9. Dezember

 

 

„Ich bin Alltags-Heldin!“ In großen weißen Buchstaben prangte der Satz auf einem Plakat an der Bushaltestelle. Auf dem zugehörigen Foto war eine Frau zu sehen, die in der Küche stand, ein Kind auf dem Arm, im Hintergrund ein Kind am Küchentisch, das offenbar Hausaufgaben machte. In etwas kleinerer Schrift stand unter dem Foto zu lesen: „Du musst nicht 100 Leben retten oder dein Leben aufs Spiel setzen. Die vielen kleinen Aufgaben, die du täglich meisterst, zeichnen dich aus! Danke!“

 Es war eins von vielen Plakatmotiven mit derselben Botschaft. Seit einigen Tagen hingen sie an beinahe jeder Litfaßsäule oder Haltestelle. So gut wie die Aktion gemeint war, er konnte nur bitter darüber lachen. Er war kein Alltags-Held. Hatte nie einer sein wollen. Und doch hatte er alles daran gesetzt, irgendwie einer zu sein. Einfach weil es notwendig war. Wer hätte die Aufgabe denn sonst übernehmen können? Wem hätte er sich anvertrauen sollen? Niemand hätte ihm helfen können.

 Aber er allein hatte es auch nicht geschafft, wie er nun einsehen musste. Er war gescheitert. Nicht einmal zum Alltags-Helden hatte er getaugt. Die Nummer war etwas zu groß für ihn gewesen. Jetzt, im Nachhinein, war ihm das klar. Wie naiv war er eigentlich gewesen, zu glauben, dass er das hätte schultern können? Er konnte seine Augen einfach nicht überall haben, konnte nicht gleichzeitig sein Leben in den Griff kriegen und auf andere aufpassen. Aber hätte nicht wenigstens eins von beidem klappen müssen? Wenn er das Unglück für sich selbst nicht hatte verhindern können, hätte er doch für die anderen da sein können!

 Wütend trat er gegen die Scheibe der Werbefläche. Ein Riss zog sich nun von der unteren rechten Ecke bis in die Mitte der Scheibe. Noch einmal trat er zu. Einen weiteren Tritt später splitterte das Glas und fiel klirrend zu Boden. Doch das verdammte Plakat verhöhnte ihn noch immer. Er riss es aus der Halterung und zerriss es in kleine Fetzen.

 

 Die Dienstbesprechung an diesem Vormittag verlief wenig erbaulich. Niemand konnte irgendwelche Erfolge vorweisen.

 „Das kann doch nicht sein“, fluchte Simon Hansen und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Ein Mädchen kann doch nicht einfach so verschwinden, ohne dass auch nur irgendjemand etwas mitbekommt.“

 Selbst der Einsatz des Suchhubschraubers, den Scherer veranlasst hatte, war erfolglos geblieben.

 „Ich sag’s nicht gerne, aber mittlerweile habe ich wenig Hoffnungen, dass wir Magdalena noch lebend finden“, gestand der Chef. „Ich werde den Kollegen vom Tauchdienst Bescheid sagen, dass sie den See und umliegende Gewässer absuchen.“

 Ein Stöhnen ging durch den Raum. Taucher einzusetzen kam einer Aufgabe gleich. Deborah hoffte, dass nicht sie den Eltern die anstehende Maßnahme erklären musste. Ihr war der starre Blick von Magdalenas Mutter und der Zusammenbruch ihres Vaters noch deutlich genug in Erinnerung.

 „Natürlich sind eure Ermittlungen nicht auf Eis gelegt“, fügte Lorenz Scherer hinzu. „Ihr sucht weiter nach Magdalena, bis …“

 Es klopfte an der Bürotür und Sandra, die Bürokraft des Kriminalkommissariats, betrat den Raum.

 „Entschuldigt die Störung. Gerade kam eine Nachricht von der Streife. Im Büro des Kindernotdienstes randaliert ein junger Mann. Laut Beschreibung könnte es sich dabei um Ernst handeln“, sagte sie.

 Es brauchte keine große Aufforderung von Lorenz Scherer. Deborah und Tillman warfen sich ihre Jacken über und machten sich auf den Weg zum Kindernotdienst. Dort stand schon ein Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht.

 Deborah und Tillman betraten das Gebäude. Der Kindernotdienst befand sich im ersten Stock und schon auf der Treppe drangen Rufe zu ihnen herab. Deborah fand das eher beruhigend, laute Stimmen zu hören. So ließ sich erahnen, was passierte. Bei Stille konnte man nie so sicher sein.

 Den Stimmen nach zu urteilen, lag das Büro recht nah an der Treppe. Eine Tür stand angelehnt und gab einen zwei Zentimeter weiten Ausschnitt preis. Deborah wartete einen Augenblick, lugte durch den Türspalt. Ein Ständer, der wohl einmal Prospekte ausgestellt hatte, lag am Boden. Broschüren und Postkarten drumherum verteilt.

 „Lassen Sie mich los!“

 Das war eindeutig Ernsts Stimme, bemerkte Deborah. Zwar aufgebrachter und lauter als in der Schule vor ein paar Tagen, aber dennoch unverkennbar.

 „Jetzt beruhige dich endlich, Junge, es wird sich alles klären“, erklang eine Stimme. Vermutlich einer der Streifenkollegen.

 „Ich will mich nicht beruhigen. Ich will zu meinen Geschwistern!“

 „Du kommst erst einmal mit uns aufs Revier.“

 Die Stimme klang entschieden, aber nicht verzweifelt. Offenbar hatten die Kollegen von der Streife die Situation schon unter Kontrolle. Deborah öffnete die Tür und betrat gefolgt von Tillman das Büro. Ein großer Schreibtisch und ein dahinter stehender Aktenschrank füllte einen Großteil des Raumes aus. Hinter der Tür standen zwei Stühle, auf denen ein uniformierter Polizist und Ernst saßen. Ernst war mit Handschließen an die Stuhllehne gefesselt, an der er dennoch immer wieder zog. Ein weiterer Polizist stand im angrenzenden Raum und kümmerte sich um eine Frau mittleren Alters die mit erschrockenem Gesicht an einem kleinen Tisch saß.

 „Ah, die Kollegen von der Kriminalpolizei“, begrüßte der uniformierte Polizist Deborah und Tillman.

 „Ist alles in Ordnung? Brauchen wir einen Arzt?“, fragte Tillman.

 „Nein, alles soweit in Ordnung“, erwiderte der Kollege. „Abgesehen von dem Chaos.“

 Tillman sah Ernst kopfschüttelnd an. „Oh Mann, Junge, mit dir macht man vielleicht was mit. Was sollte das denn hier werden?“ Er deutete auf den umgeworfenen Prospektständer.

 „Ich will meine Geschwister zurück“, knurrte Ernst. Seiner Stimme war deutlich anzuhören, dass er erkannte, dass er verloren hatte.

 „Mit dieser Aktion? Damit handelst du dir eher noch mehr Ärger ein, als du ohnehin schon hast“, erwiderte Tillman.

 „Aber die können sie mir doch nicht einfach so wegnehmen“, rief Ernst und deutete mit dem Kopf auf das Nebenzimmer. „ … und meiner Mutter“, fügte er leise hinzu.

 „Man hat deine Geschwister nicht einfach so weggenommen. Sie wurden in Obhut genommen, als niemand da war, um sich um sie zu kümmern. Deine Mutter leider am allerwenigsten“, erklärte Deborah so ruhig wie möglich. Es war unverkennbar, dass Ernst geschockt gewesen sein musste, als er die leere Wohnung vorgefunden hatte, und in gewisser Weise tat er ihr leid. Aber ihre Entscheidung, Carlo und Rosi in Obhut nehmen zu lassen, war dennoch richtig gewesen, rief Deborah sich in Erinnerung. Wenn Ernst erst an diesem Morgen nach Hause zurückgekehrt war, wären die Kinder sonst drei Tage auf sich allein gestellt gewesen.

 „Geht es ihnen denn wenigstens gut?“, wollte Ernst wissen. Er hatte aufgehört, an seinen Fesseln zu ziehen und saß nun wie geschlagen mit gesenktem Kopf da.

 Deborah warf dem Kollegen einen fragenden Blick zu. Wusste er mehr? Aus dem Nebenzimmer trat der andere Polizist hervor.

 „Den beiden geht es gut“, sagte er. „Sie sind in einer Pflegefamilie untergebracht, die sich um sie kümmert.“

 „Sie sind zusammen?“, fragte Ernst. Der Polizist nickte.

 „Aber dich müssen wir nun leider trotzdem mitnehmen“, sagte Tillman. „Wir hätten dir das ja gern erspart, aber unter diesen Umständen …“ Er ließ den Satz unvollendet und warf stattdessen einen bedeutungsschweren Blick durch den chaotischen Raum.

 Ernst nickte ergeben und ließ sich ruhig und widerstandslos von Deborah abführen

 „Es tut mir leid“, murmelte er, als sie das Büro verließen.

 

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