5. Dezember

 

 

 

Lorenz Scherer, Leiter des Kommissariats, war an die Decke gegangen, als Deborah und Tillman von ihrem Besuch bei der Familie Jungblut zurückgekommen waren. Doch das hatte die beiden nicht mehr schocken können. Nach Barbaras Bericht war ihr Vater buchstäblich auf dem Küchenboden zusammengebrochen. Er hatte vor Verzweiflung geschrien, und es hatte endlose Minuten gedauert, bis Tillman ihn einigermaßen hatte beruhigen können. Deborah hatte alle Hände voll zu tun gehabt, Barbara zu besänftigen, die alles verstört beobachtet hatte, während ihre Mutter immer noch wie eine Statue am Küchentisch gesessen und offenbar nichts mitbekommen hatte.

 

„Warum habt ihr die Schwester nicht schon längst befragt? Wenn Magdalena irgendwo dort draußen selbstmordgefährdet durch die Gegend läuft, zählt jede Minute. Wir müssen sie finden …“

 

Das „… ehe es zu spät ist“ hatte Scherer nicht ausgesprochen, doch es hatte überdeutlich mitgeschwungen, als er in aller Eile das Ermittlungsteam zusammengerufen und neue Anweisungen erteilt hatte.

 

Während Deborahs Kollegen Simon Hansen und Klara Tauber sich auf den Weg machten und alle Frauenhäuser, Beratungsstellen und Frauenärzte der Umgebung abklapperten, fuhr Deborah mit Tillman ein weiteres Mal zur Schule.

 

Obwohl Chantal auch heute wieder einen Schal halb um ihr Gesicht gewickelt hatte, fiel Deborah der ängstliche Blick des Mädchens sofort auf.

 

„Haben Sie Magda gefunden?“, fragte sie mit dünner Stimme, gleich nachdem die Sekretärin sie im Besprechungszimmer allein gelassen hatte.

 

Deborah schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein, leider noch nicht. Du machst dir Sorgen, nicht wahr?“

 

„Ja“, gab Chantal ohne Umschweife zu. „Sie ist meine beste Freundin. Was soll ich denn ohne sie machen?“

 

Ihre Stimme brach und Tränen schossen ihr in die Augen. Tillman zog ein Paket Taschentücher aus seiner Jackentasche und reichte es ihr. Eine Weile ließ Deborah Chantal Zeit, um zu weinen. Gerne hätte sie Magdalenas Freundin ihre Fragen erspart. Doch als das Schluchzen nachließ, blieb ihr nichts anderes übrig, als das Gespräch wieder aufzunehmen. Wenn ihnen jemand helfen konnte, war es Chantal.

 

„Magdalenas Schwester hat gestern einen positiven Schwangerschaftstest gefunden.“

 

Chantals Kopf, eben noch gesenkt, flog nach oben. Entsetzt sah sie die Polizisten an.

 

„Du wusstest nichts davon, dass Magdalena schwanger ist?“

 

„Nein“, antwortete Chantal tonlos. „Das kann doch nicht sein …“, murmelte sie. Ihr Blick ging zum Fenster hinaus. Sie schien nachdenklich.

 

Deborah räusperte sich, um Chantal wieder in das Hier und Jetzt zurückzuholen. „Weißt du, ob Magdalena einen Freund hat?“

 

Chantal reagierte nicht, sondern sah weiter aus dem Fenster.

 

„Darüber hat sie doch bestimmt mit dir gesprochen. Das erzählt man der besten Freundin doch, wenn man verliebt ist“, hakte Deborah nach.

 

Chantals Mundwinkel zuckten, sie kniff die Augen zusammen. Deborah wartete gespannt. So oft hatte sie ähnliche Reaktionen schon beobachten können. Chantal rang ganz offensichtlich mit sich selbst, ob sie ein Geheimnis, von dem sie versprochen hatte, es zu bewahren, preisgeben sollte. Würden sie noch weiter nachfragen müssen?

 

„Ihre Eltern sollten es nicht wissen“, sagte Chantal schließlich leise. „Sie hätten das nicht gut gefunden.“

 

„Glaubst du, sie wollten nicht, dass Magdalena einen Freund hat?“

 

Chantal schüttelte den Kopf. „Vielleicht wären sie nicht unbedingt gegen einen Freund. Aber ob sie mit Ernst einverstanden wären …“

 

Es gab also einen Freund namens Ernst. Nicht gerade ein gewöhnlicher Name heutzutage, dachte Deborah. Ein Gedanke schoss ihr in den Sinn. Ob Ernst vielleicht viel älter war als Magdalena?

 

„Seit wann sind die beiden schon zusammen? Weißt du, woher sie sich kennen?“

 

Chantal zuckte die Schultern. „Ernst ist in unserer Stufe und war früher in unserer Parallelklasse. Magda und er kennen sich durch die Lernpatenschaft.“

 

Deborah konnte sich ein erleichtertes Seufzen nicht verkneifen, doch sie ging schnell wieder zur Befragung über.

 

„Was ist diese Lernpatenschaft?“

 

„Das ist ein Projekt, das es seit ein paar Jahren hier an der Schule gibt. Leistungsstarke Schüler bilden ein Lerntandem mit einem leistungsschwächeren Schüler. Magda wurde als Lernpatin für Ernst zugeteilt. Sie hilft ihm in Mathe.“

 

„Und beim Lernen sind die beiden sich dann nähergekommen?“, fragte Deborah.

 

„Ja. Magda hat richtig geschwärmt“, berichtete Chantal. „Ernst ist auch wirklich süß mit ihr. Er hat ihr Tee aus der Cafeteria geholt, hat nach dem Unterricht auf sie gewartet oder nach den Pausen bis zum Klassenraum gebracht …“

 

Deborah sah Tillman grinsen. „Klingt doch wirklich nett und aufmerksam. Warum glaubst du, wären Magdalenas Eltern mit Ernst nicht einverstanden?“

 

Chantal zögerte mit ihrer Antwort. „Naja, Ernst ist nicht so fleißig und engagiert wie Magda und ihre Familie. Er schafft es immer nur so gerade eben, versetzt zu werden und seine Familie lebt von Hartz IV …“

 

Waren die Eltern Jungblut wirklich so vorurteilsbehaftet? Deborah konnte sich das kaum vorstellen. Allerdings hatte sie die beiden ja auch nur im Ausnahmezustand kennengelernt. Vielleicht hätten sie jetzt ihrer Tochter alles Mögliche erlaubt und zugestanden, wenn Magdalena nur wieder aufgetaucht wäre. Andererseits, warum sollten ausgerechnet Magdalenas Eltern eine Ausnahme von der Regel sein? Es gab so viele Leute, die sich zwar offen gaben und sagten, wo die Liebe hinfalle, falle sie nun einmal – aber für ihre eigenen Kindern wollten sie dann doch „etwas Besseres“.

 

„Glaubst du, Magdalena und Ernst könnten in ihrer Verliebtheit so weit gegangen sein, dass sie nicht über Verhütung nachgedacht haben?“

 

Wieder rollten Chantal Tränen übers Gesicht. Sie schüttelte ratlos den Kopf. „Ich weiß nicht. Eigentlich nicht. Aber ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass Magda verschwinden könnte … Und jetzt ist sie weg.“

 

Deborah horchte auf. Es klang fast so, als hätte Chantal doch etwas von Magdalenas Verschwinden gewusst.

 

„Wie meinst du das? Hat Magdalena doch irgendwelche Andeutungen gemacht?“

 

Chantal sah sie verwirrt an. „Nein, das habe ich doch neulich schon gesagt. Ich habe nur gedacht, als Magda so still wurde, könnte es nicht mehr schlimmer kommen. Wissen Sie, wie das ist, wenn die beste Freundin auf einmal nicht mehr redet?“

 

Deborah schwieg betreten. Nein, diese Erfahrung war ihr bislang erspart geblieben. Doch ihr ging nun auf, dass die Veränderung, die Magdalena in den letzten Wochen durchlaufen haben musste, wohl doch schwerwiegender war, als es zunächst den Anschein gehabt hatte.

 

„ … Immer nur einsilbige Antworten, kaum noch Nachrichten. Selbst beim Backen hat sie nichts gesagt. Und ich frage mich die ganze Zeit, ob ich irgendetwas falsch gemacht habe“, sprudelte es nun aus Chantal heraus. „Vielleicht habe ich ja etwas Falsches gesagt oder gemacht. Vielleicht wollte sie mir irgendetwas erzählen und ich habe nicht richtig zugehört … Hoffentlich ist ihr nichts passiert …“

 

Wieder versagte ihr die Stimme und nun schien sie ihre Verzweiflung nicht mehr länger zurückhalten zu können. Sie wurde von heftigen Weinkrämpfen geschüttelt, umklammerte ihre Oberarme mit den Händen und saß zitternd auf dem Stuhl. Deborah konnte nicht anders, sie nahm das Mädchen in den Arm und strich ihr beruhigend über den Rücken. Wie gern hätte sie ihr etwas Tröstendes gesagt. Aber sie konnte und durfte Chantal nichts versprechen. Weder, dass sie Magdalena finden würden, noch dass alles gut werden würde. Sie konnte nur ihre Hoffnung teilen. Doch auch die schwand mit jeder Minute, die ergebnislos verstrich.