4. Dezember

 

 „Hast du deine Brotdose eingesteckt?“, fragte Deborah ihre Tochter und steckte sich ihrerseits schnell zwei Mandarinen in die Handtasche. Es war halb sieben, draußen noch stockfinster und das elektronische Thermometer auf der Garderobe zeigte eine Außentemperatur von Minus zwei Grad an. Anna kam aus dem Badezimmer getrottet und rieb sich die Augen. An Deborah nagte das schlechte Gewissen. Schlimm genug, dass sie selbst kaum Schlaf bekam. Jetzt musste sie auch ihre Tochter in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett scheuchen. Max war gestern Abend zu einer Tagung aufgebrochen. Und sie selbst wurde auch um sieben wieder im Kommissariat erwartet. Für ruhige Vormittage, an denen sie ihr Kind um kurz vor acht in die Schule verabschiedete und dann in Ruhe die Küche aufräumte, hatte sie sich eindeutig den falschen Job ausgesucht. Aber durfte sie sich darüber beklagen, dass sie ihre Tochter in den Hort geben musste, wenn eine andere Familie gerade ihre Tochter vermisste?

 Seufzend wickelte sie Anna den Schal um den Hals und zog ihr den Reißverschluss des Anoraks zu. Gähnend schulterte Anna ihren Ranzen und folgte Deborah zum Auto. Eigentlich war es schon zu spät, um noch mit auszusteigen. Aber Deborah brachte es nicht übers Herz, Anna alleine zum Hort gehen zu lassen, auch wenn es nur hundert Meter waren. Sie schloss den Wagen ab und begleitete ihre Tochter bis zum Schultor.

 „Mama, ich bin doch schon groß“, sagte Anna.

 „Ich weiß, mein Engel“, entgegnete Deborah und schloss ihre Tochter in ihre Arme. „Ich hab dich lieb.“

 „Ich dich auch“, flüsterte Anna zurück und löste sich aus der Umarmung. „Gibt’s Pizza heute Abend?“

 „Mal sehen“, sagte Deborah augenzwinkernd.

 

 „Du brauchst deine Jacke gar nicht erst auszuziehen, wir fahren gleich los“, empfing Tillman sie, als sie um kurz nach sieben das Kommissariat erreichte.

 „Was ist denn los?“

 „Herr Jungblut hat angerufen. Es gibt Neuigkeiten“, sagte Tillman und eilte bereits den Flur wieder hinunter, in einem Tempo, dass Deborah Mühe hatte hinterherzukommen.

 „Sag bloß, Magdalena ist wieder zurück.“

 Tillman drehte sich im Lauf um und sah sie beinahe bedauernd an. „Debbie, ich habe von Neuigkeiten gesprochen, nicht von guten Neuigkeiten. Herr Jungblut hat sich nicht näher geäußert, aber es klang nicht so, als sei das Mädchen wieder da.“

 Jemand schien hinter der Tür gesessen zu haben, denn es wurde geöffnet, kaum dass Deborah bei der Familie Jungblut geklingelt hatte. Überrascht fanden sich Deborah und Tillman einem ungefähr zehnjährigen Mädchen gegenüber, das sie aus großen braunen Augen erwartungsvoll ansah. Nach wenigen Sekunden tauchte Herr Jungblut hinter dem Mädchen auf.

 „Barbara, mach mal Platz und lass die Kommissare eintreten“, bat er das Mädchen leise, aber bestimmt.

 Barbara machte einen Schritt zur Seite und verschwand im Innern der Wohnung. Musste das Kind nicht in die Schule? Wieder wurden Deborah und Tillman in die Küche geführt. Deborah erschrak beim Anblick von Frau Jungblut. Waren ihre Augen und Wangen vor zwei Tagen noch gerötet gewesen, war ihr Gesicht nun grau und ihr Blick ausdruckslos. Sie schien in den vergangenen Stunden um Jahre gealtert zu sein. Wie eine Statue saß sie am Küchentisch und Deborah wollte sie einerseits schütteln, um sie aufzuwecken, und andererseits fest in den Arm schließen, um ihr Trost zu spenden. Beides musste sie der Professionalität halber unterlassen. Doch alle Professionalität half nichts gegen den Schreck, den ihr der Anblick von Magdalenas Mutter einjagte.

 „Sie sagten, es habe sich etwas Neues ergeben“, eröffnete Tillman das Gespräch. „Was ist passiert?“

 Frau Jungblut reagierte nicht. Ihr Mann aber warf dem kleinen Mädchen einen bedeutungsvollen Blick zu.

 „Barbara hat heute Morgen etwas in Magdalenas Bett gefunden“, sagte er und reichte Tillman einen schmalen, länglichen weißen Gegenstand. Deborah durchfuhr es eiskalt.

 „Ihre Tochter ist schwanger?“, fragte Tillman ungläubig und reichte Deborah den Schwangerschaftstest, der eindeutig zwei blaue Streifen anzeigte.

 Herr Jungblut schüttelte gequält den Kopf. „Ich kann das einfach nicht glauben. Magdalena würde doch nie … Sie ist doch noch so jung!“

 „Wie lang hat Ihre Tochter denn schon einen Freund?“, fragte Tillman.

 „Magdalena hat keinen Freund“, erwiderte Herr Jungblut.

 Tillman räusperte sich und öffnete den Mund, aber Deborah boxte ihm ihn die Rippen, eher er etwas Unüberlegtes sagen konnte. In dieser Familie schien es offenbar mehr Geheimnisse zu geben, als gut für ihre Mitglieder war. Wie hatte Tillman nur so einfach davon ausgehen können, dass Magdalenas Eltern von einem möglichen Freund wissen konnten? Deborah hockte sich an den Tisch und sah Barbara an, die die Unterhaltung bislang stumm verfolgt hatte.

 „Du hast also den Schwangerschaftstest in dem Bett deiner Schwester gefunden?“, fragte sie.

 Barbara nickte. Und als ob sie nur darauf gewartet hätte, endlich erzählen zu dürfen, sprudelte es aus ihr heraus: „Ich habe sie gestern so vermisst, deshalb habe ich in ihrem Bett geschlafen. Und heute Morgen habe ich etwas Hartes in dem Kopfkissen gefühlt. Ich habe gedacht, es wäre ein Kugelschreiber, weil Magda manchmal noch Hausaufgaben im Bett macht. Aber es war kein Stift.“

 „Wusstest du denn, was das ist?“, erkundigte sich Deborah und hielt den Schwangerschaftstest hoch.

 „Ja. Wir haben im Sachunterricht gerade das Thema Baby und unsere Lehrerin hat erzählt, dass es diese Tests gibt“, erzählte Barbara.

 Ein Hoch auf die frühe Aufklärung, schoss es Deborah durch den Kopf. Und ein doppeltes Hoch auf eine aufgeweckte kleine Schwester wie Barbara es war. Aber der Schwangerschaftstest machte die ganze Sache nicht gerade leichter. Zwar gab es nun eine mögliche Erklärung, warum Magdalena vielleicht doch weggelaufen sein könnte. Aber wohin blieb genauso offen wie die nun neue Frage, wer der Vater des Kindes sein mochte.

 „Hat deine Schwester dir erzählt, ob sie einen Freund hat?“, fragte Deborah.

 Barbara schüttelte heftig den Kopf. „Nein, aber am Freitag hat sie nachts ganz doll geweint. Ich wollte sie trösten und hab gefragt, was lost ist. Aber sie hat gesagt, dafür wäre ich zu klein und ich würde das nicht verstehen.“

 Nachdenklich stand Deborah wieder auf. Ihre Knöchel schmerzten.  Magdalena war also wenige Tage vor ihrem Verschwinden verzweifelt gewesen, wenn man ihrer Schwester glaubte. Aber war es Liebeskummer oder der Schock über die Schwangerschaft gewesen? Oder beides? Barbara erschien ihr vertrauenswürdig. Deborah glaubte nicht, dass sie etwas verheimlichte. Zumindest nicht wissentlich.

 „Hat Magdalena am Wochenende noch etwas zu dir gesagt? Oder ist dir etwas aufgefallen? War sie vielleicht anders als sonst?“

 Barbara verzog nachdenklich das Gesicht. „Ich weiß nicht. Eigentlich nicht … Nur …“, sagte sie schließlich zögerlich. „ … wir beten abends immer zusammen vorm Schlafen und am Samstag hat sie hinterher noch etwas leise gesagt …“

 Deborah horchte auf. „Was war das, Barabara? Das kann wichtig sein!“

 „Ich bin mir nicht sicher“, sagte das Mädchen leise. „Es klang so wie Oh Gott, ich kann nicht mehr.“

 

nächstes Kapitel