3. Dezember

Nach den Ereignissen des Wochenendes hatte Oskar nicht ernsthaft damit gerechnet, dass in der Schule alles normal sein würde. Trotzdem war er enttäuscht, als er die Schule betrat und in der Eingangshalle nur der alte Bonsaibaum neben dem Vertretungsplan stand. Wäre wirklich Advent gewesen, hätte dort nun ein großer Tannenbaum gestanden, den die Fünftklässler in der Mittagspause geschmückt hätten.

Ehe Oskar darüber richtig traurig werden konnte, kam sein bester Freund Piet ins Gebäude.

„Fällt noch irgendetwas anderes aus, außer Weihnachten?“, fragte er und sah hoffnungsvoll auf den Vertretungsplan.

„Ist bei euch etwa auch der 24. Dezember aus dem Kalender verschwunden?“

Oskar konnte es kaum glauben. Andererseits – warum sollte ausgerechnet bei Piet noch die Welt in Ordnung sein, wenn sie überall sonst verkehrt war?

„Ja, total seltsam“, sagte Piet. „Am Samstag hab ich es erst nicht kapiert. Wäre ja nicht das erste Mal gewesen, dass meine Eltern zwischen ihren tausend Business-Trips vergessen hätten, mir einen Adventskalender zu besorgen.“

Oskar schwieg bedrückt. Er konnte sich noch gut ans letzte Jahr erinnern, als Piet vor Freude beinahe geheult hätte, weil er von Oskars Eltern einen kleinen Nikolausstiefel bekommen hatte.

Es klingelte zur ersten Stunde und Oskar ging neben Piet, der immer noch redete, zum Klassenraum.

„ … Dass Heiligabend im Kalender fehlt, hab ich gestern nur zufällig gesehen, als ich eingetragen habe, dass mein Vater erst am 23. von seiner Geschäftsreise zurückkommt“, erzählte Piet und ließ sich neben Oskar auf seinen Platz fallen.

„Guten Morgen zusammen. Willkommen in der neuen Woche. Wir haben viel vor heute.“

Vorn am Pult klatschte die Lehrerin Frau Marten-Kothe in die Hände und schwenkte ihren Blick durch die Tischreihen.

„Können wir ein bisschen Weihnachtsdekoration basteln?“, rief Jolanda. „Die Fenster sehen ganz kahl aus.“

„Dekoration?“, rief Frau Marten-Kothe entsetzt. „Basteln? Kinder, aus dem Alter seid ihr doch wohl heraus. Wir werden uns weiter um unser Stadtprojekt kümmern. Herr Sahlmann müsste auch jeden Moment kommen.“

Oskar seufzte und Piet verdrehte dazu die Augen. Nicht genug, dass Weihnachten ausfiel, jetzt war auch noch fachübergreifender Unterricht und sie mussten in Kunst Quader berechnen, um ihre Traumstadt zu bauen. Irgendjemand wollte wohl ganz sicher gehen, dass ihnen jeder Spaß verging.

„Wir können ja ein Weihnachtsmanndorf planen“, schlug Piet vor.

„Und was ist mit unseren Planungen von letzter Woche?“, fragte Oskar und zog die Skizze aus seiner Zeichenmappe hervor. „Die fand Frau Marten-Kothe doch so toll.“

„Na und? Als Architekt muss man manchmal seine Pläne überdenken“, meinte Piet schulterzuckend, zog seinen Collegeblock hervor und begann eine neue Skizze.

Während Oskar und Piet und ihre Klassenkameraden an ihre Städteplanungen begaben, gab es für sie alle dennoch nur ein Thema; das verschwundene Weihnachtsfest. Am Nebentisch hörte Oskar Jolanda und Marie darüber tuscheln, dass auch sie keine Adventskalender bekommen hätten und dass der 24. Dezember aus ihren Kalendern verschwunden sei.

Erstaunlicherweise schienen weder Frau Marten-Kothe noch Herr Sahlmann diese Gespräche mitzubekommen. Dabei sprachen sie alle deutlich lauter als im Flüsterton. Normalerweise verbot Frau Marten-Kothe jedes Gespräch im Kunstunterricht. Sie war der Meinung, dass Stille die Kreativität fördere. Aber heute forderte sie die Klasse nicht zur Ruhe auf. Sie ging nur von einer Arbeitsgruppe zur nächsten, beäugte die Stadtentwürfe, lobte und kritisierte hier und da.

Am Ende der Doppelstunde sahen Piet und Oskar zufrieden auf die ersten zwei Häuser ihres Weihnachtsmanndorfs. Frau Marten-Kothe hatte die Idee sehr amüsant gefunden, dass sich in Oskars und Piets Traumstadt alle mit Rentierschlitten vorwärts bewegten. Oskar hatte nur die Augen verdrehen können. Die Frau verstand aber auch gar nichts. Schließlich besaß nur der Weihnachtsmann einen Rentierschlitten. Aber das von dem Weihnachtsmann hatte die Kunstlehrerin ja nicht hören können.

„Ich hätte jetzt richtig Lust auf eine Tüte gebrannter Mandeln“, sagte Oskar.

„Au ja, ich auch. Wir können ja nach der Schule auf dem Weihnachtsmarkt eine Tüte kaufen“, schlug Piet vor.

„Glaubst du, den Weihnachtsmarkt gibt es noch?“

 

Gleich nach dem Unterricht machten sie sich auf den Weg in die Stadt. Mittlerweile trieb sie weniger die Lust auf gebrannte Mandeln als die Neugier an. Oskar traute sich gar nicht aufzusehen und hielt den Blick fest auf den Boden gerichtet, während er neben Piet durch die Straßen lief. Er wollte nicht noch eine weitere Enttäuschung erleben.

„Schau mal“, sagte Piet schließlich.

Oskar horchte auf. Piet klang nicht enttäuscht, vielmehr erfreut. Vorsichtig hob Oskar den Kopf. Sie standen am Rand des Marktplatzes und dort – Oskar wollte es kaum glauben – waren tatsächlich einige Holzhütten aufgebaut.

„Wow. Es gibt einen Weihnachtsmarkt!“

Schon an der zweiten Hütte kaufte Oskar eine Tüte gebrannter Mandeln. An einer weiteren Hütte wurden heiße Maronen und Waffeln verkauft, an einem weiteren Stand verkaufte eine alte Frau Stricksocken und Mützen.

Eine Weile schlenderten Oskar und Piet an den Ständen vorbei und genossen die noch warmen Mandeln, die knuspernd zwischen ihren Kiefern brachen. Beinahe schien die Welt wieder in Ordnung zu sein. Hier waren Holzhütten zur rechten und linken, der Geruch von Feuerschalen und Maronen hing in der Luft und auf ihren Zungen lag der Geschmack von gebrannten Mandeln. War da nicht schon ein Hauch von Weihnachten? Oskar schloss genüsslich die Augen.

„Irgendwie ist das trotzdem komisch“, durchbrach Piet plötzlich ihr Schweigen.

„Was?“, fragte Oskar überrascht und nahm die letzte Mandel aus der Papiertüte.

„Es sieht überhaupt nicht weihnachtlich aus“, sagte Piet.

Oskar sah sich verwundert um. Was fehlte denn? Er ging ein paar Schritte zwischen den Hütten auf und ab und ließ den Blick schweifen.

„Fällt dir nichts auf?“, fragte Piet.

Oskar schüttelte den Kopf. Was meinte Piet?

„Na, siehst du hier irgendwo etwas Weihnachtliches? Hier steht kein geschmückter Weihnachtsbaum auf dem Platz, keine Kerzenpyramide und es gibt keinen einzigen Stand, an dem man Krippen, Engel oder Sterne kaufen kann. Und einen Weihnachtsmann, der Schokolade verteilt habe ich auch noch nicht gesehen.“

Oskar zerknüllte enttäuscht die leere Papiertüte in seiner Hand. Piet hatte absolut recht. Außer den kulinarischen Spezialitäten gab es hier nichts Weihnachtliches. Aber wozu dann das alles? Warum bauten die Erwachsenen Hütten auf, um Maronen und gebrannte Mandeln zu verkaufen? Selbst gestrickte Socken ließen sich doch übers Internet mit Sicherheit viel bequemer verkaufen, als hier in der Kälte zu stehen.

Mit grimmiger Miene warf Oskar die zerknüllte Tüte in einen Papierkorb.

„Jetzt will ich aber wissen, was los ist“, knurrte er entschlossen. Piet mit sich ziehend ging er auf den nächstgelegenen Stand zu, wo ein junger Mann Holzspielzeug verkaufte.

„Entschuldigung, darf ich Sie was fragen?“

„Na klar“, sagte der Mann.

„Haben Sie auch Weihnachtssachen?“, fragte Oskar, obwohl er nur zu gut sehen konnte, dass hier nur Autos, Puppenbetten und Kreisel aufgebaut waren.

„Entschuldigung, ich hab dich nicht verstanden. Was suchst du?“, fragte der junge Mann.

„Weihnachtssachen. Krippenfiguren zum Beispiel“, erklärte Oskar.

Der Mann schien Oskars Erklärung gar nicht gehört zu haben. Wütend stampfte Oskar mit dem Fuß auf.

„Was ist denn das hier für ein Markt, verdammt noch mal!“

Eigentlich hatte er das nur aus purer Verzweiflung gerufen, aber der junge Mann fühlte sich offenbar angesprochen.

„Na, der Wintermarkt. Der findet doch jedes Jahr statt.“