9. Dezember

Langsam zog Finchen ihren Finger aus der Schleife und sah dann zufrieden auf ihr Werk. Vier dicke Kerzen lagen vor ihr und Oskar auf dem Tisch, jede umwickelt mit einer weißgoldenen Schleife. Nachdem sie am Vortag gemeinsam mit Piet Pläne geschmiedet hatten, waren sie schnell losgelaufen und hatten besorgt, was sie brauchten.

„Das ist zwar kein richtiger Adventskranz, aber Kerzen sind ein guter Anfang“, fand Oskar.

„Und wir können sie ja kreisförmig aufstellen“, überlegte Finchen.

Sie liefen in die Küche, stellten die Kerzen auf den Tisch und bereiteten das Frühstück vor.

Papa sah sie überrascht an, als er mit Twist vom Morgenspaziergang kam.

„Nanu, ist heute etwas Besonderes?“, fragte er.

„Na klar, heute ist 2. Advent“, antwortete Finchen.

Papa sah sie verständnislos an. Ganz so, als hätte er gerade ein Gespenst gesehen, schüttelte er ungläubig den Kopf und sagte: „Lieb, dass ihr euch schon um das Frühstück gekümmert habt. Sogar mit Kerzen!“

Er griff nach einem Feuerzeug und wollte die Kerzen anzünden.

„Halt, nur zwei“, hielt Oskar ihn auf, als Papa sich mit dem Feuerzeug der dritten Kerze näherte.

„Wieso denn das?“

„Die dritte Kerze ist erst nächste Woche dran“, erklärte Oskar.

„Na gut“, lenkte Papa ein und legte das Feuerzeug zurück in die Schublade.

Auch Mama gefiel die Frühstücksatmosphäre im Schein der zwei Kerzen. Aber die Bedeutung der Kerzen fiel weder ihr noch Papa auf.

„Ich glaube, ich weiß, warum die Erwachsenen alle nicht mehr auf Advent reagieren“, sagte Oskar auf dem Rückweg von der Kirche zu Finchen. Während der Predigt des Pfarrers, in der es natürlich wieder nicht um Weihnachten gegangen war, war er mit seinen Gedanken immer wieder um diese Frage gekreist.

„Wieso nicht?“

„Weil Weihnachten ausfällt“, erklärte Oskar.

Finchen sah ihn mit großen Augen an.

„Advent bedeutetet doch Ankunft“, sagte Oskar. „Im Advent bereitet man sich darauf vor, dass Jesus geboren wird. Aber wenn er gar nicht geboren oder sein Geburtstag nicht mehr gefeiert wird, braucht man sich auch nicht darauf vorzubereiten.“

„Aber er wird doch immer wieder geboren“, beharrte Finchen auf ihrem Standpunkt, den sie gestern schon vertreten hatte.

„Ja, aber ohne großes Brimborium“, hielt Oskar dagegen.

„Du meinst, weil diese Gnade nicht so glitzert wie Lametta?“, fragte Finchen.

„Vielleicht.“

Finchen schüttelte entschieden den Kopf. „Das ist mir egal. Ich möchte mich trotzdem vorbereiten. Wenn Weihnachten ausfällt ist das doof, aber vielleicht findet es ja doch statt“, sagte sie hoffnungsvoll.

„Wir können es schließlich nicht wissen, ob Gott doch noch gnädig ist und Weihnachten nicht ausfällt. Ich hab jedenfalls dafür gebetet“, verriet Finchen.

Oskar nickte nachdenklich. Zwar musste er sich eingestehen, dass er nicht explizit gebetet hatte, dass Weihnachten nicht ausfallen möge. Aber ebenso wie Finchen und Piet war er fest entschlossen, sich Mühe zu geben, ihr Umfeld etwas weihnachtlicher zu machen.

Am Nachmittag suchte er mit Finchen im Keller nach der Krippe, die sie jedes Jahr aufstellten. Doch genauso wie die Krippe der Kirchengemeinde, war auch ihre Familienkrippe verschwunden. Oskar seufzte. Er hatte ihre Krippe sehr gemocht. Die glatten Holzfiguren mit den sanften Farben. Besonders der Esel hatte ihm gefallen. Er hatte am Rücken eine kleine Mulde, in die die Maria-Figur genau hineinpasste, sodass Maria auch wirklich auf dem Esel reiten konnte.

„Dann müssen wir halt selbst Krippenfiguren basteln“, sagte Finchen, als Oskar ihr von der enttäuschenden Entdeckung erzählte. Sie zog ihre große Bastelkiste aus dem Schrank und wühlte darin herum.

Verlegen hielt sie ein paar Dosen mit Knetgummi in die Höhe. „Damit kriegen wir wohl keine Figuren zusammen“, murmelte sie, als sie entdeckte, wie krümelig die Knete war.

„Aber ich habe Strohhalme und Transparentpapier, daraus können wir Fensterbilder basteln.“

„Und für die Krippenfiguren nehmen wir Salzteig, das haben wir neulich erst im Kunstunterricht gelernt“, sagte Oskar euphorisch.

Nach wenigen Minuten hatten Oskar und Finchen die Küche für sich beansprucht und rührten eifrig den Salzteig zusammen. Mama hatte noch neugierig geschaut, was sie vorhatten, aber Finchen hatte großzügig einen Kaffee gekocht und in einer Thermoskanne ins Wohnzimmer gestellt.

„Hier ist es doch viel gemütlicher“, hatte sie geflötet und Papa und Mama hatten sich verblüfft über so viel Service aufs Sofa gesetzt und Finchen und Oskar das Feld in der Küche überlassen.

„Ich mach Maria und das Jesuskind“, kündigte Finchen an, als der große Salzteigklumpen vor ihnen auf dem Tisch lag.

„Und ich Josef und den Esel“, sagte Oskar.

„Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind, auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind“, sang Finchen vergnügt vor sich hin und begann mit der Modellierung der ersten Figur. Oskar stimmte in den Gesang seiner Schwester ein und so saßen sie da, sangen Weihnachtslieder und fertigten ihre ganz eigenen Krippenfiguren. Oskar musste zugeben, dass Finchen die Figuren besser gelangen, als ihm selbst. Gerade sah Finchen stolz auf ihre erste Figur, unverkennbar die Maria, als Oskar etwas einfiel.

„Pass auf, Maria muss ja auch noch auf dem Esel reiten können, wie bei unseren alten Figuren!“

Finchen stöhnte auf. „Toll, hättest du das nicht eher sagen können? Jetzt ist Maria schon fertig“, sagte sie und stellte die Marienfigur vor sich auf den Tisch.

„Aber Maria ist doch immer auf dem Esel geritten“, wandte Oskar ein.

„Dann läuft sie in diesem Advent halt mal“, entgegnete Finchen. „Mit ihrem dicken Bauch kann sie bestimmt nicht die ganze Zeit auf dem Esel sitzen.“

Das leuchtete Oskar ein. Letztlich war er auch ganz froh, dass Maria nicht reiten musste, da der Esel auch ohne Reiterin schon sehr unsicher auf den Beinen stand. Während Oskar noch an der Perfektion des Josef arbeitete, formte Finchen den Ochsen und den Verkündigungsengel.

„Fürchtet euch nicht, ich bringe euch eine große Freude. Heute ist euch in Bethlehem der Heiland geboren“, sagte Finchen salbungsvoll und fuchtelte mit dem Engel in der Luft herum.

„Oh Mann, da fällt mir ein, wir brauchen auch ja noch Hirten und ein paar Schafe. Sonst hat der Engel keinen, dem er die frohe Botschaft verkünden kann“, fiel Oskar ein.

Es dauerte den ganzen Nachmittag, bis Oskar und Finchen alle Figuren zusammen hatten. Aber schließlich saßen die Heilige Familie, Hirten, Schafe, Engel und Ochs und Esel auf zwei Backblechen verteilt im Ofen und warteten auf ihre Fertigstellung.

„Während die Figuren auskühlen, können wir ja schon ein paar Sterne basteln“, sagte Finchen eifrig, zog das Pergamentpapier und die Strohhalme aus ihrer Bastelkiste hervor und fing sogleich an zu falten.

Oskar seufzte ergeben. War Weihnachten eigentlich immer schon so stressig gewesen? Er konnte sich nicht erinnern, jemals so viel gebastelt zu haben, wie heute. Aber wenn es weihnachtlich werden sollte, musste er diese Arbeit wohl auf sich nehmen.

Ordentlich legte Finchen die Fertigen Sterne auf einen Stapel.

Es klopfte an der Tür. „Können wir wieder reinkommen? Es wird langsam Zeit fürs Abendessen“, drang Mamas Stimme aus dem Flur.

Freudig strahlend wie ein Honigkuchenpferd öffnete Finchen die Küchentür und ließ die Eltern eintreten.

„Das sieht ja hübsch aus“, fand Mama mit einem Blick auf die Sterne. „Habt ihr die alle selbst gebastelt?“

„Natürlich“, bestätigte Oskar. „Und jeden Abend hängen wir einen Stern ans Fenster.“

„Tolle Idee“, sagte Papa und griff nach einem Stern aus gelbem Pergamentpapier.

„Ja, so haben wir zu Weihnachten einen ganzen Sternenhimmel am Fenster“, fügte Finchen hinzu.

 

„Und was sind das für Figuren hier auf dem Backblech?“