24. Dezember

 

 Deborah drückte aufs Gas. Die Ordensschwester hatte ihnen etwas verstört die Adresse des Jugendleiters genannt und hatte gefragt, was sie denn jetzt noch von Johannes wollten. Aber für großartige Erklärungen hatte Deborah keine Zeit. Hoffentlich war es noch nicht zu spät. Tillman versetzte unterdessen Lorenz Scherer in Alarmbereitschaft.

 Sie parkte das Auto vor dem Mehrparteienhaus, in dem der Jugendleiter wohnte und klingelte. Nichts passierte. Deborah hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass Johannes öffnen würde, aber sie hatte es wenigsten versuchen müssen. In einer Wohnung im Erdgeschoss brannte noch Licht. Deborah klingelte.

 „Ja bitte?“

 „Kriminalpolizei, machen Sie auf!“

 Augenblicklich wurde die Tür geöffnet und eine ältere Dame sah ihnen etwas verschreckt vom Treppenabsatz entgegen.

 „Danke“, rief Deborah im Vorbeigehen und stürmte in den ersten Stock. Tillman lief ihr hinterher.

 Ein schwacher Lichtschein drang durch die Wohnungstür von Johannes Thälmanns Wohnung. Er musste also zuhause sein. Deborah lauschte, doch es war nichts zu hören.

 „Herr Thälmann, machen Sie auf!“, rief Tillman. Nichts.

 „Es tut mir ja leid um die Tür …“, sagte Tillman. Aber ihnen blieb keine Wahl als die Tür aufzubrechen.

 In dem schmalen Wohnungsflur stand Johannes Thälmann auf einem Stuhl. Ein weißes OP-Hemd vor dem Körper, eine Krone aus goldenem Sternenband auf dem Kopf – und ein Seil um den Hals. Das andere Ende des Seils mündete an einem Haken in der Decke. Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Jugendleiter sie an.

 „Gehen Sie weg!“

 „Herr Thälmann, machen Sie keinen Blödsinn. Kommen Sie von dem Stuhl herunter“, forderte Deborah ihn mit ruhiger fester Stimme auf.

 Johannes Thälmann schüttelte den Kopf.

 „Kommen Sie, das ist doch keine Lösung!“

 „Was wissen Sie denn schon?“

 „Sie haben Magdalena und den beiden Männern doch auch nichts angetan, warum wollen Sie sich dann umbringen?“

 Johannes schluchzte auf. „Es ist alles so falsch. Ich sollte verkünden, aber keiner würde mich hören. Ich bin ein gefallener Engel.“

 Der hatte doch komplett den Verstand verloren, dachte Deborah. Sie durfte nicht zulassen, dass der junge Mann sich das Leben nahm. Aber wie sollte sie ihn dazu bewegen, von dem Stuhl herunterzukommen?

 „Wir hören Ihnen zu, Herr Thälmann“, versprach sie. „Kommen Sie zu uns herunter und verkünden Sie uns, was Sie sagen müssen!“

 Das Schluchzen wurde heftiger und die Hände des Pflegers zitterten. Ganz langsam hob Johannes die Hände, löste die Schlaufe von seinem Hals und stieg mit tränenüberströmtem Gesicht vom Stuhl. Deborah nahm ihn bei der Schulter und führte ihn in das angrenzende Wohnzimmer, wo sie ihn auf das Sofa drückte.

 „Jetzt erzählen Sie ganz in Ruhe“, forderte sie ihn auf.

 „Ich halte das nicht mehr aus. Seit über zwanzig Jahren träume ich immer wieder davon. Ich wollte sie beschützen. Aber das habe ich nicht geschafft. Ich bin gescheitert“, kam es zusammenhangslos aus ihm heraus.

 „Wovon haben Sie geträumt? Wen wollten Sie beschützen?“

 „Von ihm. Was in dem dunklen Zimmer passiert ist“, flüsterte Johannes Thälmann. „Ich habe gedacht, ich kann das vergessen … Aber es geht nicht.“

 Langsam ahnte Deborah, was der junge Mann ihr sagen wollte, ohne es direkt auszusprechen.

 „Sind Sie missbraucht worden?“, fragte sie leise.

 Johannes nickte. „Ich wollte auf die anderen Kinder aufpassen. Damit es ihnen nicht auch passiert. Aber ich habe es nicht geschafft. Jetzt ist sie sogar schwanger“, sagte er und schluchzte erneut auf.

 Deborahs Herz begann zu rasen und ihr Mund wurde trocken. „Wollen Sie damit sagen, Magdalena ist auch missbraucht worden?“

 „Wie konnte er das nur machen? Warum? Er hat gesagt, er passt auf uns auf“, murmelte Johannes.

 Ein furchtbarer Verdacht kam Deborah in den Sinn, doch sie durfte dem Jugendleiter die Worte nicht in den Mund legen. Er musste es selbst sagen. Auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, wie schwer es ihm fallen musste, über das Erlebte zu sprechen.

 „Wer hat Sie missbraucht?“

 „Pf… Pfarrer Martin“, brachte Johannes schließlich hervor.

 Also doch. Deborah drehte sich der Magen um. Dieser freundlich wirkende ältere Mann, der sich in den letzten Tagen so besorgt gegeben hatte. Sie hatte ihn beinahe sympathisch gefunden. Wie viele Menschen hatte er mit dieser Fassade des guten Onkels wohl geblendet?

 „Und Sie glauben, er hat sich auch an Magdalena vergangen?“, fragte sie, während ihr Bilder durch den Kopf schossen, die sie am liebsten nicht gesehen hätte.

 „Sie hat es mir erzählt“, sagte Johannes Thälmann leise. „Am 1. Advent. Sie wollte weg und hat mich um Hilfe gebeten.“

 „Und dann haben Sie das Mädchen versteckt?“

 „Ja.“ Der Jugendleiter wischte sich mit dem Ärmel des OP-Hemds die Tränen aus dem Gesicht. „Ich wollte nur helfen. Aber ich war so wütend. Auf mich. Auf den Pfarrer. Auf die Gemeinde. Über alles regen Sie sich auf. Überall wird gemeckert. Aber das wirkliche Unrecht sehen sie nicht. Das mit dem Dachdecker und dem Schäfer kam so plötzlich. Ich hatte gehofft, er würde gestehen. Ich habe ihm einen Drohbrief geschrieben. Aber er hat nichts gesagt“, sagte er.

 Deborah presste die Lippen aufeinander. Von dem Drohbrief hatte der Pfarrer gar nichts erzählt. Ob er ihn nicht bekommen hatte? Oder war er am Ende so verstockt, dass er den Brief einfach ignoriert hatte? Das würden sie später klären. Jetzt mussten sie sich erst einmal um Johannes Thälmann kümmern. Ein blaues Leuchten vor dem Wohnzimmerfenster verriet ihr, dass die Verstärkung bereits eingetroffen war.

 „Ich wollte niemandem wehtun“, flüsterte Johannes, „ich hatte gehofft, dass die Leute endlich aufwachen …“

 Deborah seufzte. „Das glaube ich Ihnen sogar!“

 Tillman trat mit den Kollegen ins Wohnzimmer und sah Deborah fragend an. Sie nickte. Sie waren hier erst einmal fertig. Die weitere Befragung würde im Präsidium stattfinden. Nachdem er sich das OP-Hemd ausgezogen, die Sternenkrone abgelegt und ein paar Sachen zusammengesucht hatte, folgte er Tillmans und Deborahs Kollegen widerstandslos aus der Wohnung.

 

 Frischer Kaffeeduft und der Geruch nach Weihnachtsbaum und Lebkuchen waberte durch die Wohnung. Alles war ganz wunderbar weihnachtlich. Deborah wusste gar nicht, wie sie Max danken sollte. Er hatte in den letzten Tagen geputzt, den Baum gekauft und geschmückt und alles hergerichtet. Wahrscheinlich würde sie die nächsten Wochen spülen müssen, um auch nur einen Teil der Schuld wieder gutzumachen.

 Nach dem Geständnis von Johannes Thälmann war sie mit Tillman zur Kirche gefahren und hatte den Pfarrer vorläufig festgenommen. Deborah hatte den Eindruck gehabt, als sei er beinahe erleichtert gewesen. Aber vielleicht hatte sie sich das auch eingebildet. Pfarrer Martin würde an diesem Weihnachten keine Messe lesen. Und wenn es nach ihr ginge, überhaupt nicht mehr, dachte Deborah grimmig. Aber das zu entscheiden, lag nicht an ihr. Das mussten andere bestimmen.

 Jetzt wollte sie erst einmal den Nachmittagskaffee mit Max und Anna genießen. Sie wollte sich gerade zu den beiden ins Wohnzimmer setzen, als es an der Haustür klingelte.

 „Geschlossene Gesellschaft“, rief Max. Deborah öffnete trotzdem. Tillman stand vor der Tür und hielt eine bunt verzierte Dose in den Händen.

 „Hallo. Ich wollte gar nicht stören“, sagte er, fast so, als ob er Max gehört hätte. „Ich wollte euch nur schnell einen kleinen Weihnachtsgruß vorbeibringen.“

 Deborah schüttelte ungläubig den Kopf. Wie machte ihr Kollege das nur? Sie war froh, dass sie zwischen Festnahme und Kaffeetrinken gerade eben noch das Geschenk für Max hatte einpacken können. Wann hatte Tillman noch Kuchen backen können?

 „Danke, Tillman. Magst du nicht kurz reinkommen?“

 Er schüttelte den Kopf. „Ich muss los. Meine Mutter erwartet mich pünktlich um fünf zum Kaffee. Sonst passt das, ihrer Meinung nach, hinterher nicht mehr mit der Weihnachtsmesse …“

 „Na dann. Vielen Dank! Grüß‘ deine Mutter, und frohe Weihnachten!“

 Tillman tippte sich wie zum Dank und zum Gruß gleichzeitig an die Stirn und wandte sich um.

 „Tillman, darf ich dich etwas fragen?“

 Ihr Kollege drehte sich auf dem Absatz um und sah sie aufmerksam an.

 „Wie kannst du nur weiterhin Mitglied dieser Kirche sein, die Kinder missbraucht und vergewaltigt?“

 Tillman seufzte traurig. „Glaub mir, es fällt nicht immer leicht und es macht mich so unfassbar wütend, wenn Leute wie Pfarrer Martin ein schlechtes Bild auf all die guten und einfühlsamen Priester und Ordensleute werfen. Aber Menschen wie er sind nicht die Kirche. Dazu gehören alle Christen. Und es ist unsere Aufgabe zu zeigen, dass der Großteil eben nicht reihenweise Kinder missbraucht. Und wir müssen aufmerksam sein und die Missstände anprangern und aufklären. Dazu müssen wir aber bleiben und dürfen uns nicht zurückziehen.“

 Deborah wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie dankte Tillman noch einmal und ging schließlich mit der Kuchendose zu Anna und Max. Wortlos nahm sie ihre Familie in die Arme. Sie war so dankbar, dass sie sie hatte und nichts in der Welt sollte sich wichtiger machen.