüßte er sie. „Mit so einer Nachricht haben wir wohl alle nicht gerechnet!“

 „Allerdings nicht“, bestätigte Tillman. „Wie sieht es aus?“

 Eine Frau aus dem Rettungsteam trat auf sie zu und wiederholte, was sie schon von Steffen gehört hatten. Sie zögerte, als Deborah darum bat, mit den dreien sprechen zu dürfen, ehe sie ins Krankenhaus gebracht wurden.

 „In Ordnung. Aber maximal zwei Minuten.“

 Tillman kletterte in den Rettungswagen, in dem Nils Jensen versorgt wurde, Deborah nahm sich zunächst Anton Löbig vor.

 „Guten Morgen, ich bin Deborah Lukas von der Kriminalpolizei. Wie geht es Ihnen?“

 Der Dachdecker saß mit einer Wärmedeckel umwickelt auf der Liege und sah auf seine Knie. Er nickte kurz. „Ganz gut … ich verstehe das alles nicht.“

 „Können Sie mir sagen, wo Sie die letzten Tage gewesen sind? Hat man Sie festgehalten?“

 „Keine Ahnung. Er hat gesagt, ich muss keine Angst haben“, murmelte Anton Löbig.

 „Wer hat das gesagt?“

 Anton Löibig sah auf. „Der Engel!“

 Der Sanitäter legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter und schob anschließend Deborah mit sanfter Gewalt aus dem Wagen. Irritiert trat Deborah auf die Wiese. Was sollte sie mit dieser Antwort nur anfangen? Tillman kehrte mit ähnlich verdutzter Miene von dem Schäfer zurück.

 „So wie die drauf sind, könnte man ja fast glauben, die hätten irgendetwas geraucht“, meinte er.

 Deborah zuckte nur ratlos mit den Schultern. Im dritten Krankenwagen hockte Magdalena mit angezogenen Beinen auf der Liege.

 „Hallo Magdalena. Wie geht es dir?“

 Magdalena reagierte nicht, sondern schaute starr ins Leere.

 „Du musst keine Angst mehr haben, Magdalena. Alles wird gut. Die Rettungskräfte bringen dich gleich ins Krankenhaus und wir werden deine Eltern anrufen.“

 Tränen liefen dem Mädchen übers Gesicht.

 „Kannst du mir sagen, was passiert ist? Wo bist du in den letzten Wochen gewesen?“

 Magdalena schüttelte den Kopf, fing an zu schluchzen und hörte nicht mehr auf. Deborah sah ein, dass sie hier vorerst nicht weiterkommen würden.

 Nachdenklich fuhr sie mit Tillman zurück zum Präsidium, sobald die Rettungswagen abgefahren waren.

 „Das ist wirklich merkwürdig. Magdalena wirkte nicht so weggetreten wie der Dachdecker, sie steht vermutlich unter Schock. Aber Anton Löbig …“

 „ … und Nils Jensen. Er hat mir wirklich erzählt, er habe einen Engel gesehen“, sagte Tillman. „Er konnte mir auch nicht sagen, wo er in den letzten Tagen gewesen ist. Es sei hell gewesen und er habe sich leicht und entspannt gefühlt. Heute Morgen hätten er und die anderen beiden sich in seinem Schäferwagen wiedergefunden. Wie sie dahingekommen sind, wusste er nicht.“

 „Ich verstehe das auch nicht“, sagte Deborah kopfschüttelnd. „Warum entführt jemand drei Menschen und lässt sie dann ohne Weiteres wieder frei? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!“

 „Wir müssen abwarten“, sagte Tillman wenig begeistert. „Sobald sie im Krankenhaus versorgt und wieder vernehmungsfähig sind, können sie uns vielleicht doch etwas sagen. Für Frau Löbig und Magdalenas Eltern zählt jetzt erstmal, dass es den Entführten gut geht und sie wieder da sind.“

 Tillman sollte recht behalten. Zumindest Herr Jungblut vergoss Freudentränen, als sie ihm und Magdalenas Mutter die Neuigkeiten überbrachten. Frau Jungblut, die in diesem Advent um Jahrzehnte gealtert war, schien es noch nicht fassen zu können. Ungläubig sah sie Deborah und Tillman an und ließ sich von ihrem Mann in den Wintermantel helfen. Sie wollten gleich zum Krankenhaus zu ihrer Tochter fahren.

 

 Am Nachmittag saßen Tillman und Deborah neben der Krippe im Seitenschiff der Elisabeth-Kirche und beobachteten die Probe des Krippenspiels. Mit endloser Geduld hielt Schwester Benedicta den Haufen quirliger Kinder beisammen und schaffte es, dass beim dritten Durchlauf jeder an seinem Platz stand und das richtige Sprüchlein aufsagte. Die Nachricht, dass Magdalena ziemlich wohlbehalten wieder aufgetaucht war, hatte sie sichtbar erleichtert.

 „Fürchtet euch nicht! Ich bringe euch eine große Freude. Heute ist euch in Bethlehem der Heiland geboren“, verkündete ein kleines Mädchen in langem weißem Kleid und goldener Sternenkrone den Hirten mit Plüschschafen im Altarraum.

 „Da haben wir den Engel“, flüsterte Deborah Tillman zu. „Aber ich verstehe immer noch nicht, wie der in unser Bild passt.“

 „Ich auch nicht“, gab Tillman zu. „Aber wenn es so läuft wie in der Weihnachtsgeschichte, steht die Verkündigung noch aus. Entweder erscheint uns selbst der Engel oder jemand anders wird uns erzählen, was es damit auf sich hat.“

 „Dein Wort in Gottes Ohr“, erwiderte Deborah und warf einen zweifelnden Blick auf das Kreuz, das über dem Altar hing.

 Als die Kinder nach der Probe von ihren Eltern abgeholt wurden und die Kirche ruhig und leer war, sah Deborah noch einmal auf die Krippe. Die Ordnung dort war wieder hergestellt. Der Küster hatte die eigentlichen Krippenfiguren auf dem Dachboden der Sakristei gefunden. Die Spurensicherung hatte die Pappaufsteller mit den Fotos der Entführten mitgenommen. Bislang hatten sie aber noch keine verwertbaren Ergebnisse.

 Schwester Benedicta kam aus der Sakristei, in ihren Armen das geschnitzte Jesuskind.

 „So, das Jesuskind lege ich jetzt schon einmal für morgen in die Krippe“, sagte sie. „Himmel, ich bin ja so froh, dass Magdalena und den beiden Männern nichts geschehen ist. Jetzt kann wirklich Weihnachten werden“, sagte sie.

 „Wir wären ganz froh, wenn wir den Täter auch noch kriegen würden“, gab Deborah bissiger zurück, als sie beabsichtigt hatte.

 Aber die Ordensschwester schien so glücklich über Magdalenas Rückkehr, dass sie Deborahs Kommentar nicht weiter zu stören schien. Sie legte Tillman die Jesusfigur in die Hände und bat ihn, sie für sie in die Krippe zu legen. Tillman kletterte auf das Podest, auf dem die Krippe aufgebaut war, legte das Jesuskind in die Krippe und stutzte plötzlich.

 „Moment mal, da liegt ja schon etwas im Stroh“, sagte er und zog ein Stück Papier zwischen den Halmen hervor. „Ein Foto“, stellte er fest.

 Er kam damit vom Podest herunter und hielt es Deborah und Schwester Benedicta unter die Nasen.

 „Ein Engel?“, rief Deborah überrascht aus.

 „Nanu, wie kommt denn das Bild hierhin? Das ist doch bestimmt schon über zwanzig Jahre alt!“, sagte Schwester Benedicta.

 „Sie kennen das Bild?“

 „Ich wusste nicht, dass es ein Foto gibt. Aber das ist vom Krippenspiel von vor zwanzig oder zweiundzwanzig Jahren. Damals hat Johannes den Verkündigungsengel gespielt.“

 

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