23. Dezember

4. Advent! Oskar konnte sich nicht erinnern, jemals so aufgeregt gewesen zu sein. Nun war es nur noch ein Tag bis Weihnachten – vorausgesetzt das Weihnachtsfest würde zurückkehren. In den letzten Wochen hatten sie gehofft, gebetet und ihr Mögliches getan, um es in ihrer Familie und in der Stadt weihnachtlicher zu machen. Aber ob das ausreichend war? Würde morgen der 24. Dezember sein und würden die Erwachsenen sich spätestens nach ihrem Krippenspiel wieder daran erinnern, welchen Tag sie seit Jahren immer feierten?

„Es gibt kein Recht auf dieses Fest. Höchstens Gnade“, erinnerte Oskar sich an das, was Jonte bei ihrem ersten Treffen so mystisch gesagt hatte.

Wenn es danach ging, war es vielleicht sogar völlig unerheblich, ob sie sich auf Weihnachten vorbereitet hatten oder nicht, dachte er. Entweder irgendwer würde morgen ein Einsehen mit ihnen haben und gnädig sein – oder eben nicht.

Heute Morgen war jedenfalls noch nicht absehbar, was morgen sein würde, stellte er fest, als er einen prüfenden Blick auf den Wandkalender warf.

„Glaubst du, der Kalender ändert sich noch bis morgen?“, fragte Finchen, die neben ihn trat und eine Schachtel Streichhölzer in der Hand hielt.

„Keine Ahnung“, antwortete Oskar ehrlich. „Aber noch können wir ja hoffen. Und heute feiern wir erstmal 4. Advent.“

Finchen nickte, ging zum Küchentisch und zündete alle vier Kerzen an.

„Ich bin richtig gespannt auf morgen“, sagte Papa mit einem Blick auf die vier brennenden Flammen.

„Ich auch. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass uns etwas wirklich Besonderes erwartet“, fügte Mama hinzu.

Oskar und Finchen strahlten sich an. Wenn Mama und Papa nun schon in Weihnachtsstimmung kamen, ohne zu wissen, was Weihnachten eigentlich war, konnte das doch eigentlich nur ein gutes Zeichen sein.

Im Gottesdienst warfen Finchen und Oskar ihren Freunden immer wieder aufgeregte Blicke zu. Tom, Julia, Sarah, Max und Johanna erwiderten ihre Blicke nicht minder aufgeregt. Würde der Pfarrer daran denken die Gemeinde für morgen zu einem weiteren Gottesdienst und ihrem Krippenspiel einzuladen? Ob er mittlerweile wohl auch eine Art gespannte Weihnachtsfreude empfand?

„Liebe Gemeinde, sicherlich haben Sie an der Kirchentür und in einigen Geschäften schon die Plakate gesehen, die die Kinder aufgehängt haben. Sie haben ein Theaterstück einstudiert, das sie morgen im Rahmen eines Gottesdienstes gern zur Aufführung bringen möchten. Dazu sind Sie alle sehr herzlich eingeladen. Beginn ist um 16 Uhr hier in der Kirche. Thematisch wird es um die Geburt Jesu gehen.“

In dem allgemeinen verwunderten Wispern, das unter den Erwachsenen einsetzte, atmete Oskar erleichtert auf. Der Pfarrer hatte die Einladung nicht vergessen! Und was viel besser war, alle hatten ihn gehört.

Auf dem Kirchplatz redeten die Erwachsenen auch nach dem Gottesdienst noch darüber. „Was ist denn das für ein Theaterstück?“

„Es geht um Jesu Geburt.“

„Das ist ja spannend.“

„Aber ganz schön blöd, Montagsnachmittags. Ich weiß gar nicht, ob ich es so früh schon von der Arbeit schaffe.“

„Und ich hab um die Zeit immer Yoga – aber interessieren würde mich das ja schon, was die Kinder da einstudiert haben.“

Finchen und Oskar zogen sich mit den anderen in die Kirche zurück, um ein letztes Mal ihr Krippenspiel zu proben.

„Glaubt ihr, es kommen morgen Leute?“, fragte Sarah und sah etwas verunsichert in Richtung der Tür, hinter der die Kirchenbesucher angeregt weiter über das Theaterstück diskutierten.

„Vielleicht war das voll die doofe Idee, das morgen so früh am Nachmittag zu machen“, zweifelte auch Julia. „Wer hat denn da schon Zeit?“

„Wenn alles so kommt, wie wir hoffen, haben morgen Nachmittag alle Zeit“, sagte Max.

„Kommt, lasst uns proben“, sagte Oskar, dem es plötzlich auch ganz flau im Magen geworden war. Wenn nun wirklich alle etwas Besseres vorhatten?

„Wir müssen noch auf Oma und die anderen warten“, sagte Finchen.

Sie setzten sich in die erste Kirchenbank und warteten. Von der Turmuhr schlug es zur halben Stunde, ohne dass jemand kam.

„Wir haben Oma doch gesagt, dass wir nach dem Gottesdienst proben, oder?“, fragte Oskar nervös.

„Ja. Ich hab es Oma auch aufgeschrieben. Und nochmal gesagt. Halb zwölf!“, versicherte Finchen.

Doch es wurde auch Dreiviertel, ohne dass Oma oder ein anderer der Senioren in der Kirche auftauchte.

„Hoffentlich haben sie es nicht vergessen“, sagte Johanna.

„Bestimmt nicht. Sie waren doch beim letzten Mal total begeistert. Außerdem ist Oma der größte Weihnachtsfan, den ich kenne“, sagte Finchen, konnte das Zittern in ihrer Stimme aber nicht verbergen.

„Lasst uns einfach schon mal anfangen“, sagte Tom. „Unsere Texte können wir schließlich auch ohne Engelschor proben.“

Ob es an ihrer Aufregung lag oder an etwas anderem, konnten sie sich nicht erklären, doch die Probe lief miserabel.

„Max, sollte Josef nicht erzählen, dass er mit Maria bis nach Bethlehem gelaufen ist? Und dass die Herbergen voll waren?“, fragte  Julia, als Max sich nach seinem Text zufrieden wieder hinsetzte.

„Ach Mist, das hab ich vergessen“, sagte Max, stand auf und wiederholte seinen Text.

„Schön, jetzt bist du zwar nach Bethlehem gelaufen, aber hast nichts davon gesagt, dass Marias Kind nicht von dir ist“, sagte Finchen spitzfindig.

Bei den anderen klappte es auch nicht viel besser. Oskar dachte so sehr an Jonte und fragte sich mal wieder, wo der Obdachlose nur stecken konnte und ob er ihre Nachricht noch bekommen hatte, dass er sich dauernd verhaspelte.

„Ich sollte eine frohe Botschaft verkünden, aber eigentlich hatte ich dazu gar keine Lust und ich war selbst auch nicht fröhlich“, sagte er schließlich genervt.

Finchen riss entsetzt die Augen auf. „Das kannst du doch so nicht sagen!“

„Wenn’s doch aber so ist“, meinte Oskar und setzte sich missmutig wieder auf seinen Platz.

Von den Senioren hatte sich immer noch keiner blicken lassen. Auch in der nächsten Stunde, in der jeder von ihnen seinen Text mindestens dreimal neu aufsagen musste, weil immer irgendein Detail fehlte, kamen sie nicht.

„Das hat doch jetzt keinen Sinn mehr zu warten“, meinte Julia. „Ich würde jetzt auch gern nach Hause. Ich hab Hunger.“

Ihren Geschwistern ging es genauso und auch Max, Johanna, Finchen und Oskar mussten einsehen, dass jede weitere Probe nur vergebliche Liebesmüh war.

„Wir schreiben uns zuhause einfach Spickzettel und lernen die auswendig“, schlug Sarah vor, bevor sie sich voneinander verabschiedeten.

„Das wird eine totale Blamage morgen“, murmelte Oskar auf dem Rückweg.

„Wenn es bei diesem miesen Krippenspiel ohne Engelschor überhaupt ein Morgen gibt“, brummte Finchen nicht weniger geknickt.

Mit einem sehr unguten Gefühl stellte Oskar am Abend seinen Wecker auf halb sieben. Auf Schule hatte er morgen am allerwenigsten Lust.