24. Dezember

Der Wecker klingelte und Oskar war mit einem Schlag hellwach. Sein Hals fühlte sich trocken an, sein Herz raste und aufgeregt krallte er die Finger um den Saum seiner Bettdecke. Es schien, als habe er die ganze Nacht nur auf diesen Moment gewartet und nun wünschte er sich nichts so sehr, als dass der Augenblick noch nicht gekommen wäre.

Nun war es soweit. Wenn er jetzt aufstand und in der Küche auf den Kalender sah, würde er herausfinden, ob es Montag, der 24. Dezember war – Heiligabend – oder ob Gott, die Zeit oder wer oder was auch immer kein Einsehen gehabt hatte.

Oskar wurde sich mit einem Schlag klar darüber, dass zwei völlig konträre Gefühle in seiner Brust nagten. Die Neugier, die wissen wollte, was los war, und die Angst, die lieber noch im Bett bleiben und den Moment der Wahrheit aufschieben wollte, um nicht womöglich enttäuscht zu werden.

Seine Zimmertür öffnete sich und im schummrigen Lichtkegel ihrer Taschenlampe konnte er Finchen auf sich zuschleichen sehen.

„Oskar, bist du schon wach?“, flüsterte sie.

„Klar“, brummte Oskar.

„Hast du schon auf den Kalender geguckt?“

Oskar schluckte. „Nein, Ich trau mich nicht“, gestand er seiner Schwester.

„Ich auch nicht. Ich glaube, ich habe kaum geschlafen vor Aufregung“, wisperte Finchen. „Aber ich will es jetzt auch wissen“, fügte sie hinzu und trat vor Oskars Bett von einem Fuß auf den anderen.

„Okay“, sagte Oskar und gab sich einen Ruck. „Lass uns zusammen nachschauen.“

Er schwang die Beine aus dem Bett, streckte sich und ging neben Finchen zur Küche. Hatten seine Beine jemals so gezittert? Er konnte sich nicht erinnern. Von der Küchentür bis zur Wand waren es nur ungefähr drei Meter, aber sie kamen ihm vor wie eine Marathonstrecke und er war sich nicht sicher, ob er diese Distanz bewältigen konnte.

Finchen ließ den Strahl ihrer Taschenlampe von rechts nach links und oben und unten schweifen. Schließlich hielt sie ihn genau auf den Kalender gerichtet. Dort hing er, wie immer. Außer ein paar schwarzen Flecken konnte Oskar im Halbdunkel und auf die Distanz nichts Genaueres erkennen.

Millimeterweise tapsten sie vorwärts. Oskar schloss die Augen, als sie an die Wand herantraten. Er hörte Finchen neben sich nervös atmen. Ob sie auch die Augen geschlossen hatte? Er konnte es nur ahnen. Jetzt galt es. Langsam zählte er im Kopf. Eins, zwei, drei!

Er öffnete die Augen, blinzelte, tastete sich mit dem Blick langsam an den Zeilen des Kalenderblatts hinunter. 20. Dezember, 21. Dezember, 22, Dezember, 23. Dezember …

„Oskar!“

In dem Moment, wo Finchen seinen Namen rief, sah er es selbst.

Er war da, er war wirklich da. Dort, unter Sonntag, dem 23. Dezember stand Montag, 24. Dezember.

Finchen und Oskar jubelten gleichzeitig los und vergaßen dabei völlig, dass es noch früh am Morgen war. Es dauerte auch nicht lang, da kam Papa aufgeregt in die Küche gelaufen.

„Kinder, was ist denn los! Müsst ihr so früh am Morgen schon so einen Lärm veranstalten?“

„Er ist wieder da, Papa. Es ist der 24. Dezember!“, rief Finchen und tanzte um Papa herum.

„Oh, ja und?“, fragte Papa verdattert.

„Der Tag hat die ganzen letzten vier Wochen gefehlt, er war einfach verschwunden, und jetzt ist er wieder da und – ach, ich freu mich so!“

Finchen tanzte eine weitere Runde um Papa, während Oskar immer wieder auf den Kalender sah, um sich zu vergewissern, dass der 24. nicht doch plötzlich wieder verschwand.

„Schon recht“, murmelte Papa und gähnte. „Aber dann wird es jetzt langsam Zeit fürs Frühstück. Schließlich müsst ihr nachher zur Schule und ich zur Arbeit.“

„Nein“, widersprach Oskar. „Wir haben Ferien und du hast frei!“

„Wie bitte?“

„Ich war bei deinem Chef und er hat dir für heute Urlaub gegeben, damit wir zusammen das große Fest feiern können.“

„Donnerwetter!“

Papa war sprachlos und wollte es für einen Moment nicht glauben, aber als Finchen ihm von ihrem Besuch im Büro erzählte, ahnte er langsam, dass sie keine Märchen erzählte.

Obwohl sie nun eigentlich wieder ins Bett gehen und noch ein Stündchen hätten schlafen können, blieben Oskar und Finchen wach. Sie waren viel zu aufgekratzt, um jetzt an Schlaf zu denken. Oskar schrieb gleiche eine Nachricht an Piet, der jedoch selbst schon im Kalender nachgesehen und die frohe Botschaft entdeckt hatte.

Obwohl sie mit den Vorbereitungen des Festessens und dem Schmücken der Wohnung noch genug zu tun hatten, konnte ihnen die Zeit bis zum Nachmittag nicht schnell genug vergehen. Die Minuten schienen nur so dahinzuschleichen. Um halb drei hielt Finchen es schließlich nicht mehr aus.

„Komm, wir holen Oma ab“, sagte sie. „Nicht, dass sie wieder unser Krippenspiel vergessen.“

Aber Oma und die anderen Senioren schienen ebenso aufgeregt wie Finchen und Oskar. Jedenfalls brauchte es keine große Überredungskunst, um sie zu einem früheren Aufbruch zur Kirche zu bewegen, und so standen sie gemeinsam um halb vier in der Kirche, wo auch Max, Johanna und die Drillinge schon warteten.

„Fehlt nur noch Jonte“, dachte Oskar und fühlte einen kleinen Stich. So sehr hatte er gehofft, der Obdachlose würde noch kommen. Dann wäre das Weihnachtsglück wirklich perfekt gewesen.

Gegen viertel vor vier füllte sich die Kirche zusehends und um vier waren schließlich die allermeisten Bänke besetzt. Der Pfarrer begann den Gottesdienst und erzählte, dass es die Idee der Kinder gewesen sei, Jesu Geburtstag zu feiern. Oskar kaute auf seiner Unterlippe. Die Worte des Pfarrers klangen nicht gerade so, als wüsste er, was Weihnachten war.

Dann mussten sie sich jetzt beim Krippenspiel eben mächtig ins Zeug legen, dachte er. Sie würden den Leuten ein Krippenspiel präsentieren, wie sie es noch nie erlebt hatten.

Entschlossen trat er hinter den anderen aus der Bank und sie bezogen Aufstellung vor dem Altar. Mit lauter Stimme begann Max seine Rolle als Joseph zu spielen, so überzeugend, als sei er gar nicht mehr Max, sondern wirklich der Zimmermann, der mit seiner Verlobten nach Bethlehem gegangen war. Auch Sarah und Julia machten ihre Sache gut.

„Ich hab den ganzen Tag zig Leute aufgenommen und war froh, dass ich endlich mal zur Ruhe kam. Und dann kamen zwei Stunden nachdem die Rezeption schon zu war, noch diese zwei Leute an, die dann auch noch meinten, sie könnten ihr Kind bei mir kriegen. Also nee, irgendwo hört die Güte dann auch auf, oder?“, sagte Julia zum Schluss.

Oma und der Seniorenchor stimmten Macht hoch die Tür an und die Gemeinde lauschte gebannt. Sie waren gerade bei der letzten Strophe angelangt, als plötzlich die Tür aufging und hinter einem Mann krachend ins Schloss fiel. Erschrocken hörten die Senioren auf zu singen und die Leute in den Bänken wandten sich erschrocken um.

Ein Mann in zotteligem Bart und abgetragener schmutziger Kleidung kam den Mittelgang hinunter auf den Altar zugeschritten. Auf den Gesichtern der Leute spiegelten sich Entsetzen, Ablehnung und teilweise so etwas wie Ekel. Aber auf Oskars Gesicht breitete sich ein Grinsen aus, das von einem Ohr zum anderen reichte. Jonte war da! Er war wirklich gekommen.

„Fürchtet euch nicht“, rief Jonte in die überraschte Stille. „Ich bringe euch eine große Freude. Vor 2000 Jahren hat Gott seinen Sohn auf die Welt geschickt und er hat als Mensch unter uns gelebt. Er war für alle da, die ihn brauchten. Diese Geburt ist lange her, aber die Menschen haben sie immer gefeiert. Und heute, heute wurde uns der Tag geschenkt, dass wir dieses Fest feiern können. Wir dürfen es uns gemütlich machen, kommen mit Menschen zusammen, die wir mögen und machen uns vielleicht sogar Geschenke. Auch wenn wir nicht daran glauben, ob Gottes Sohn auch heute noch für uns da ist, haben wir diesen Tag, an dem wir uns geborgen wissen dürfen. Bei Freunden, bei der Familie oder hier in der Kirche.“

Jonte schwieg, setzte sich vor den Kindern auf die Altarstufen und sah auf die perplex dreinblickende Gemeinde. Oskar sah Jonte sprachlos an. Der Obdachlose hatte das Konzept ihres Stücks mit seinem Auftritt gesprengt, aber das, was er gesagt hatte, war besser, als alles, was Oskar sich in den letzten Tagen überlegt hatte. Bildete er es sich ein, oder war da tatsächlich ein Schimmer um Jontes Kopf herum? Ob er wirklich ein Verkündigungsengel war?

Ehe er sich darüber genauere Gedanken machen konnte, fing Oma plötzlich an Alle Jahre wieder zu singen und nach und nach fielen Finchen, Johanna und Max ein. Auf einmal schien auch den Besuchern aufzugehen, wie recht Jonte hatte, dass Weihnachten war und wie schön es war hier beisammen zu sein. Sie alle stimmten ein in den Gesang, der direkt in ein zweites und ein drittes Weihnachtslied überging. Oskar ging auf Jonte zu und nahm ihn vor Freude in den Arm. Jetzt konnte er verstehen, was Jonte vor ein paar Wochen gemeint hatte.

 

Bis heute Morgen, ja, eigentlich noch bis gerade eben, hatten sie zittern müssen, ob Weihnachten zurückkehrte. Aber jetzt war es da. Und dass sie hier zusammen standen, Lieder sangen und glücklich waren, war wohl das, was Jonte Gnade genannt hatte.