4. Dezember

Wintermarkt! Der junge Mann, der das Holzspielzeug verkaufte, hatte Oskar und Piet angeschaut, als kämen sie von einem anderen Stern. Mittlerweile glaubte Oskar fast selbst, dass er, Piet und Finchen nicht von dieser Welt waren. Wie sonst war es zu erklären, dass niemand mehr etwas von Weihnachten wusste? In der Nacht träumte er von einem Planeten, auf dem lang und ausgiebig Weihnachten gefeiert wurde, und der nur von Kindern bewohnt war. Die Erinnerung an die Krippe, geschmückte Tannenbäume und Kerzenlicht lag noch vor seinem inneren Auge, als der Wecker klingelte und ihn unsanft aus dem Schlaf riss. Nein, er wollte den Weihnachtsplaneten nicht verlassen …

Mit einem Schlag war er wach. Weihnachtsplanet? So ein Quatsch. Er und die andern Kinder waren doch keine Außerirdischen. So etwas gab es nicht.

„Oskaaaaaaar!“

Die Tür zu seinem Zimmer flog auf und Finchen stürmte herein.

Oskar blinzelte gegen das Licht, das vom Flur ins dunkle Zimmer fiel und sah seine kleine Schwester wild mit den Armen fuchteln.

„Oh, Finchen. Was’n los? Was schreist du so herum?“

„Guck doch mal!“

Finchen streckte ihren Arm aus und hielt ihm etwas unter die Nase. Oskar knipste die Nachtischlampe an. Als sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten, sah er, was Finchen in ihrer Hand hielt. Ein Stück Papier?

„Was soll das sein?“

„Das ist mein Wunschzettel“, rief Finchen und fuchtelte mit dem Papier auf und ab.

„Ja, und?“

„Er lag immer noch auf der Fensterbank. Das Christkind hat ihn nicht abgeholt.“

Oskar seufzte. Sollte er seiner Schwester nun erklären, dass es das Christkind nicht gab und deshalb auch keine Wunschzettel von der Fensterbank nehmen konnte? So nervig Finchen auch war, das brachte er einfach nicht übers Herz.

„Aber das ist gar nicht das Schlimmste“, fuhr Finchen aufgeregt fort.

„Nicht?“ Was konnte denn noch schlimmer als ein nicht abgeholter Wunschzettel sein?

Finchen hielt das Papier nun ausgebreitet zwischen ihren Händen. Ein weißes Blatt, ein bisschen knittrig, aber ansonsten nicht weiter auffällig.

„Die Schrift ist verschwunden“, murmelte Oskar verblüfft, nahm seiner Schwester den Zettel aus der Hand und hielt ihn noch einmal prüfend gegen das Licht. Hatte Finchen vielleicht mit Zaubertinte geschrieben? Nein, auch unter der Wärme der Lampe blieb der Zettel weiß.

„Glaubst du, irgendjemand hat meinen Wunschzettel geklaut?“, fragte Finchen und sah Oskar prüfend an. Hatte sie ihn etwa in Verdacht?

„Als ob jemand Wunschzettel klaut und einen leeren Zettel dafür hinlegt“, sagte Oskar ehrlich empört.

„Dann bleibt nur noch eins übrig“, schlussfolgerte Finchen mit erhobenem Zeigefinger. „Weihnachten ist wirklich in Gefahr.“

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Oskar. Sie wussten ja noch nicht einmal, von wo diese Gefahr kam und wer Weihnachten abgeschafft hatte.

„Wir fragen Oma“, beschloss Finchen. „Oma weiß bestimmt, was los ist.“

Oskar war skeptisch. Zwar war Oma der größte Weihnachtsfan, den er kannte. Sie war immer die erste, die ihre Krippe aufbaute und die letzte, die ihre Weihnachtsdekoration zu Mariä Lichtmess wieder abbaute. Aber ob sie wusste, warum Weihnachten nun nicht mehr im Kalender auftauchte?

Eine andere Idee hatte Oskar allerdings auch nicht. Also fuhr er nach der Schule mit Finchen in der Straßenbahn zum Altenheim, wo Oma seit zwei Jahren wohnte. Dass auch dort nichts weihnachtlich geschmückt war, überraschte ihn schon gar nicht mehr. Nur Finchen schien sich offenbar Hoffnungen gemacht zu haben, denn sie sank in sich zusammen, als sie neben Oskar in den Eingangsbereich trat.

„Hoffentlich macht Oma nicht ihren Mittagsschlaf“, flüsterte Finchen etwas nervös während sie durch den Flur schlichen.

Doch Oma war wach und öffnete ihnen mit einem strahlenden Lächeln die Tür zu ihrem Apartment.

„Oskar, Josefine, das ist ja schön, dass ihr mich besucht. Ist denn schon wieder Sonntag?“

„Nein, Oma, wir wollten dich einfach nur so mal besuchen“, sagte Finchen und linste an Oma vorbei ins Zimmer. Stand da womöglich schon die Krippe auf dem Fensterbrett? Die schöne alte mit den Krippenfiguren, die Omas Vater nach dem Krieg selbst geschnitzt hatte? Oskar hätte zu jeder einzelnen Figur die Geschichte vorwärts und rückwärts beten können, so oft hatte Oma davon erzählt.

„Du hast ja deine Krippe noch gar nicht aufgebaut“, rief Finchen enttäuscht und sah Oma fassungslos und anklagend zugleich an.

„Wollt ihr nicht erst einmal eure Jacken ausziehen?“

Kaum hatten sie ihre Jacken an den Haken neben Omas Mantel gehängt, sprudelte es schon aus Finchen heraus.

„Oma, es ist etwas ganz Merkwürdiges passiert.“

„So?“ Oma holte zwei Stücke Kuchen aus dem Brottopf und reichte sie Oskar und Finchen auf zwei Tellern.

Oskar horchte auf. Omas Reaktion klang verheißungsvoll. Obwohl Finchen nun ganz offenbar das Thema Weihnachten einleiten wollte, schien Oma sie noch hören zu können.

„Oskar und ich haben keinen Adventskalender bekommen und Mama und Papa wissen scheinbar gar nicht, dass bald Weihnachten ist. Sogar der Pfarrer weiß nicht mehr, dass er mit uns ein Krippenspiel machen wollte. Dabei wollte ich doch so gern die Maria sein.“

Oma sah Finchen aufmerksam an, während diese ihrer ganzen Enttäuschung über die ersten Adventstage Luft machte. Ob sie wirklich ahnte, worum es ging? Zumindest schien sie, im Gegensatz zu Mama und Papa und den anderen Erwachsenen, gehört zu haben, was Finchen erzählte.

„Maria“, sagte Oma nachdenklich. „So hieß meine beste Freundin in der Schule. Sie hatte lange braune Zöpfe und so ein schickes Matrosenkleid. Kinder, was habe ich sie darum beneidet.“

Oskar senkte den Kopf und ließ die Kuchengabel auf den Teller fallen. Auch die Geschichte kannte er schon. Finchen machte ebenfalls ein enttäuschtes Gesicht.

„Die Maria meinte ich nicht. Ich wollte die Maria spielen, die auf dem Esel nach Bethlehem reitet und in der Krippe das Jesuskind zur Welt bringt“, versuchte sie Oma zu erklären, worum es ging.

„Maria und Jesus? Die kenne ich“, sagte Oma nachdenklich.

Augenblicklich begannen Finchens Augen zu leuchten und Oskar spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. Vielleicht wusste Oma doch noch mehr als die anderen Erwachsenen.

„Ja?“, rief Finchen aufgeregt.

„Natürlich“, sagte Oma. „Von den beiden habe ich doch ein Bild.“

Sie stand auf, ging zum Schrank und kramte ihr Gesangbuch daraus hervor. Sie schlug es auf, deutete auf eine Seite und hielt sie Finchen und Oskar unter die Nasen. Die Abbildung zeigte eine Ikone von Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Oskar seufzte, aber Finchen nickte begeistert.

„Genau. Das ist Maria mit Jesus. Und weißt du noch, wann Jesus geboren ist?“

Oma schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist ja auch schon so lange her.“

„Aber das feiern wir doch jedes Jahr zusammen. Letztes Jahr warst du doch bei uns“, erklärte Finchen.

„Ach, war ich das?“

Oma sah Finchen ratlos an. „Und Maria und Jesus waren auch da?“

„Nein, Oma. Die haben doch vor über 2000 Jahren gelebt …“

„Ach so? So lange ist das schon her?“

Oskar schüttelte traurig den Kopf. Die Freude darüber, dass Oma ihr Gespräch über Weihnachten zwar hören konnte, wich der Enttäuschung darüber, dass sie in ihrem Geist nicht mehr begriff, was Weihnachten war. Auch Finchen sah ein, dass Oma ihnen wohl nicht helfen konnte. Traurig wehrten sie ab, als Oma vorschlug eine Runde Mensch ärgere dich nicht zu spielen.

„Wir müssen noch Schularbeiten machen“, sagte Oskar.

 

„Ja, macht das mal. Und grüßt mir Maria, wenn ihr sie in der Schule seht.“