8. Dezember

Die Worte des Obdachlosen gingen Oskar nicht aus dem Kopf. Auf dem Weg nach Hause hatte er mit Piet in der Straßenbahn über den Mann geredet. Bis zu seiner Haltestelle hatten sie darüber gerätselt, warum ausgerechnet dieser Mann ihre Fragen nach Weihnachten hören konnte. Zuhause hatte Oskar auch Finchen von der seltsamen Begegnung erzählt und für Finchen war beinahe sofort klar gewesen, dass es der Weihnachtsmann selbst gewesen war, den Oskar und Piet getroffen hatten.

„Der Weihnachtsmann? Ich dachte, du glaubst nicht an den Weihnachtsmann, sondern ans Christkind?“

„Vielleicht gibt es ja beide und sie teilen sich einfach die Arbeit“, hatte Finchen argumentiert.

Oskar hatte nicht weiter mit seiner Schwester über die Identität des Mannes diskutierten wollen. Selbst wenn es der Weihnachtsmann persönlich gewesen wäre, welchen Sinn hatte es, wenn sie ihn gefunden hatten, wenn selbst der Weihnachtsmann nichts mehr von dem Fest wusste?

Heute, am Samstagmorgen, fiel Oskar plötzlich ein, dass sie außer dem Erlebnis von gestern, keine weiteren Anhaltspunkte hatten, wie es weitergehen sollte. Sie hatten den Mann ja nicht einmal nach seinem Namen gefragt. Noch vor dem Frühstück bekam er eine Nachricht von Piet aufs Handy.

„Hast du gleich Zeit? Müssen noch mal über gestern reden.“

Gleich tippte Oskar seine Antwort ins Handy und verabredete sich mit seinem besten Freund für den späten Vormittag. Mit der Tüte Spekulatius, die Piet mitgebracht hatte, verzogen sich die beiden in Oskars Zimmer.

„Wir hätten den Mann nach seinem Namen fragen sollen“, sagte Oskar. „Oder ein neues Treffen vereinbaren sollen.“

„Hätte, hätte“, sagte Piet und griff nach einem Spekulatius. „Ich glaub ja nicht wirklich, dass er wirklich herausfinden kann, warum Weihnachten aus dem Kalender und aus den Gedächtnissen der Erwachsenen verschwunden ist.“

„Ich auch nicht“, gestand Oskar. „Aber wenn doch, weiß er nicht, wie er uns erreichen soll.“

Piet nahm sich einen weiteren Keks aus der Tüte und kaute nachdenklich. „Darüber habe ich aber gar nicht am meisten nachgedacht“, sagte er schließlich.

„Worüber dann?“

„Über das, was der Mann gesagt hat. Dass es kein Recht auf Weihnachten gibt“, sagte Piet.

Oskar zerbrach ein Spekulatius. „Stimmt, das ist wirklich sehr merkwürdig. Was er damit wohl gemeint hat?“

„Vermutlich genau das, was er gesagt hat“, mutmaßte Piet. „Und vermutlich hat er auch recht. Es gibt kein Recht auf Weihnachten wie ein Recht auf freie Meinung oder Urlaub oder so.“

Oskar fiel etwas ein, was sein Lehrer einmal gesagt hatte, als sie über die Sitzordnung in der Klasse diskutiert hatten. „Gibt es nicht so etwas wie ein Gewohnheitsrecht?“, fragte er.

„Du meinst, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass jedes Jahr im Dezember Weihnachten ist, muss es auch stattfinden?“, fragte Piet zweifelnd.

Oskar zuckte die Schultern. „Na ja, so ähnlich.“ Plötzlich kam ihm sein Einwand unheimlich dumm vor. War das nicht auch das, worüber der Pfarrer in den letzten Jahren immer wieder gepredigt hatte. Weihnachten wurde zwar jedes Jahr neu gefeiert, aber es sollte doch mehr sein, als ein Fest, das man abarbeitete, wie eine mehr oder weniger lästige Hausaufgabe. Womöglich war nun genau das eingetreten, was immer gesagt worden war; Weihnachten war so normal, dass es gar nicht mehr weiter auffiel.

Aber was hatte der Mann zum Schluss noch gesagt, als Piet und Oskar sich eigentlich schon zum Gehen abgewandt hatten. Weihnachten ist Gnade?

„Das ist halt das, was ich nicht verstehe“, sagte Piet und Oskar bemerkte, dass er seinen Gedanken laut ausgesprochen hatte. „Okay, damals beim ersten Weihnachten war das Gnade, dass Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat und so – aber heute?“

„Gute Frage“, antwortete Oskar. „Schließlich wird Jesus nicht jedes Jahr wieder geboren.“

„Wird er natürlich wohl.“

Unvermittelt stand Finchen im Zimmer. Konnte sie einen nicht einfach mal in Ruhe lassen? Oder wenigstens anklopfen?“

„Was willst du denn hier?“, fragte Oskar genervt.

„Mit euch das Weihnachtsproblem lösen“, entgegnete Finchen in einem Tonfall, als hätte sie längst die Antwort auf all ihre Fragen gefunden.

„Aha, und weißt du wie?“

FInchen senkte den Kopf. „Naja, noch nicht so richtig, aber …“

„Dann kannst du ja auch wieder gehen“, sagte Oskar und zeigte zur Tür. Piet drückte seinen Arm wieder herunter.

„Lass sie doch mal ausreden“, sagte er und hielt Finchen die Kekstüte entgegen. Finchen strahlte, nahm sich ein Spekulatius und setzte sich neben sie auf den Fußboden.

„Wie meinst du dass, das Jesus jedes Jahr geboren wird?“, wollte Piet wissen.

„Nicht so richtig natürlich“, sagte Finchen hastig. „Aber im mefa … tafo …“

„Im metaphorischen Sinn?“, half Piet nach.

„Genau. Letztes Jahr hat doch der Pfarrer erzählt, dass Weihnachten mehr ist, als Geschenke und Tannenbaum und so weiter. Er hat gesagt, wenn man nett ist zu anderen, jemandem hilft oder verzeiht, ist auch Weihnachten.“

„Und wenn man gnädig ist“, fügte Piet gedankenverloren hinzu.

„Eben“, rief Finchen.

„Dann könnte Weihnachten aber auch am 2. November oder am 18. April sein“, wandte Oskar ein.

„Theoretisch schon. Aber irgendwann haben sich die Menschen halt darauf geeinigt, dass Weihnachten am 24. Dezember ist“, sagte Piet.

„Aber du darfst auch am 18. April nett zu mir sein“, sagte Finchen grinsend. „Das ist sogar ein Kinderrecht“, fügte sie naseweis hinzu.

Oskar lag schon eine spitze Bemerkung auf der Zunge, doch weil ihm im gleichen Moment etwas anderes einfiel, besann er sich und schluckte die Bemerkung hinunter.

„Hat der Mann das wohl so gemeint? Alles, was mit Weihnachten zusammenhängt, passiert nur, wenn wir Menschen uns das gegenseitig geben. Geschenke, Zeit und alles andere.“

Piet sprang auf. „Das ist es!“, rief er.

„Aber warum ist dann der 24. Dezember weg?“, wunderte Oskar sich.

„Weil es auf den überhaupt nicht ankommt“, erklärte Piet.

„Ich würde aber trotzdem gern Weihnachten feiern“, sagte Finchen. „Auch am 24. Dezember.“

„Aber wir haben kein Recht darauf“, zitierte Oskar den Obdachlosen.

„Und was ist mit der Gnade?“, fragte Piet. „Vielleicht ist Gott ja gnädig und gibt uns den Tag zurück, damit wir Weihnachten feiern können.“

Finchen blickte sehnsüchtig gen Zimmerdecke, als ob sie dadurch direkt in den Himmel zum Gottesthron sehen könnte. Für einen Augenblick verharrte sie in dieser Position. Dann sah sie Oskar und Piet entschlossen an.

„Und wenn nicht, dann feiern wir trotzdem Weihnachten“, sagte sie. „Passt auf, ich habe eine Idee.“

 

Obwohl die Wahrscheinlich, dass sie jemand belauschen konnte, ziemlich gering war, rutschten die drei noch etwas näher aneinander und steckten die Köpfe zusammen.