6. Dezember

 

 „Ihr kommt doch heute zu unserer Nikolausfeier?“, fragte Anna beim Frühstück. Der Schokoladennikolaus, den sie direkt nach dem Aufstehen aus ihrem Schuh gefischt hatte, stand neben ihrem Frühstücksbrettchen und sah huldvoll auf das Marmeladenglas.

 „Natürlich, ich fahre später ins Büro“, sagte Max. „Ich bin doch gespannt, wie der Nikolaus aussieht!“

 Anna sah ihn skeptisch an. Sie schien Max das mit dem Nikolaus nicht abzukaufen. Deborah seufzte leise. Wann war ihre Tochter schon so groß geworden? Seit sie in der Schule war, konnte man ihr nichts mehr vormachen. Sie stellte teilweise sehr direkte Fragen und konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn man sie behandelte wie ein kleines Kind. Aber Deborah konnte nicht verleugnen, dass sie dieses kleine Kind manchmal vermisste.

 „Was ist mit dir?“

 Max‘ Frage riss sie aus ihren Gedanken. 

 „Klar“, antwortete sie und merkte selbst, dass ihre Antwort etwas zu hastig kam. Sie hatte die Nikolausfeier an Annas Schule, zu der die Eltern der Erstklässler auch eingeladen waren, schon seit Schuljahresbeginn im Kalender stehen. Aber durch die Ermittlungsarbeit in den letzten Tagen war sie ihr trotzdem entfallen.

 „Ich muss aber vorher noch ein bisschen arbeiten“, entschuldigte sie sich und stand auf. „Ich komme dann um zehn zur Schule.“

  

Simon Hansen und Klara Tauber wussten in der morgendlichen Dienstbesprechung von ihren Ermittlungen bei den Beratungsstellen und Ärzten nichts Positives zu berichten.

"Entweder haben sie sich auf ihre Schweigepflicht berufen oder Magdalena ist wirklich in keiner Beratungsstelle oder bei einem Arzt gewesen“, sagte Klara resigniert.

 „Bislang ist auch bei den Kollegen in den Nachbarstädten keine Meldung über eine unbekannte Tote eingegangen“, fügte Simon hinzu.

Deborah zuckte zusammen. Sie wollte die Vorstellung, dass Magdalena sich tatsächlich etwas angetan haben könnte, nicht eher zulassen, bis es konkrete Hinweise darauf gab.

„Das lässt ja immerhin hoffen“, meinte Tillman.

Lorenz Scherer sah das anders. „Es wirft sich nicht jeder Selbstmörder vor einen Zug oder einen LKW. Wenn sie irgendwo in einem Zimmer eine Packung Schlaftabletten geschluckt hat, können wir lange suchen“, schwarzmalte er.

 „Wie wäre es, wenn wir davon ausgehen, dass wir nach einer Lebenden suchen statt nach einer Toten?“, schlug Tillman vor.

 Scherer lenkte ein. „Lieber wär’s mir natürlich auch“, gab er zu. „Ich bin nicht scharf darauf, den Eltern sagen zu müssen, dass …“ Er unterbrach sich. „Wir setzen alles daran, Magdalena lebend zu finden. Deborah, Tillman, wie sieht es mit der Befragung von dem Freund des Mädchens aus?“

 „Wir fahren gleich noch mal zur Schule. Ernst war laut Aussagen von Chantal und der Sekretärin gestern mit seinem Wirtschaftskurs auf Exkursion“, berichtete Tillman.

 „Gut. Lasst euch nicht auf irgendwelche Märchen ein. Der muss irgendetwas wissen!“

 Deborah nickte pflichtschuldig, doch im Geiste ging sie verschiedene Möglichkeiten durch, wie sie es rechtzeitig zu Annas Schulfeier schaffen sollte. Jetzt war es acht. Wenn sie um halb neun in der Schule waren und Ernst befragen würden … Konnten sie das in einer Stunde schaffen? Es war nicht weit vom Gymnasium bis zu Annas Grundschule, aber zehn Minuten würde sie auf jeden Fall brauchen. Rote Ampeln und etwaige Staus unterwegs nicht einberechnet.

 „Dann nehmen wir uns die Freunde aus der Gemeindejugend vor, die mit Magdalena zusammengesessen haben“, sagte Klara.

 „Ich habe schon die Schulen mit auf die Liste geschrieben“, sagte Tillman.

 Deborah saß schon im Auto und wartete ungeduldig, dass Tillman kam. Endlich, um kurz nach halb neun verließ er das Kommissariat und setzte sich auf den Beifahrersitz.

 „Sorry, Klara brauchte noch eine Wegbeschreibung zu der Berufsschule.“

 „Warum das denn? Sie hat doch auch ein Navi“, grummelte Deborah. Ihr straffer Zeitplan fiel mit jeder vergehenden Minute mehr in sich zusammen.

 „Debbie, ein bisschen mehr Kollegialität, bitte!“, sagte Tillman scherzhaft. „Ist doch nichts dabei!“

 „Im Prinzip nicht“, gab Deborah zu. „Ich würde nur gern um zehn bei meiner Tochter in der Schule sein zur Nikolausfeier.“

 Tillman zog die Augenbrauen in die Höhe. „Nikolausfeier“, wiederholte er. „Weiß der Chef davon?“

 „Ich habe das Anfang des Schuljahres mal angesprochen, aber jetzt …“

 Sie sprach nicht weiter. Sie wusste, Tillman verstand auch so, was sie sagen wollte. Es stand eigentlich nicht mehr zur Diskussion, dass sie wirklich an Annas Feier teilnahm. Wie hatte sie das Anna nur einfach so versprechen können?

 „Naja, vielleicht geht es ja gleich schnell, dann machen wir eine kurze Nikolauspause“, meinte Tillman.

 Deborah lächelte erleichtert. Es war gut, einen Kollegen wie Tillman zu haben, mit dem man zur Not Pferde stehlen konnte. Und das bei der Kripo!

 Im Gegensatz zu ihren letzten Besuchen an der Schule, wimmelte es heute von Schülern. Die Pause nach der ersten Stunde war gerade angebrochen und durch die Gänge schoben sich Schüler und Lehrer auf dem Weg zum nächsten Klassenzimmer. Deborah meldete sich und Tillman wieder im Sekretariat an, um zu erfragen, wo sie Ernst erreichen konnten.

 Schon bitter, dass sie nun öfter an der Schule anderer Kinder war als bei ihrer eigenen Tochter, dachte Deborah, als sie der Sekretärin die Treppen hinauf zu den Biologieräumen folgten. Oben standen einige Schüler vor einem Raum und unterhielten sich, obwohl es mittlerweile zur nächsten Stunde geläutet hatte. Die Sekretärin ging auf die Gruppe zu.

 „Ernst Körber, ist der heute hier?“, fragte sie.

 Ein schlanker Junge in abgetragenen Jeans und Sweatshirt löste sich aus der Gruppe und sah die Sekretärin verwundert an. „Das bin ich. Was gibt’s?“

 Deborah und Tillmann traten auf ihn zu. „Deborah Lukas, Kriminalpolizei. Wir haben ein paar Fragen.“

 Innerhalb von einer Millisekunde ging eine Regung durch Ernst, der bis zu diesem Augenblick ruhig und entspannt dagestanden hatte. Er riss die Augen auf, rempelte zwei seiner Mitschüler zur Seite und sprintete los. Die erste Treppe hatte er, mehrere Stufen überspringend, schon hinter sich gebracht, ehe Deborah hinterherkam. Tillman wollte an der Sekretärin vorbei, die jedoch genau in die Richtung auswich, in die Deborahs Kollege laufen wollte. Deborah hörte sie stürzen, doch darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Sie sprintete Ernst hinterher. Der hatte einen erstaunlichen Vorsprung erreicht. An der Schulmauer glaubte sie ihn einholen zu können, aber Ernst schwang sich mit einem gewaltigen Satz hinüber. Verdammt, schoss es Deborah durch den Kopf. Sie musste hinterher. Es gelang ihr zwar auch, über die Mauer zu kommen, aber Ernst hatte genug Zeit gehabt, zwischen den Häusern zu verschwinden.

 „Ernst, komm zurück! Das bringt doch nicht!“, rief sie. Das hätte sie sich allerdings auch sparen können, musste sie grimmig feststellen. „Scheiße!“, fluchte sie.

 In der Schule kamen ihr Tillman und die Sekretärin entgegen. Tillman hielt sich das Handgelenk. Als er sie erblickte, schien sich sein ohnehin verzerrtes Gesicht nur noch mehr zu verziehen.

 „Das tut mir so leid“, beteuerte die Sekretärin. „Ich gebe ihnen gleich ein Kühl-Pac.“

 Tillman winkte ab. „Danke, aber ein Foto von Ernst nützt uns gerade mehr. Wir müssen eine Fahndung rausgeben.“

 

 Müde und abgekämpft kam Deborah am Abend nach Hause. So hatte sie sich den Tag nicht vorgestellt. Ernst war auf und davon, die Fahndung nach ihm war bis jetzt erfolglos geblieben. Tillmans Handgelenk war durch den Sturz stark verstaucht und ziemlich angeschwollen und Lorenz Scherer hatte darüber getobt, dass sie sich einen 16-Jährigen hatten entwischen lassen. Und hier wurde es auch nicht besser.

 „Wie schön, dass man dich auch noch mal wieder sieht“, begrüßte Max sie über den Bildschirm seines Laptops. „Wolltest du nicht zur Nikolausfeier kommen?“

 „Ich weiß, es tut mir leid. Wir hatten auf der Arbeit ein paar Zwischenfälle.“

 „Auf der Arbeit, auf der Arbeit. Kannst du nicht einmal deine Arbeit unterbrechen?“, zischte Max.

 „Würde ich ja gern. Aber ich kann unsere Zeugen nun einmal nicht im Home-Office befragen“, gab Deborah ärgerlich zurück. Streng genommen konnte sie ihren Zeugen gerade überhaupt nicht befragen. Ernst war schließlich wie vom Erdboden verschluckt.

 „Dann befragt ihr sie halt später.“

 „Max. Es wird ein Mädchen vermisst! Soll ich den Eltern etwa erklären, dass sie noch länger, vielleicht sogar für immer auf ihre Tochter verzichten müssen?“

 Max seufzte. „Es muss schrecklich sein für die Eltern, das glaube ich. Aber deine Tochter wird nicht vermisst! Möchtest du Anna lieber erklären, warum sie an Nikolaus, an ihrem Geburtstag und an Weihnachten auf ihre Mutter verzichten muss?“

 Deborah erwiderte nichts. Sie hatte keine Kraft mehr zu diskutieren. Und das Schlimmste war, dass Max recht hatte. Deborah schlich sich in Annas Zimmer. Ihre Tochter lag schon im Bett. Deborah strich ihr über den Kopf und Anna schlug die Augen auf.

 „Mama. Wo warst du heute?“

 „Ich … wir hatten ein Problem auf der Arbeit und ich musste dabei helfen.“ Das stimmte zwar, aber es klang in ihren Ohren trotzdem wie eine faule Ausrede.

 „Habt ihr es denn geschafft?“

 „Nein, leider nicht.“

 Anna drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. „Dann hättest du auch kommen können“, murmelte sie.

 

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