6. Dezember

Leer. Ihre Schuhe, die sie gestern Abend noch geputzt hatten, waren leer. Keine Mandarine, keine Schokolade, keine Nüsse. Der Besuch des Nikolaus war ausgeblieben.

Finchen konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen. Schniefend und mit gesenktem Kopf zog sie sich ihre Jacke an, schlüpfte in die Stiefel und schlich aus dem Haus. Oskar zählte noch einmal das Geld in seinem Portemonnaie – 4,79€. Das war kein Vermögen, aber für ein bisschen Schokolade für Finchen würde es reichen. Wenn seine Eltern schon nicht an den Nikolaus dachten, musste er halt dafür sorgen, dass Finchen in diesem Advent wieder lächeln konnte.

In der Hofpause sah er sich vorsichtig nach allen Seiten um und schlich sich vom Schulgelände. Der nächste Supermarkt lag zum Glück nur zwei Straßen entfernt. Er würde ja nicht lange brauchen. Außerdem hatte Piet versprochen, sich eine Ausrede einfallen zu lassen, falls einer der Lehrer nach ihm fragen würde.

Direkt im Eingangsbereich erwartete Oskar ein großes Regal mit den üblichen Süßigkeiten und Knabbereien dieser Jahreszeit. Lebkuchen, Pfeffernüsse, Stollen, Marzipankartoffeln und Spekulatius. Es sah so aus wie in all den Jahren zuvor.

Nein, nur fast. Die typischen Weihnachtsbilder fehlten auch hier. Oskar ging suchend um das Regal herum. Aber nach den Schokoweihnachtsmännern suchte er vergeblich.

„Hätte mich ja auch gewundert“, murmelte er vor sich hin.

Richtige Nikoläuse mit Mitra und Bischofsstab gab es natürlich ebenso wenig. Oskar überlegte. Ganz ohne Überraschung für Finchen wollte er nicht wieder gehen. Aber was konnte er als Ersatz für einen Schoko-Nikolaus hernehmen? Während er unschlüssig auf die Regalreihen sah, rutschte sein Jackenärmel hoch und er sah auf seine Armbanduhr.

Mist, nur noch zehn Minuten bis zum Ende der Pause. Er musste sich beeilen. Kurz entschlossen griff er nach einer Box mit Lebkuchen und nahm aus der Obstabteilung noch ein Netz Mandarinen mit. Frohen Mutes machte Oskar sich auf den Weg zurück zur Schule. Mit seinen Einkäufen konnte er nicht nur Finchens Schuh füllen, sondern auch Mama und Papa etwas in die Schuhe legen. Die würden Augen machen!

„Da bist du ja endlich. Ich dachte schon, du wärst schon nach Hause gegangen“, rief Piet erleichtert aus, als Oskar gerade noch rechtzeitig Klingeln wieder auf den Schulhof gelaufen kamen. Dann sah er das Netz Mandarinen in Oskars Hand.

„Bist du verrückt? Das sieht doch jeder! Dann kannst du den Lehrern ja gleich erzählen, dass du heimlich im Supermarkt warst.“

Piet hatte recht. Daran, wie er die Mandarinen ins Klassenzimmer und in seine Schultasche schmuggeln sollte, hatte Oskar nicht gedacht. Auch die Lebkuchenbox war nicht gerade klein.

Piet nahm ihm das Netz ab, riss es auf und stopfte sich in jede Jackentasche drei Mandarinen. Auf die gleiche Art füllte er auch Oskars Taschen und warf das Netz in den Mülleimer auf dem Schulhof..

„So, jetzt musst du nur noch die Lebkuchen unter der Jacke verstecken.“

Das war leichter gesagt, als getan. Die Ecken des Kartons zeichneten sich deutlich unter Oskars Jacke ab.

„Das ist total auffällig“, schimpfte Oskar.

Es klingelte zum zweiten Mal. Nun mussten sie sich wirklich beeilen. Auf dem Weg zum Klassenzimmer kamen sie an der Schulbücherei vorbei. Oskar huschte hinein. Im ersten Regal an der Wand standen Bücher Klassensätze verschiedener Romane. Die würde in den nächsten paar Stunden vermutlich niemand abholen. Oskar zog ein paar der Bücher hervor und stellte die Lebkuchenbox dahinter.

Als Oskar und Piet nach dem Unterricht das Versteck erneut aufsuchen wollten, fanden sie die Tür zur Bücherei verschlossen.

„Na toll, und was jetzt?“, fragte Piet.

„Wir müssen jemanden finden, der uns die Tür aufschließen kann.“

Ihr Klassenlehrer war längst über den Flur zurück zum Lehrerzimmer oder zur nächsten Unterrichtsstunde verschwunden und auch sonst war auf dem Flur kein Lehrer zu sehen.

„Wenn man mal einen Lehrer braucht“, sagte Oskar genervt.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als bis ins Sekretariat zu laufen und nach dem Schlüssel zu fragen.

„Für die Bücherei ist Frau Maier zuständig“, sagte die Sekretärin, die schon in ihrer Winterjacke steckte und offenbar in den Feierabend wollte.

„Aber Sie haben doch bestimmt einen Notschlüssel für den Raum“, bohrte Oskar nach.

„Bitte, es ist total wichtig“, kam Piet ihm zur Hilfe. „Ich habe mein Etui dort liegen lassen.“

„Naja, du wirst ja wohl zuhause noch einen Stift finden, mit dem du deine Hausaufgaben machen kannst. Das Etui kannst du morgen immer noch holen.“

„Ja, aber in dem Etui habe ich meinen Haustürschlüssel. Ohne den komme ich zuhause nicht rein und meine Eltern kommen erst heute Abend spät nach Hause.“

Oskar verkniff sich ein Grinsen. Piet war der beste Ausredenerfinder, den er kannte. Dabei hatte Piet nicht einmal lügen müssen. Seine Eltern kamen wahrscheinlich wirklich erst spät nach Hause. Die Sekretärin rollte genervt die Augen, ging aber zum Schlüsselkasten und holte den Schlüssel hervor. Oskar hatte gehofft, sie würde ihnen den Schlüssel überlassen, aber die Sekretärin behielt ihn fest in der Hand und begleitete Oskar und Biet nach oben zur Bücherei. Immerhin blieb sie vor der Tür stehen. Piet huschte hinein, nahm sein Etui aus der Schultasche und stopfte stattdessen die Lebkuchen hinein. Dann kam er mit triumphierendem Gesicht wieder auf den Flur.

„Gefunden! Vielen Dank!“

„Ich wette, mit solchen Strapazen musste der echte Nikolaus nicht kämpfen“, sagte Piet, als er und Oskar das Schulgelände verlassen hatten und in die Straßenbahn stiegen.

„Und er hat bestimmt auch nicht so wilde Ausreden erfinden müssen“, pflichtete Oskar ihm bei,

Piet zog die Lebkuchen aus seiner Schultasche und hielt sie Oskar hin. Oskar wollte danach greifen, aber da zog Piet das Paket blitzschnell zurück.

„Moment. Bist du denn auch immer brav gewesen? Nur brave Kinder bekommen etwas vom guten Nikolaus.“

„Natürlich. Ich habe mir zumindest immer Mühe gegeben“, beteuerte Oskar.

„Hast du auch nie ungefragt das Schulgelände verlassen oder deine Lehrer angelogen?“

„Naja …“

Piet lachte und reichte Oskar die Lebkuchen. „Schon gut. Überleg dir beim nächsten Mal rechtzeitig, was du einkaufst und wie du die Sachen versteckst.“

„Versprochen. Ich hoffe aber, dass nächstes Jahr alles wieder normal ist.“

Piet sah ihn zweifelnd an. „Wie soll es jetzt überhaupt weiter gehen? Finchen und deinen Eltern kannst du den Nikolaus vielleicht noch vorspielen. Aber willst du auch das Christkind spielen und die ganze Stadt in ein Weihnachtsdorf verwandeln?“

„Das wird wohl schwierig“, gab Oskar zu und die Euphorie über die bevorstehende Nikolaus-Freude bei Finchen brach angesichts des bedrohten Weihnachtsfests in sich zusammen wie ein Kartenhaus.

„Was sagt den euer Pfarrer dazu?“

„Der weiß auch nichts von Weihnachten“, sagte Oskar missmutig.

„Vielleicht muss man den Erwachsenen einfach noch etwas mehr auf die Sprünge helfen“, überlegte Piet.

Oskar dachte darüber nach, was Piet gesagt hatte. Vielleicht brauchten die Erwachsenen ja wirklich nur etwas mehr Denkhilfen, um sich wieder an Weihnachten zu erinnern? Er füllte die Schuhe von Finchen und seinen Eltern und lief zur Kirche. Er musste zuerst den Pfarrer daran erinnern, dass bald Weihnachten war.

„Nanu, Oskar, was machst du denn hier?“, fragte der Pfarrer überrascht, als Oskar an seiner Tür klingelte.

„Ich muss mit Ihnen noch einmal über Weihnachten reden!“.

Der Pfarrer sah ihn erwartungsvoll an. Er schien Oskars letzten Satz wieder einmal nicht gehört zu haben. Oskar seufzte. Dann musste es halt anders gehen. Er ergriff die Hand des Pfarrers und zog ihn mit sich.

„Ich muss Ihnen etwas zeigen. Im Keller.“

Der Pfarrer machte große Augen, ließ sich aber von Oskar zum Keller führen. Vor dem Kellerraum, in dem die Krippe aufbewahrt wurde, blieb Oskar stehen.

„Was willst du mir denn in der Rumpelkammer zeigen?“, fragte der Pfarrer, zog aber den Schlüssel hervor und schloss die Tür auf.

 

„Da drin ist doch die …“, fing Oskar an. Im Kellerraum standen ein Grill, ein paar Kisten mit alten Gesangbüchern, eine Leinwand und zwei Lautsprecherboxen. Aber keine Krippe.