Inger Christensen - Alphabet

 

Wie sieht die Welt nach einer atomaren Katastrophe aus? Wie verändern sich Natur und Gesellschaft? - Wird es überhaupt die Möglichkeit geben, sich darüber Gedanken zu machen?

Dies sind Fragen, die in Inger Christensens Gedichtband Alphabet aufgeworfen werden.

 

Die formale Struktur des Werks trägt wesentlich zu seinem Charakter bei. 

Der Aufbau der Gedichte folgt dabei den ersten 14 Zahlen der Fibonacci-Reihe. 

In dieser Zahlenfolge ergibt die Summe zweier aufeinanderfolgenden Zahlen die jeweils nachfolgende Zahl: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34 ...

Inger Christensen bedient sich der ersten 14 Buchstaben des Alphabets und ordnet die Gedichte jeweils einem Buchstaben und der entsprechenden Zahl der Fibonacci-Folge zu.

Das erste Gedicht zählt zum Buchstaben A und hat einen Vers.

"die aprikosenbäume gibt es, die apikosenbäume gibt es."

Das zweite Gedicht hat entsprechend den Buchstaben B als Titel und zwei Verse.

"die farne gibt es; und brombeeren, brombeeren

und brom gibt es; und den wasserstoff, den wasserstoff."

Was mit einer bloßen Aufzählung von vorhandenen Dingen in einem Jetzt-Zustand beginnt, wird im Laufe der immer umfangreicheren Gedichte mehr und mehr zu einer postapokalyptschen Vision einer Welt nach der Atombombe.

 

Die einzelnen Gedichte werden, der Fiboncci-Folge geschuldet, immer länger und nehmen in ihren Versen immer mehr prosaische Strukturen auf, die sich jedoch über mehrere Verse aufbauen. Daraus ergibt sich eine ewige Suche nach dem Ende eines begonnenen Satzes, die während des Lesens eine Verzweiflung spüren lässt, die schreit: "Es muss noch weitergehen, es ist nicht alles gesagt."

Dieses beklemmende Gefühl, das durch den rein sprachlichen Aufbau zustande kommt, wird noch durch die Bedrückung verstärkt, die sich unwillkürlich breitmacht, wenn man Inger Christensens eindringliche Beschreibungen von scheinbar banalen Handlungen im Alltag liest. 

Die Ausführlichkeit mit der die Autorin in den Gedichten auf das Kartoffelschälen eingeht, ist in der Literatur sicher einmalig, und in diesem Fall keineswegs langweilig. Denn die Banalität dieser Arbeit reiht sich ein und wird überschattet von der Erkenntnis, dass es solche Kleinigkeiten sind, an die man sich erinnert, wenn es zur atomaren Krise kommt, und plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist. 

 

Es ist beinahe unmöglich, Alphabet zu lesen ohne die Gedichte zu interpretieren. 

Allegorien und Metaphern finden sich zu genüge und lassen sich leicht zwischen den Zeilen entdecken, auch wenn man kein Literaturexperte ist. 

Aber auch, wenn man sich weigern sollte, die Parallelen und Hinweise zu Propheten der Bibel oder den Kalten Krieg zu sehen, wird diese Gedichtsammlung berühren.

Denn über die bloße Vision einer atomverseuchten Welt ist Alphabet ein gelungenes Werk, das schon allein durch seinen sprachlichen Aufbau spannend zu lesen ist, und das noch lange nach der Lektüre im Gedächtnis bleiben wird.

Auch über 30 Jahre nach Erscheinen dieses Werks ist es lohnenswert, sich ein paar Stunden dafür Zeit zu nehmen.