5. Dezember

Ein heftiger Wind blies die letzten Blätter, die sich bislang gegen den nahenden Winter gewehrt hatten, von den Bäumen. Graue Wolken türmten sich am Himmel, bald würde es regnen. Grübelnd starrte Oskar aus dem Fenster auf den Schulhof. Aber es war nicht die Matheaufgabe, die ihn beschäftigte. Er konnte sich nicht auf das konzentrieren, was herauskam, wenn er die Klammern auflöste und ausrechnete. Her Sahlmann hatte mit bunter Kreide mathematische Gesetze an die Tafel geschrieben und sie ausführlich erklärt. Aber keines der Gesetze erklärte Oskar, warum Oma gestern den Berichten über Weihnachten hatte folgen können und Mama und Papa nicht. Mit keinem noch so logischen Gesetz ließ sich ausrechnen, wie Weihnachten aus dem Kalender verschwunden, geschweige denn, wie es zurückzuholen war.

„Als Hausaufgabe löst ihr bitte die die Aufgaben 3 und 4 auf Seite 38“, rief Herr Sahlmann. „Und für nächste Woche könnt ihr ja schon einmal recherchieren, welche Zahlen nach Milliarden und Billionen kommen.“

Oskar schreckte auf. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass es zur Pause geläutet hatte. Hastig packte er sein Heft und das Mathebuch in die Schultasche und verlies hinter Piet den Klassenraum.

„Hast du das kapiert mit den Klammern und dem Auflösen?“, fragte Piet.

„Hm“, murmelte Oskar. „Was hast du gesagt?“

„Hast du überhaupt zugehört in der letzten Stunde?“

„Nicht so richtig“, gestand Oskar und erzählte Piet, was er und Finchen gestern im Altenheim erlebt hatten.

„Das ist merkwürdig“, fand auch Piet. „Wir sollten das recherchieren.“

Oskar lud Piet zum Mittagessen zu sich nach Hause ein. In aller Eile erledigten sie ihre Hausaufgaben. Zum Glück war Mama gut in Mathe und konnte ihnen die Mathegesetze noch einmal erklären, denn Oskar hatte während des Unterrichts nur halbherzig mitgeschrieben und konnte Piet bei seinen Problemen daher auch nicht weiter helfen.

„Wir sind so blöd“, rief Oskar plötzlich, als er neben Piet vor seinem Computer saß und versuchte herauszufinden, welche Zahlen auf Milliarden und Billionen folgten. „Warum haben wir nicht längst schon im Internet nach Weihnachten gesucht?“

Piet schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und änderte augenblicklich die Suchanfrage in der Suchmaschine.

„Weihnachten verschwunden“, tippte er.

„Verschwundene Tiere, Vermisst, Mirco (8) verschwunden, Mann (86) aus Altenheim verschwunden“, las Oskar die Überschriften der ersten Suchergebnisse vor.

„Gib mal nur Weihnachten ein“, sagte er und Piet tippte erneut auf der Tastatur herum,

„0 Suchergebnisse. Das gibt’s doch nicht.“

„Was macht ihr?“, wollte Finchen wissen, die von den Jungs unbemerkt ins Zimmer geschlichen war.

„Wir suchen Weihnachten im Internet“, sagte Piet.

Mit einem Satz war Finchen auf sie zugesprungen und starrte ebenfalls auf den Computerbildschirm.

„Und, habt ihr schon etwas gefunden?“

Oskar schüttelte entmutigt den Kopf. „Nichts und wieder nichts. Weihnachten scheint es nicht zu geben.“

„Und Heiligabend?“

Oskar gab das Wort in die Suchmaschine ein. Wieder kein Ergebnis. Finchens Unterlippe begann zu zittern.

„Aber … aber … Das Internet muss doch etwas wissen. Das weiß doch alles!“

„Ja, aber das Internet weiß nur, was die Menschen da reingeschrieben haben oder was Computer ausgerechnet haben“, erklärte Piet.

„Aber im letzten Jahr gab es Weihnachten ja noch und Papa sagt immer, das Internet vergisst nichts“, erwiderte Oskar.

„In diesem Fall offenbar schon“, murmelte Piet verwundert.

Finchen rollten nun dicke Tränen übers Gesicht.

„Ich will nicht, dass Weihnachten ausfällt“, schluchzte sie. „Was soll denn das für ein Winter sein, ohne Weihnachten?“

„Ein langer Winter ohne Licht“, sagte Oskar.

„Vielleicht ist es wie in Narnia“, überlegte Finchen. „Da hatte die Hexe alles mit Schnee und Eis bedeckt und es herrschte ewiger Winter, aber es wurde nie Weihnachten.“

„Red keinen Blödsinn, Finchen. Das ist doch nur eine Geschichte. Hexen gibt es nicht. Außerdem ist hier weit und breit nichts von Schnee und Eis zu sehen.“

Finchen schwieg. Sie wusste, dass Oskar recht hatte. Das mit Narnia und der Hexe hatte sie auch nur gesagt, weil das immerhin eine Erklärung für das verschwundene Weihnachten gewesen wäre. Aber so richtig glaubte sie auch nicht daran. Auch wenn der Gedanke zu schön war, dass durch einen Kleiderschrank ein paar Kinder kommen würden, die mit Hilfe eines Löwen die böse Hexe besiegten und das Land vom ewigen Winter befreite.

Plötzlich kam ihr jedoch ein ganz anderer Gedanke.

„Glaubt ihr, dass morgen wenigstens der Nikolaus kommt?“

Oskar und Piet sahen sich ratlos an. Den Nikolaus hatten sie völlig vergessen.

„Naja, eigentlich hat der Nikolaus ja nichts mit Weihnachten zu tun, oder?“, überlegte Piet.

„Das ist nur Zufall, dass sein Gedenktag in die Adventszeit fällt“, stimmte Oskar ihm zu. „Vielleicht haben wir ja Glück und er kommt tatsächlich.“

„Dann schreib ich ihm einen Brief und frage, ob er uns helfen kann, Weihnachten wiederzufinden“, rief Finchen aufgeregt und noch ehe Oskar und Piet sie aufhalten konnten, war sie aus dem Zimmer gestürmt.

„Glaubst du wirklich, dass der Nikolaus kommt?“, fragte Piet zweifelnd.

Oskar zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Den Nikolaus gibt es ja genauso wenig wie das Christkind. Aber ich kann Finchen einfach nicht sagen, dass Mama und Papa die Geschenke kaufen und die Stiefel füllen.“

„Und wenn deine Eltern den Nikolaus genauso vergessen haben wie Weihnachten?“, fragte Piet.

„Das wäre schrecklich“, sagte Oskar. „Dann muss ich wohl den Nikolaus spielen.“

Beim Abendessen deutete zunächst nichts darauf hin, dass Mama oder Papa an den Nikolaus dachten. In den letzten Jahren hatte Mama immer noch einmal gefragt, ob Oskar und FInchen ihre Schuhe geputzt hätten. Meistens hatten sie es vergessen und dann saßen sie neben Papa im Flur und bürsteten den Staub aus ihren Schuhen und trugen mit einem alten Handtuch Schuhcreme auf.

Überrascht sah Oskar auf, als Papa beim Essen doch plötzlich die Stimme hob.

„Es ist etwas seltsames passiert“, fing er an.

Na endlich, dachte Oskar. Endlich hat er gemerkt, dass Weihnachten verschwunden ist!

„Ich war heute bei der Bank und habe Kontoauszüge geholt, und stellt euch vor; es fehlte Geld“, erzählte er.

Mama, Oskar und FInchen sahen ihn überrascht an.

„Wurde irgendeine Rechnung vielleicht doppelt abgebucht?“, fragte Mama.

Papa schüttelte den Kopf. „Nein, das habe ich kontrolliert. Es fehlt ein ganzes Gehalt. Ich habe schon alle alten Kontoauszüge durchgesehen. Jeden Monat ist Geld eingegangen. Aber im November bekomme ich sonst immer ein zusätzliches Gehalt. Das ist einfach weg. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass ich es vor zwei Wochen auf dem Kontoauszug noch gesehen habe.“

Oskar riss die Augen auf. „Natürlich!“, rief er. „Das Weihnachtsgeld!“

Finchen sah ihn verständnislos an. Mama und Papa schienen Oskars Ausruf wieder einmal überhaupt nicht mitbekommen zu haben.

„Ohne Weihnachten gibt es auch kein Weihnachtsgeld“, erklärte Oskar seiner Schwester.