Christiane Felscherinow & Sonja Vukovic - Christiane F. Mein zweites Leben DLV 17,90€
Christiane Felscherinow & Sonja Vukovic - Christiane F. Mein zweites Leben DLV 17,90€

Christiane Felscherinow & Sonja Vukovic - Christiane F. Mein zweites Leben

 

Es gibt wohl in Deutschland keine bekanntere ehemalige Drogenabhängige als Christiane F. Seit in den 70-er Jahren ihr Schicksal durch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" bekannt wurde, ist ihr Name in die Köpfe der Menschen nahezu eingebrannt und untrennbar mit der deutschen Drogenszene verbunden. 

Immer mal wieder gab es während der letzten Jahre Nachrichten über Christiane F.: Wie geht es ihr heute? Was macht sie? Ist sie noch oder wieder abhängig oder wirklich clean?

Das Interesse ist ungebrochen. Nun ist also die "Fortsetzung" ihrer Lebensgeschichte erschienen.

 

Das Ende von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" klingt beinahe märchenhaft. Christiane zieht aufs Land und überwindet die Dorgensucht. Auch der Titel des neuen Buchs lässt eine solche glückliche Wende im Leben der jungen Abhängigen, die sich auf dem Kinderstrich prostituierte, vermuten. 

Doch dieser erste Eindruck trügt. 

Christiane F. erzählt, wie es nach dem vermeintlichen Happy End wirklich weiter ging. 

Dabei schildert sie Höhen und Tiefen, berichtet von Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten, Reisen nach Amerika und Aufenthalte in Griechenland und der Schweiz. 

Glückliche und unbeschwerte Momente, in denen sie herzlich von Menschen aufgenommen wurde, lässt sie ebenso wenig aus, wie Enttäuschungen in der Liebe, Schwangerschaftsabbruch, Rückfälle in die Sucht und Verfolgungsängste. 

 

Alles, was sie erzählt, ist direkt, tiefgründig und überaus reflektiert dargestellt. Manches mag schonungslos erscheinen, dennoch lässt Christiane Felscherinow in keiner Zeile Zweifel daran, dass sie dieses oder jenes genau so hat sagen wollen. An einigen Stellen der Erzählung wird deutlich, dass das eine oder andere Erlebnis bewusst ausgelassen bzw. nicht weiter vertieft wurde..

Und das ist gut so. Denn auf diese Weise gelingt ein ehrlicher Bericht, der über die Realität einer mehr oder weniger unfreiwillig öffentlich gewordenen Person aufklärt, aber keine lückenlose Lebensbeichte ist, und schon gar keine Abrechnung mit alten Freunden oder Verwandten.

 

Christiane Felscherinow distanziert sich nicht von ihrer Vergangenheit. Vielmehr wird deutlich, wie wichtig es ihr ist, nicht mehr ausschließlich auf die 14-jährige Christiane F. reduziert zu werden.

"Mein zweites Leben" zeigt sehr gut die Schattenseiten des Ruhmes auf, der Christiane Felscherinow zu Teil wurde und stimmt durchaus nachdenklich.

Nicht jede ihrer im Buch geäußerten Meinungen muss man als Leser teilen können. Durch ihre direkte, aber niemals unsachliche Sprache, fühlt man sich als Leser aber immer angesprochen.

Am Ende der Lektüre wird jeder Leser andere Erkenntnisse und Eindrücke behalten. Eines ist jedoch sicher: Diese Biografie ist nicht sensationsheischend und bedient nicht die Sucht, nach weiteren privaten Details der "Christiane F." zu suchen.

 

Zwischen die Kapitel der Biografie eingefügt sind Artikel von Sonja Vukovic und verschiedenen weiteren Personen, die auf Sachebene Themen besprechen, die sich in Christiane Felscherinows Beschreibungen eingliedern. 

Dies mag zu Anfang möglicherweise irritieren, ist aber im gesamten Kontext durchaus sinnvoll. Diese Kapitel liefern dem Leser sowohl Hintergrundinformationen wie auch erweiternde Fakten, die helfen können, sich über Themen wie Substitutionsprogramme Wissen anzueignen und ggf. eine Meinung zu bilden. 

Die Zwischenkapitel können auch losgelöst von der Biografie gelesen werden, geben ihr aber einen sehr individuellen Charakter und werten das Buch noch einmal mehr auf. 

 

Insgesamt ist "Christiane F. - Mein zweites Leben" eine sehr gelungene Biografie, die interessant zu lesen ist, und klare Positionen vertritt, die aber nicht auf negative Weise polarisieren, sondern dazu einläd, sich selbst Gedanken zu machen und zu reflektieren.

 

Mehr Informationen zu Christiane Felscherinow, ihrem Buch und ihrer Stiftung findet man unter:

www.christiane-f.com