7. Dezember

Silbrig glitzernder Raureif lag auf der Welt, als Oskar sich auf den Weg zur Schule machte. Es war eisig kalt.

„Jetzt dauert es bestimmt nicht mehr lange, bis es schneit“, frohlockte Finchen. Oskar konnte ihr nur zustimmen. Ein bisschen Schnee würde alles in einem viel freundlicheren Licht erstrahlen lassen. Finchen hatte sich sehr gefreut, als sie am Nikolausabend von ihrer Turnstunde nach Hause gekommen war und die Lebkuchen und die Mandarinen in ihren Hausschuhen gefunden hatte. Auch Mama und Papa hatten sich gefreut, aber sie waren doch sehr verwundert gewesen, warum Lebkuchen in ihren Schuhen steckten. Oskar und Finchen hatten versucht, ihnen zu erklären, was dahinter steckte. Mama hatte amüsiert gelacht und Papa hatte gesagt, dass das ja eine hübsche Idee sei. Oskar war dennoch enttäuscht. Er hatte gehofft, bei Mama und Papa würde durch die Nikolaus-Gabe etwas klingeln.

Zum Glück lenkte der Schulausflug heute ihn etwas von seinem Kummer ab. Gemeinsam mit ihrem Klassenlehrer Herrn Thomas ging es ins Städtische Museum, wo sie etwas über das Leben in der Stadt im Mittelalter lernten. Nach der Führung und der Rallye durchs Museum lud Herr Thomas sie noch zu einem Kakao in das Museums-Café ein.

Piet löffelte das Sahnehäubchen von seinem Kakao und sah dabei aus dem Fenster, das zum Museumsplatz zeigte. Aufgeregt stieß er Oskar an.

„Schau mal“, sagte er und zeigte aus dem Fenster.

Oskar folgte seinem Fingerzeig und dachte gerade noch rechtzeitig daran, den Kakao herunterzuschlucken, bevor ihm die Kinnlade herunterfiel. Draußen auf dem Museumsplatz lief ein verwahrlost aussehender Mann in abgetragener Daunenjacke herum und wühlte in den Mülleimern. Auf dem Kopf trug er eine rote Weihnachtsmannmütze und um den Hals hatte er sich eine silberne Lamettaschlange gehängt.

„Glaubst du, das ist der Weihnachtsmann?“, flüsterte Oskar.

„Keine Ahnung. Aber er ist der erste Erwachsene, der irgendetwas Weihnachtliches trägt“, antwortete Piet.

Oskar ließ seinen Kakao stehen und zog sich seine Jacke an. „Komm“, forderte er Piet auf. „Wir müssen mit diesem Mann reden!“

Piet sah Oskar entsetzt an. „Mit dem? Vielleicht ist das einfach nur ein Verrückter, der halt diese olle Mütze auf hat.“

„Vielleicht“, sagte Oskar. „Vielleicht aber auch nicht. Beeil dich doch, sonst ist er gleich weg.“

 Herr Thomas beobachtet irritiert den überstürzten Aufbruch der beiden. „Wo wollt ihr denn so schnell hin? Ihr habt doch noch euren Kakao gar nicht ausgetrunken.“

„Tut uns Leid, Herr Thomas. Wir müssen ganz dringend etwas erledigen. Vielen Dank für den Kakao!“, rief Oskar und stürmte aus dem Museum.

Gerade noch rechtzeitig kamen sie auf dem Vorplatz an. Der Mann bog gerade in eine Nebenstraße ab. Oskar setzte ihm nach und Piet beeilte sich, hinterherzukommen.

„Warten Sie!“, rief Oskar, doch der Mann trottete weiter. Er glaubte offenbar nicht, dass er gemeint war.

Endlich hatte Oskar ihn erreicht und packte ihn am Arm. Erschrocken drehte sich der Mann zu ihm um.

„Was willst du?“, fragte er mit schwerer Stimme. „Wollt ihr mich jetzt auch noch beklauen?“

Oskar und Piet warfen sich erschrockene Blicke zu. „Beklauen? Natürlich nicht, wie kommen sie denn darauf?“, fragte Piet noch ganz außer Atem.

„Wär ja nicht das erste Mal heute. Heute Morgen haben mir so’n paar Halbstarke meine gesammelten Flaschen geklaut“, erzählte der Mann und machte eine ausladende Armbewegung. Oskar rümpfte unwillkürlich die Nase. Der Mann roch, als ob er sich wochenlang nicht mehr gewaschen hätte. Am liebsten wäre er wieder umgedreht und zurück zum Museumscafé gelaufen. Aber er musste einfach wissen, was dieser Mann über Weihnachten wusste. Vielleicht war er der einzige, der ihnen helfen konnte, Weihnachten zu retten?

„Ich habe bloß eine Frage“, fing Oskar an. „Warum tragen Sie eine Weihnachtsmütze?“

Der Mann sah sie irritiert an. „Was für ne Mütze?“

Oskar deutete auf den Kopf des Mannes. „Na, die Mütze, die Sie auf dem Kopf haben. Das ist doch eine Weihnachtsmütze.“

„Ach die“, sagte er Mann. „Die hab ich schon ewig. Die hat mir mal meine Tochter geschenkt, als ich noch … ach, egal.“

Der Mann steuerte auf den nächstgelegenen Mülleimer zu und leuchtete mit einer Taschenlampe hinein. Er zog eine Flasche heraus, warf sie aber gleich wieder hinein. Oskar und Piet folgten ihm.

„Aber warum tragen Sie die Mütze ausgerechnet jetzt?“, frage Piet.

„Weil es kalt ist und ich keine andere Mütze hab. Außerdem, so’n bisschen Farbe in all dem Grau ist doch ganz nett.“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Warum interessiert ihr euch so für meine Mütze?“

„Weil Sie der einzige sind, der so eine Mütze trägt“, antwortete Piet.

„Können Sie sich an Weihnachten erinnern?“, fragte Oskar.

Der Mann schüttelte den Kopf. „Kenn ich nicht“, sagte er. „Was soll das sein?“

Oskars Herz schlug dennoch schneller. Der Mann konnte sie hören, wenn sie von Weihnachten sprachen. Das war schon mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. Er beschloss, einen Schritt weiterzugehen und dem Mann von Weihnachten zu erzählen.

„Weihnachten wird immer am 24. Dezember gefeiert, wir erinnern uns an die Geburt von Jesus, dem Sohn Gottes.“

Staunend hörte der Mann ihm zu und lehnte sich dabei an den Mülleimer. „Gott fand ich immer gut“, sagte er und nickte bedächtig. „Der hat was drauf.“

Oskar und Piet sahen sich skeptisch an. Meinte der Mann das ernst? Sprach er überhaupt von der gleichen Sache oder hatte er längst das Thema gewechselt?

„Glauben Sie an Gott?“, fragte Piet verunsichert.

„Na klar“, sagte der Mann. „Und Gott glaubt an mich, hat er mir mal gesagt. Das fand ich sehr tröstlich. Aber jetzt hab ich schon länger nichts mehr von ihm gehört.“

Oskar erinnerte das Gespräch nun langsam an das Gespräch mit seiner Oma. Vielleicht war der Mann auch verwirrt?

„Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Weihnachten verschwunden ist?“, überlegte Oskar. „Das wird seit vielen Hundert Jahren gefeiert, aber in diesem Jahr ist es einfach nicht mehr da. Und niemand scheint sich zu erinnern.“

„Wie, nicht mehr da?“, fragte der Mann. „Was passiert denn zu diesem Fest?“

Er hatte nun beide Ellenbogen auf den Deckel des Mülleimers gelegt und sein bärtiges Gesicht in die Hände gestützt. Neugierig und fasziniert sah er Oskar und Piet an und die beiden überschlugen sich fast vor Eifer, dem Mann alles über Weihnachten zu erzählen, was sie wussten. Von der Weihnachtsgeschichte über Geschenke, Familie, Tannenbäume und Lebkuchen bis zu Gottesdiensten, Engelschören und Weihnachtsliedern im Radio.

„Klingt ja toll, Jungs“, sagte der Mann schließlich.

„Ist es auch“, versicherte Oskar. „Wissen Sie wirklich nicht mehr, dass Weihnachten all die letzten Jahre gefeiert wurde?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich kann mich an einen Wintertag erinnern, wo es in den Wärmestuben besonders gutes Essen gab.“

„Das war bestimmt an Weihnachten“, rief Piet. „Das muss da gewesen sein. Es gibt zu Weihnachten immer viele Spendenaktionen für die Bedürftigen.“

„Das fällt dann ja dieses Jahr wohl aus“, meinte der Mann lakonisch.

Oskar warf Piet einen bestürzten Blick zu. Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Dass er und Finchen auf Weihnachtsbaum und Geschenke verzichten mussten, war schon schlimm genug. Aber wie sollte es in diesem Jahr für diejenigen werden, die sowieso schon nichts hatten? Der Mann mit der Weihnachtsmütze tat ihm leid, obwohl – oder gerade weil er so furchtbar ungewaschen war. Traurig sah Oskar auf seine Fußspitzen. Er hatte so gehofft, dass der Mann ihnen, verwahrlost wie er war, doch hätte weiterhelfen können.

„Nun guck nicht so“, sagte der Mann und klopfte Oskar kräftig auf die Schulter. „Ich kann mich ja mal umhören. Man kriegt ne Menge mit hier …“ Er deutete die Straße rauf und runter.

„Hm“, antwortete Oskar. „Danke.“

Er glaubte nicht, dass der Mann etwas herausfinden könnte. Warum sollten die Leute ausgerechnet ihm zuhören können oder wollen, wenn er von Weihnachten sprach?

Seufzend drehte er sich um und wollte mit Piet davon gehen. Doch der Mann hielt sie noch einmal auf.

„Wär ja wirklich schön, wenn das mit diesem Fest klappt“, sagte er. „Aber wenn es dieses Weihnachten wirklich gibt, dann gibt es kein Recht darauf. Nur Gnade.“