8. Dezember

 

 

Deborah war so weit von adventlicher Stimmung entfernt wie der Nordpol vom Südpol. Max hatte es gar nicht mehr kommentiert, als sie gestern Abend von der Anweisung ihres Chefs erzählt hatte, dass sie und Tillman an diesem Adventssonntag die Messe in der Elisabeth-Kirche besuchen und die Gemeindemitglieder befragen sollten. Max hatte es hingenommen und war direkt nach dem Frühstück mit Anna zu seinen Eltern gefahren. Wie jedes Jahr. Nur, dass sie in den letzten Jahren immer dabei gewesen war, wenn Max‘ Mutter Rotkohltorte gebacken hatte und es nachmittags Stollen mit heißem Zimtkakao gab. Heute würde sie, wenn überhaupt, nur einen Heuler von ihrer Schwiegermutter bekommen – mit Durchschlag von Max. Sie musste dringend mit ihrem Chef reden und auf ihr Recht auf Privatleben bestehen. Sie holte Tillman ab und fuhr mit ihm zur Kirche.

 „Wehe, der Pfarrer erzählt in seiner Predigt irgendetwas vom Fest der Familie“, murmelte sie, kurz bevor sie das Gotteshaus betraten.

 „Unwahrscheinlich. Am 2. Advent ist Johannes der Täufer und seine Rede zur Umkehr Thema“, sagte Tillman. Deborah sah ihn überrascht an.

 „Du hast einen gut katholischen und langjährigen Messdiener als Kollegen“, erklärte Tillman, bekreuzigte sich am Eingang mit Weihwasser und bugsierte Deborah in eine Bank. Deborah schlug das zuoberst angezeigte Lied im Gesangbuch auf. Macht hoch die Tür. Na, wenigstens das kannte sie. Während der Pfarrer die Begrüßungsworte sprach, sah sie sich suchend um. Familie Jungblut konnte sie nirgends entdecken. Wahrscheinlich fiel es ihnen schwer, dort zu sein, wo sie ihre Tochter und Schwester das letzte Mal gesehen hatten, mutmaßte Deborah. Ein paar Bänke vor ihnen erkannte sie jedoch Schwester Benedicta, und im Seitenschiff meinte sie den Jugendleiter zu sehen. Die Messe schien so abzulaufen, wie es für einen Adventssonntag üblich war. Der Predigt des Pfarrers konnte Deborah nicht ganz folgen, was wohl daran liegen mochte, dass der kleine Junge vor ihr leise sein Bibelbilderbuch kommentierte und die ältere Dame neben ihr mit einer Schachtel Hustenbonbons hantierte.

 Erst bei den Fürbitten horchte sie auf. Ein grauhaariger Mann war nach vorne ans Mikrofon getreten und verlas Bitten für Politiker, Krisengebiete und für die Gemeinde. Fast reflexartig murmelte Deborah das „Wir bitten dich, erhöre uns“ mit.

 „Wir bitten auch für unsere Schwester im Glauben, Magdalena, die seit einer Woche verschwunden ist. Halte deine schützende Hand über sie und alle, die nach ihr suchen. Schenke uns die Hoffnung, dass sie wohlbehalten wieder nach Hause kommt. Gott, unser Vater …“

 Die Erwiderung der Gemeinde war messbar deutlicher als bei den Bitten zuvor. Einige sprachen die Antwort auf die Bitte laut und kräftig, aber Deborah hörte auch, wie einigen Gemeindemitgliedern dabei die Stimme versagte. Die alte Frau neben ihr schnäuzte sich in ihr Taschentuch.

 „Ist das nicht nett, dass sie auch für uns gebetet haben?“, wisperte Tillman Deborah zu.

 „Wie, für uns?“

 „Na, halte deine schützende Hand über sie und alle, die nach ihr suchen“, zitierte Tillman.

 „Ach so, ja, nett“, murmelte Deborah. Das Wort der Gemeinde in Gottes Ohr! Vielleicht würden sie mit Gottes Hilfe Magdalena ja finden können.

 Nach der Messe standen noch viele Gemeindemitglieder vor der Kirche beieinander und sprachen miteinander. Deborah bekam im Vorbeigehen mit, dass es nur ein Thema gab. Magdalena. Höchstens über den heftigen Sturm am Vortag wurden noch wenige Sätze verloren. Bevor sie sich jedoch zu den Leuten gesellten, um ihre Fragen zu stellen, galt es, den Pfarrer zu sprechen. Sie folgte Tillman zur Sakristei, deren Tür halb offen stand. Der Pfarrer hatte sein Talar ausgezogen und sprach mit einem Mann.

 „Haben Sie den Dachstuhl schon untersucht?“, fragte der Pfarrer.

 Der Mann nickte. „Ja, ein paar Dachziegel hat der Sturm gestern vom Dach geweht. Und ein Ast der Kastanie ist auf einen der Balken gekracht“, berichtete er. „Es sieht nicht so schlimm aus, aber ich lasse morgen doch lieber den Dachdecker kommen.“

 Deborah lag ein wenig christlicher Kommentar auf den Lippen, doch sie behielt ihn für sich. Tillman klopfte an den Türrahmen und sie betraten die Sakristei.

 „Guten Morgen, Tillman Berger, Kriminalpolizei. Haben Sie ein paar Minuten für uns?“

 Der Pfarrer nickte. „Konrad Martin“, stellte er sich vor. „Entschuldigen Sie, dass ich mich noch nicht gemeldet habe. Schwester Benedicta erzählte, dass Sie schon hier gewesen sind.“

 „Ja, wir haben schon gehört, dass Magdalena in der Gemeinde sehr engagiert ist. Haben Sie vorige Woche etwas bemerkt? Hat sie sich Ihnen womöglich mit einem Problem anvertraut?“

 Pfarrer Martin lächelte etwas verhalten. „Sie wissen doch, dass auch ich eine Schweigepflicht habe. Selbst wenn Magdalena mir etwas anvertraut hätte, dürfte ich Ihnen das nicht weitergeben.“

 „Und unabhängig vom Beichtgeheimnis? Ist Ihnen etwas aufgefallen?“

 „Nein, nichts. Das habe ich auch ihren Eltern schon gesagt.“

 „Sie haben mit der Familie Jungblut gesprochen?“, fragte Deborah überrascht.

 „Natürlich. Als Seelsorger ist es meine Pflicht, in dieser Situation der Familie beizustehen. Das kann man sich gar nicht vorstellen, was sie gerade durchmachen müssen.“

 „Wie sieht dieser Beistand denn aus?“, erkundigte sich Tillman.

 Der Pfarrer legte seufzend ein Gebetbuch zur Seite. „Hoffen, beten und ganz viel zuhören. Einfach da sein und die Trauer und Verzweiflung mit aushalten.“

 Er nahm einen schwarzen Wintermantel vom Kleiderhaken und zog ihn sich über. Für Tillman und Deborah ein deutliches Zeichen dafür, dass der Pfarrer nichts weiter zu sagen hatte. Sie folgten ihm hinaus auf den Kirchplatz, wo noch immer viele der Gemeindemitglieder versammelt standen.

 „Das ist ja so furchtbar, Herr Pfarrer. So etwas hat es doch hier noch nie gegeben“, sagte ein alter Mann.

 „Hoffentlich kommt Magdalena bald wieder zurück!“, stimmte eine junge Frau mit Kinderwagen zu.

 „Aber mit jedem Tag wird das ungewisser“, fügte eine andere Frau hinzu. „Es laufen doch so viele kranke Leute rum …“

 „Nun malen Sie mal den Teufel nicht an die Wand“, bat Pfarrer Martin. „Wir wollen doch alle hoffen, dass Magdalena niemandem in die Hände gefallen ist, der ihr Böses will.“ Er deutete auf Deborah und Tillman. „Wenn Sie helfen wollen, Magdalena wiederzufinden, unterstützen Sie die Polizei. Wenn Sie irgendetwas wissen, teilen Sie es den beiden Kommissaren mit!“

 Die Messbesucher umringten sie. Doch zu Deborahs größter Enttäuschung, wurden sie eher mit Fragen als mit Antworten konfrontiert. Immer wieder mussten sie und Tillman die Leute beruhigen und ihnen versichern, dass es keinen Hinweis auf ein Gewaltverbrechen gäbe, sie aus ermittlungstechnischen Gründen nicht sagen durften, ob es einen Verdächtigen gäbe.

 „Bitte, es gibt keine Veranlassung für Sie Angst um sich oder Ihre Kinder zu bekommen“, sagte Tillman deutlich, als eine Stimme aus der Gruppe laut wurde, dass man die eigenen Kinder jetzt jedenfalls zur Schule und zum Sport bringen würde. „Wenn Sie in den letzten Tagen irgendetwas gehört oder bemerkt haben, das mit Magdalenas Verschwinden in Zusammenhang stehen könnte, sagen Sie es uns bitte. Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen?“

 Kopfschütteln blieb vorerst die einzige Antwort, die sie bekamen. Niemand schien auch nur irgendetwas mitbekommen zu haben. Die Gruppe löste sich langsam auf, man verabschiedete sich nach Hause und nur einige wenige blieben auf dem Kirchplatz zurück. Deborahs Stimmung sank noch weiter. Und dafür hatte sie jetzt ihren Familienfrieden geopfert? Für nichts und wieder nichts?

 Da trat eine Frau auf sie zu.

 „Ich weiß nicht, ob das irgendwie weiterhilft. Letzten Sonntag wäre Magdalena eigentlich als Messdienerin aufgestellt gewesen. Aber sie rief vor der Messe bei uns an und hat gefragt, ob meine Tochter sie vertreten könne.“

 „Hat sie gesagt, warum?“, fragte Tillman.

 „Sie fühlte sich wohl nicht so gut“, antwortete die Frau. „Für Sandra war das kein Problem. Sie hat den Dienst übernommen. Aber ein bisschen gewundert hat es mich schon. So viel ich weiß, hat Magdalena sich noch nie vertreten lassen.“

 „Zumal sie doch später auch in der Messe war, oder nicht?“, meinte Tillman.

 „Ja, eben.“ Die Frau zuckte die Achseln. „Na ja, vielleicht sehe ich auch Gespenster. Ist ja gerade auch Grippezeit. Vielleicht war bei Magdalena ja wirklich auch nur eine Erkältung im Anmarsch und sie war etwas wackelig. Dann ist es besser, wenn man in der Bank sitzen bleibt …“

 

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