7. Dezember

 

Trotz seines bandagierten Handgelenks machte Tillman ein munteres Gesicht, als er mit Deborah am nächsten Morgen in den Dienstwagen stieg. Aber es war purer Galgenhumor, wie sie schnell feststellte.

 „Na, wir geben auch ein Superbild ab“, meinte Tillman lakonisch und ließ sich ächzend auf den Beifahrersitz fallen. „Der Invalide und die Trauerweide, die Kripo von heute …“

 Deborah war nicht nach Scherzen zumute. Stumm startete sie das Auto und lenkte es Richtung Stadtrand.

 „Mal ehrlich, was ist los mit dir? Machst du dir Vorwürfe wegen Ernst? Das ist richtig blöd gelaufen gestern, aber das kann passieren“, redete Tillman weiter.

 Deborah machte sich Vorwürfe, dass sie Ernst hatte entkommen lassen. Aber das beschäftigte sie seit gestern Abend weniger.

 „Wenn es so weitergeht wie jetzt, bin ich Weihnachten geschieden“, sagte sie.

 Tillman sah sie alarmiert an. Dann vergrub er den Kopf in seiner gesunden Hand. „Oh verdammt, die Nikolausfeier!“

 „Ja“, antwortete Deborah. „Anna ist total enttäuscht und Max hochgradig angepisst. Und ich kann sie beide verstehen.“

 „Meinst du nicht, die beiden verstehen, dass die Suche nach Magdalena gerade wichtig ist?“, fragte Tillman.

 „Schon. Aber das macht meine Familie nicht unwichtig. Allerdings bin ich gerade keine Vorzeigemutter und Ehefrau.“

 Sie berichtete ihm, was Max ihr gestern an den Kopf geworfen hatte. Tillman schwieg, aber das reichte Deborah schon. Sie wusste, dass er ihr Dilemma verstand. Stumm setzten sie ihre Fahrt fort, bis sie an der Siedlung ankamen, wo Ernst wohnte. Tillman musterte die Fassade und sah an den schier endlosen Reihen Klingelschildern auf und ab.

 „Körber, Körber …“, murmelte er. „Paketzusteller will ich hier ja nicht sein.“

 Schließlich hatte er das Namensschild gefunden und klingelte. Nichts passierte. Tillman klingelte noch einmal.

 „Komm, das bringt doch nichts“, sagte Deborah und wandte sich zum Gehen um. Da knackte es in der Gegensprechanlage.

 „Hallo?“, rief eine Kinderstimme.

 „Hallo, wer ist denn da?“, fragte Tillman.

 „Carlo. Und wer bist du?“

 „Ich bin Tillman. Bist du ein Bruder von Ernst? Ist der zuhause?“

 „Nein. Der ist weg. Nur meine Mama ist da“, klang es zögerlich aus dem Lautsprecher.

 „Dann möchte ich mit der einmal sprechen. Es ist wichtig.“

 „Hmm … Okay.“

 Wieder knackte es in der Gegensprechanlage und die Tür wurde geöffnet. Tillman warf Deborah einen fragenden Blick zu und deutete auf den Fahrstuhl, aber die schüttelte entschieden den Kopf. Dieses Gerät sah ihr wenig vertrauenserweckend aus. Im vierten Stock reckte ein kleiner Junge den Kopf über das Treppengeländer. Vielleicht war das Carlo. Entschlossen stieg sie die Betonstufen hoch. Tillman folgte ihr stöhnend.

 Der Junge erwartete sie im vierten Stock, allerdings nicht mehr am Treppengeländer. Nun stand er in einer halb geöffneten Wohnungstür und sah ihnen neugierig entgegen. Er trug ein fleckiges T-Shirt und eine Jogginghose, seine Füße waren nackt. Unter dem Arm hatte er eine Packung Cornflakes, in die er mit der Hand beherzt hineingriff und sich eine handvoll Cornflakes in den Mund stopfte.

 „Hallo, bist du Carlo?“, fragte Tillman.

 Der Junge nickte mit vollem Mund.

 „Ich bin Tillman Berger und das ist meine Kollegin Deborah Lukas. Wir sind von der Polizei.“

 Carlo machte große Augen, rührte sich aber keinen Millimeter von der Stelle.

 „Das glaub ich nicht. Ihr seht gar nicht aus wie Polizisten“, sagte er, als der Mund leer war.

 „Ich weiß. Wir sind von der Kriminalpolizei, wir haben keine Uniform. Aber ich habe einen Polizeiausweis“, sagte Tillman und zog seinen Dienstausweis aus der Jackentasche. „Kannst du schon lesen?“

 Carlo nickte und sah auf den Ausweis. Trotzdem zögerte er die Wohnungstür weiter zu öffnen.

 „Du musst uns auch nicht reinlassen“, sagte Tillman. „Du kannst auch deine Mama an die Tür holen“, schlug er vor.

 Die Tür öffnete sich ein wenig und ein kleines Mädchen lugte hinter Carlo hervor. Sie trug nur einen Body, dessen Knöpfe nicht geschlossen waren. Eine Windel hing dem Kind fast in den Kniekehlen. Misstrauisch sah Deborah auf Carlo und das Mädchen hinab. Irgendetwas stimmte hier nicht. Sie beugte sich zu dem Mädchen hinunter und warf einen Blick in den Wohnungsflur. Kleidungsstücke und Pappkartons lagen herum. Ein abgestandener Geruch schlug ihr entgegen.

 „Wo ist eure Mama?“, fragte Deborah.

 „Die schläft“, sagte das Mädchen und zupfte an ihrer Windel, die offenbar gut durchnässt zu sein schien. Das reichte. Deborah schob die beiden Kinder sanft, aber entschieden zur Seite und betrat den Flur.

 „Frau Körber?“, rief sie. Keine Antwort. Sie sah sich um. Das Chaos, das sich im Flur andeutete, setzte sich im Wohnzimmer und Kinderzimmer fort. In der Küche stapelte sich schmutziges Geschirr zwischen Plastikverpackungen und Essensresten. Deborah hielt die Luft an. Hier war mehr als nur Durchlüften nötig. Die Tür neben der Küche war nur angelehnt. Deborah warf einen Blick durch den Spalt. In dem ebenfalls chaotischen kleinen Schlafzimmer lag eine Frau im Bett.

 „Frau Körber?“

Die Frau regte sich nicht. Deborah betrat das Zimmer und ging neben dem Bett in die Hocke. Auf dem Nachttisch lag eine Schachtel Tabletten. Vorsichtig stieß Deborah Frau Körper an. Träge drehte diese sich um und öffnete schließlich die Augen.

 „Was machen Sie denn hier?“, murmelte sie.

 „Deborah Lukas, Kriminalpolizei. Frau Körber, wir sind auf der Suche nach Ihrem Sohn Ernst.“

 Frau Körber sah sie verwundert an, fast so, als ob sie überlegen müsste, wer Ernst war.

 „Wissen Sie, wo er ist oder wann er wiederkommt?“

 „Keine Ahnung … Egal … Ich muss schlafen.“ Mit diesen Worten drehte sie sich wieder um und zog sich die Decke über den Kopf.

 Deborah versuchte erneut, sie zu wecken, gab aber schnell wieder auf. Aus dem Flur hörte sie Tillmans Stimme. „Weißt du, wann dein Bruder wiederkommt?“

 „Nee“, sagte Carlo gedehnt. „Weiß auch nicht, wo er ist. Sonst ist er samstags immer da!“

 Deborah trat zurück in den Flur. „Ich ruf den Kindernotdienst an.“

 Als sie nach anderthalb Stunden das Hochhaus wieder verließen und der Mitarbeiterin des Notdienstes hinterhersahen, die Carlo und seine Schwester Rosi abgeholt hatte, atmete Tillman tief durch.

 „Ich pack’s nicht. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich so eine Wohnung gesehen habe … Aber dass es Kinder gibt, die in solchen Umgebungen aufwachsen müssen, macht mich fertig.“

 Deborah ging es nicht anders. Die trostlosen und erwartungsvollen Blicke von Ernsts Geschwistern würden sie noch lange verfolgen. Hätte nicht wenigstens dieser Tag ohne Katastrophe verlaufen können? Dabei war es für Carlo und die kleine Rosi wahrscheinlich ein Glück gewesen, dass sie gekommen waren. Wer wusste schon, ob und wann Ernst zurückkommen würde und wie lange die Kinder sonst ohne Betreuung gewesen wären? Ihre Mutter, die starke Antidepressiva nahm, war dazu ja offenbar nicht in der Lage.

 Am Himmel türmten sich dunkle Wolken und starke Windböen verkündeten einen aufziehenden Sturm. Deborah und Tillman machten, dass sie zum Auto kamen. Kaum saßen sie auf ihren Plätzen, prasselte Hagel auf die Welt nieder. Deborah blickte beim Ausparken noch einmal zu der Wohnung hoch, in der nun alles dunkel war. Wie gut, dass die Kinder jetzt nicht allein waren. Hoffentlich galt das auch für Ernst und Magdalena.

 

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