3. Dezember

 

 

Das Obst auf dem Teller roch süß und saftig. Aber sie rührte es nicht an. Es störte sie nicht, dass die Apfelscheiben sich schon ein bisschen bräunlich verfärbt hatten. Doch sie brachte einfach nichts herunter. Auch das Brötchen mit Marmelade lag seit Stunden schon auf dem Teller. Lediglich von dem Kräutertee hatte sie einen Schluck getrunken. Doch ihr war sofort schlecht geworden, und so hatte sie es bleiben lassen. Alles, was in ihren Körper gelangte, brachte doch nichts Gutes ein.

 Sie hatte den kleinen Spiegel, der an der Wand gehangen hatte, abgenommen und umgedreht. Sie wollte sich nicht sehen. Ihr schmales Gesicht, ihre dunklen Augen, ihre dichten dunkelblonden Haare und ihre zierliche Gestalt. Alle hatten ihr immer gesagt, wie hübsch sie sei. Sie wollte nicht hübsch sein. Dann wäre sie jetzt nicht hier.

Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, aus ihrem Körper herauszukommen. Jemand anders zu sein. Vielleicht wäre es sogar besser, überhaupt nicht zu sein. Wer würde sie schon noch wollen? Nach allem, was passiert war? Sie konnte doch niemandem mehr unter die Augen treten! Dieser eine Fehler, der ihr unterlaufen war. Nur ein kurzer Moment – warum war sie nur so dumm gewesen. Hätte sie es nicht ahnen müssen? Sie würde es sich nie verzeihen können.

 Sie musste weg. Weit weg. Wo sie niemand kannte. Er hatte ihr Zuflucht gegeben. Für den Moment. Aber hier konnte sie nicht bleiben. Was sollte denn aus ihm werden? Sie würde ihm nur Probleme bereiten.

 Sie stand auf, ging auf die Tür auf der anderen Seite des Raums zu und drückte die Klinke. Die Tür öffnete sich nicht. Sie drückte die Klinke etwas fester, zog daran. Die Tür war abgeschlossen.

 Nein, das konnte nicht sein. Warum sollte er sie einschließen? Noch einmal drückte sie die Klinke, rüttelte fester als zuvor. Die Tür bewegte sich keinen Millimeter. Sie war eingeschlossen.

  

Chantals Aussage ging Deborah nicht mehr aus dem Kopf. Das Mädchen hatte nichts wirklich Handfestes bieten können, an dem sich Magdalenas angebliche Veränderung festmachen ließ. Aber konnte der Eindruck einer besten Freundin so falsch sein? Als Herr Jungblut am Nachmittag im Kommissariat angerufen und Bescheid gegeben hatte, dass eine Handtasche seiner Tochter sowie ein Pullover und ein Rock fehlten, hatte sie ihn auf Chantals Beobachtung angesprochen. Herr Jungblut meinte jedoch, nichts Auffälliges bemerkt zu haben. Er wiederholte nur, was auch Chantal schon gesagt hatte. Magdalena habe viel gelernt und sei vielfältig engagiert. Das könnte mitunter stressig sein.

 Für Tillman sprachen die fehlenden Kleidungsstücke für die Theorie, dass Magdalena abgehauen sein könnte.

 „Mit einem Satz Klamotten?“, fragte Deborah skeptisch. „Damit kommt sie doch nicht weit. Welche 16-Jährige trägt denn freiwillig tagelang die gleichen Sachen?“

 „Vielleicht brauchte sie auch nur zwei Tage ihre Ruhe …“, überlegte Tillman.

 „Dann wäre sie doch spätestens gestern Abend wieder aufgetaucht, wenn sie heute auch etwas frisches zum Anziehen haben will. Laut ihrer Eltern hat sie nicht besonders viel Taschengeld bekommen und den Großteil davon angelegt.“

 „Hat schon jemand nachgeprüft, ob sich an ihrem Konto etwas getan hat?“

 „Simon ist mit der Bank in Kontakt“, sagte Deborah. „Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Magdalena shoppen gegangen ist, werden wir das bald wissen.“

 Tillman erhob sich von seinem Schreibtischstuhl, trank den letzten Schluck Kaffee aus seiner Tasse und stellte sie neben seinem Bildschirm ab. Deborah wusste, dass sie dort wieder bis morgen stehenbleiben und Tillman sich dann beschweren würde, dass seine Tasse nie sauber sei. Aber sie verkniff sich einen Kommentar. In dieser Hinsicht konnte, wollte und würde sie ihren Kollegen nicht mehr erziehen.

 „Dann auf zur Kirchengemeinde“, sagte Tillman und schlüpfte in seine Jacke.

 Ungemütlicher Wind schlug ihnen entgegen, als sie über den Kirchplatz um die Kirche herum gingen. Deborah wollte gerade die Stufen zum Gemeindebüro hinaufsteigen, als die angrenzende Tür des Gemeindehauses geöffnet wurde und eine Ordensschwester hinaustrat.

 „Guten Tag, wollen Sie zu uns?“, fragte sie und sah Deborah und Tillman freundlich an.

 „Gehören Sie zur Gemeinde?“, erkundigte sich Deborah und stellte sich und Tillman vor.

 „Ich bin Schwester Benedicta, ich bin die Gemeindereferentin“, erwiderte die Ordensschwester. Ihr Gesicht war immer noch aufgeschlossen und freundlich, doch ihr Blick war bei Deborahs Vorstellung besorgt geworden. „Sie kommen wegen Magdalena, nicht wahr?“

 Schwester Benedicta öffnete die Tür zum Gemeindebüro und führte Deborah und Tillman hinein.

 „Haben Sie Magdalena am Sonntag noch gesehen?“

 „Nur kurz im Vorbeigehen“, gab Schwester Benedicta Auskunft. „Ich war die ganze Zeit in der Küche und habe mich um die Suppe und das Geschirr für die Gemeinde gekümmert. Nur beim Tischgebet habe ich sie gesehen.“

 „Kennen Sie Magdalena gut?“

 Die Ordensschwester sah sie nachdenklich an. „Ja, das würde ich schon sagen“, antwortete sie schließlich. „Mit Sicherheit nicht so gut wie ihre Freunde sie kennen. Aber ich habe sie ja hier in der Gemeinde praktisch aufwachsen sehen. Im Kindergarten, im Kinderchor, bei den Messdienern. Sie ist ja sehr engagiert.“

 Deborah überlegte einen Augenblick, ob sie die Gemeindereferentin nach einer möglichen Veränderung des Mädchens fragen sollte, entschied sich aber rasch, es auf den Versuch ankommen zu lassen. Schwester Benedicta wirkte überrascht.

 „Nein. Das kann ich wirklich nicht sagen. Allerdings habe ich auch mehr mit den jüngeren Kindern zu tun. Ich betreue die Gruppenstunden der Kommunionkinder und so weiter. Aber Magdalena ist verlässlich, das war sie schon immer.“

 „Sie glauben also nicht, dass sie aus irgendeinem Grund weggelaufen sein könnte?“, fragte Deborah forschend.

 Schwester Benedicta schüttelte resolut den Kopf. „Nein, das würde sie nicht tun.“

 Deborah nickte. Sie hatte nicht wirklich daran geglaubt, aber trotzdem noch gehofft, dass irgendjemand doch noch andeuten könnte, Magdalena habe nur eine kurze Auszeit gebraucht. Aber mit jedem Gespräch, das sie führte, zerschlug sich diese Hoffnung. Es sah schlecht aus.

„Sagen Sie, der Herr Pfarrer ist nicht zufällig zu sprechen?“, fragte sie. Sie hielt es für unwahrscheinlich, aber vielleicht hatte sich Magdalena ja dem Seelsorger anvertraut, wenn sie irgendetwas belastet hatte.

„Nein, tut mir leid. Dienstags ist immer Gottesdienst in der Seniorenwohnanlage mit anschießendem Frühstück. Das zieht sich meistens den ganzen Vormittag“, gab Schwester Benedicta Auskunft. „Aber vielleicht kann unser Jugendleiter Ihnen weiterhelfen. Er hat viel mit Magdalena zu tun. Er müsste auch gleich hier sein, er wollte mir noch einige Kirschzweige für die Gruppenstunde heute Nachmittag bringen.“

Sie lud die Polizisten ein, im Büro zu warten und bot ihnen einen Kaffee an. Deborah sah sich im Büro um. Bis auf ein paar geistliche Schriften und das Holzkreuz mit Korpus an der Wand, war es ein Büro wie viele andere auch. Tillman, der mit dem Rücken zu dem Kreuz saß, schien die Wartezeit zu genießen. Deborah hingegen konnte den Blick nicht von dem Gekreuzigten abwenden. Es war nur eine grob geschnitzte Figur. Keine ausgefeilten Details. Und dennoch schien die Haltung des Gekreuzigten friedlich und das nicht dargestellte Gesicht zu lächeln. Sie runzelte die Stirn über ihre eigenen Gedanken. Das war doch nicht möglich. Und selbst wenn, wie konnte jemand, der auf so brutale Weise ermordet worden war, so friedlich aussehen?

Die Tür öffnete sich, trug den kalten Wind von draußen kurz mit herein und ein großgewachsener junger Mann betrat das Büro. Unter dem Arm trug er ein Bündel Zweige.

„Guten Morgen“, sagte er, warf Deborah und Tillman einen verwunderten Blick zu und sah sich suchend um. Das konnte nur der Jugendleiter sein, von dem die Ordensschwester gesprochen hatte. Deborah deutete auf das Nebenzimmer, der junge Mann nickte und ging in den Nebenraum.

"Ach, Johannes, schön dass du da bist“, hörten sie Schwester Benedicta sagen.

Kurz darauf erschienen beide wieder im Büro und Schwester Benedicta stellte dem jungen Mann die beiden Polizisten vor.

„Haben Sie noch einen kurzen Augenblick für uns Zeit?“, wollte Deborah wissen.

Johannes nickte. „Ja, wenn es nicht zu lange dauert. Ich habe gleich noch einen Termin.“

„Nur ein paar Fragen“, versprach Deborah. „Schwester Benedicta sagte, Sie hätten guten Kontakt zu Magdalena Jungblut, ist das richtig?“

„Sie ist Mitglied unserer Leiterrunde, also sehen wir uns wöchentlich bei unseren Vorbereitungstreffen“, erklärte Johannes.

„Sind Sie darüber hinaus näher befreundet?“, fragte Tillman.

Deborah entging nicht, dass der Blick des jungen Mannes sich verdüsterte. Offenbar gefiel ihm die Frage nicht. Als er antwortete, klang seine Stimme jedoch unverändert.

„Wir kennen uns gut, das bleibt nicht aus, wenn man sich hier in der Gemeinde engagiert. Aber ich bin ja einige Jahre älter als sie. Zu ihrem engsten Freundeskreis würde ich mich nicht zählen.“

„Waren Sie am Sonntag auch hier? Haben Sie da mit Magdalena gesprochen?“, fragte Tillman weiter.

Johannes‘ Handy klingelte. Er zog es aus seiner Jackentasche, sah auf das Display, machte eine entschuldigende Geste und nahm das Gespräch entgegen.

„Hi … Ja, ist gut … Ich bin gleich da …“ Er legte auf, steckte das Handy zurück in die Tasche und sah Tillman an. „Entschuldigung, mein Termin … Zu ihrer Frage; ich war am Sonntag nur in der Messe.“

Dem jungen Mann war anzusehen, dass er unter Zeitdruck stand.

„Gut, danke“, gab Tillman nach. „Vielleicht haben wir später noch ein paar Fragen.“

Johannes nickte und kritzelte seine Handynummer auf ein Stück Papier. „Kein Problem, aber jetzt muss ich wirklich.“ Er winkte Schwester Benedicta noch kurz zu, dann war er schon wieder durch die Tür.

Die Ordensschwester lächelte versonnen.

„Ohne Menschen wie ihn könnte eine Gemeinde nicht überleben“, sagte sie. „Er macht mehr als er müsste.“

„Und das ganz ohne Ordensgewand?“, spottete Tillman. Deborah warf ihm einen scharfen Blick zu. Doch die Gemeindereferentin lächelte ungerührt.

„Um ein guter Mensch zu sein, braucht es kein Habit.“