Grit Poppe - Abgehauen: Oetinger Verlag, ISBN: 978-3-7915-1633-2, 9.95€

Grit Poppe - Abgehauen


1989 im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau: Gonzo hat genug von den ständigen Schikanen durch Aufseher und sogenannte Erzieher, die aus ihr eine anständige "sozialistische Persönlichkeit" machen wollen.

Zu lang hat sie Schläge, Misshandlung und psychische Folter bereits ausgehalten. Nachdem ihre einzige Freundin Anja aus dem Jugendwerkhof verschwindet, wagt Gonzo die Flucht. Sie trifft auf René, der die DDR verlassen will. Gemeinsam mit ihm flieht Gonzo über die grüne Grenze in die Tschechoslowakei nach Prag.

Dort warten sie mit tausenden anderen DDR-Flüchtlingen in der Prager Botschaft darauf, endlich in die Bundesrepublik und in die Freiheit ausreisen zu dürfen. 

Immer wieder jedoch wird Gonzo von den Erinnerungen an ihre Vergangen-heit eingeholt, und sie muss sich fragen, ob sie jemals frei sein wird.


Abgehauen knüpft an Grit Poppes ersten Roman Weggesperrt an, in dem von Anja erzählt wurde, die nach einem Ausreiseantrag der Mutter schließlich im Jugendwerkhof Torgau landet. Die rebellische Gonzo ist dort ihre einzige Freundin und hilft Anja, die Drangsalierungen durchzustehen. 

In Abgehauen wird nun das Schicksal von Gonzo selbst weitererzählt, nachdem Anja aus Torgau verschwunden ist, ohne das Gonzo weiß, was mit ihr passiert ist.

Gonzo ist durch ihre lebenslange Heimerfahrung abgebrüht und hat sich hinter einem harten Panzer verschanzt. Nichts und niemand kann ihr etwas anhaben. Das glaubt sie zumindest von sich, bis sie Anja kennenlernt. Das ungewisse Schicksal ihrer Freundin im Jugendwerkhof lässt sie nicht mehr los. 

Die Tage und Nächte, die sie in der Dunkelzelle ohne jedweden Kontakt verbringen muss, tun ihr Übriges.

Gritt Poppe beschreibt eindringlich, wie die Fassade des jungen Mädchens in der Dunkelheit und Einsamkeit zu bröckeln beginnt. 

Die Angst und Panik, die in Gonzo aufsteigen, gehen einem als Leser so nah, als säße man selbst in der winzigen und dunklen Zelle. Aber während Furcht und psychischer Druck wachsen, so wächst in Gonzo auch der Wille, all das hinter sich zu lassen und endlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen. 

Und so beginnt nach einem Krankenhausaufenthalt ihre spektakuläre Flucht, immer in der Angst entdeckt und verraten zu werden. 

Bruchstückhaft wird während ihrer Flucht in Form von Erinnerungen langsam Gonzos Lebensgeschichte aufgedeckt. Trotz der bedauernswerten Umstände erweckt dies beim Leser jedoch nicht ausschließlich Mitleid und distanzierendes Verständnis, sondern lässt aktiv an Gonzos Schicksal teilhaben. 

Ihre Rebellion wird spürbar und so fiebert man nicht nur mit, ob die Flucht gelingt, sondern entwickelt während des Lesens selbst den Wunsch nach Freiheit. 


Besonders die Szenen in der Prager Botschaft gehen unter die Haut. Die Hoffnungen, Ängste und Unsicherheiten der Flüchtlinge werden von der Autorin glaubwürdig und nachvollziehbar geschildert. 

Mithilfe von Gonzo als Identifikationsfigur lässt sich so gerade für die jungen Leser, die die Geschichte der Prager Botschaft nur aus dem Geschichtsunterricht oder aus Fernsehdokumentationen kennen, die Situation in diesem Flüchtlingslager im Herbst 1989 gut nachempfinden. 

Auch der Zwiespalt zwischen der Hoffnung auf Freiheit und den immer wieder aufkeimenden Erinnerungen an 

das, was hinter den Flüchtlingen liegt, wird sehr gut von Grit Poppe herausgearbeitet. Er zeigt sich vor allem in den Gegensätzen von Gonzo und ihrem neuen Freund und Fluchtgefährten René und dem Kreis der Flüchtlinge, dem die beiden sich anschließen.

René hat alles, was Gonzo ihr Leben lang verwehr war; eine Familie und ein Zuhause. Sein Wunsch nach Selbst-bestimmung hat ganz andere Ursachen. Zwar weiß auch er, was auf dem Spiel steht, wenn die Flucht misslingen sollte, doch im Gegensatz zu Gonzo, die durch die ewige Schikane in den Heimen grundsätzlich jedem misstraut und  furchtbare Angst vor jedem Uniformierten hat, ist René tollkühn genug, um auch im Angesicht unmittelbarer Gefahr noch etwas zu wagen. 


Abgehauen stellt eine besonders dramatische Fluchtgeschichte dar, und doch wird beim Lesen deutlich, dass Gonzos Geschichte auf das ein oder andere Einzelschicksal durchaus übertragbar ist. 

Die Thematik geschlossener Jugendwerkhöfe, die in der DDR konsequent verschwiegen wurde und auch heute noch von einigen umgangen wird, stellt Grit Poppe ganz bewusst und gekonnt in den Vordergrund und gibt so allen Opfern jener Zeit eine Stimme. Wie wenig abgeschlossen dieses Thema ist, macht auch das Ende des Romans deutlich. Was vergangen ist, ist noch lange nicht vergessen, und darf auch nicht vergessen werden.

Grit Poppes Roman leistet dazu einen sehr guten Beitrag, der nicht nur für Jugendliche unbedingt lesenswert ist.