Der Advokat und das Mädchen - Tabea Halbmeyer, SCM Hänssler, 2009, ISBN: 978-3-7751-4986-0, 13,95 €
Der Advokat und das Mädchen - Tabea Halbmeyer, SCM Hänssler, 2009, ISBN: 978-3-7751-4986-0, 13,95 €

Tabea Halbmeyer - Der Advokat und das Mädchen

 

"Mörderkind! Mörderkind!"

Seit ihr Vater des Mordes angeklagt und mit einem Schiff in ein Straflager nach Australien verbannt wurde, ist für die junge Mary-Ann und ihre Familie nichts mehr so, wie es einmal war. 

Die alten Freunde distanzieren sich, in der Schule wird Mary-Ann das Leben zur Hölle gemacht und in der Stadt wird hinter ihren Rücken verächtlich getuschelt. 

Mary-Ann, ihre Mutter und ihr kleiner Bruder leben in bitterer Armut, und so muss auch Mary-Ann schließlich arbeiten gehen und zum Lebensunterhalt beitragen.

Als sie dort eines Tages vor Schwäche zusammenbricht, kommt ihr unverhofft der Sohn einer reichen Gutsfamilie zur Hilfe. 

Mary-Ann bekommt im Hause der Familie eine Anstellung als Dienstmädchen, und obwohl sie ihre Arbeit dort gern verrichtet und in den anderen Bediensteten rasch Freunde und eine neue Familie findet, fällt es ihr dennoch schwer, den Hass und die Verachtung, die ihr entgegen gebracht wurden, hinter sich zu lassen. 

Und immer wieder beschäftigt sie die Frage, wie sie ihre überzeugung, dass ihr Vater zu Unrecht verurteilt wurde, beweisen kann.

 

Zu Beginn der Geschichte scheinen Verachtung, Ablehnung und Auswegslosigkeit das Leben von Mary-Anns Familie undurchdringlich zu überschatten. 

Die Gemeinheiten, die ihr entgegen gebracht werden, gehen soweit, dass Mary-Ann beinahe daran zweifelt, ein Recht auf Glück, Liebe und Frieden zu haben. 

Doch das Blatt wendet sich, als der junge William Auburn sich gegen alle Vorteile durchsetzt und Mary-Ann als Dienstmädchen auf dem Gut seiner Eltern unterbringt. 

Und es kommt, wie es kommen muss: William und Mary-Ann verlieben sich entgegen aller gesellschaftlichen Konventionen ineinander. 

 

Zugegeben, die verbotene Liebe ist ein gängiges Thema in historischen Romanen. Ruf, Ehre und Rang bieten die besten Bedingungen, um dramatische Liebesgeschichten zu spinnen. - Am Ende kriegen sich die beiden doch jedes Mal.

Tabea Halbmeyer ist es jedoch geglückt, dieses alte Thema dennoch nicht abgedroschen aufzugreifen, sondern in einen ganz anderen Kontext zu stellen.

In Der Advokat und das Mädchen geht es nicht nur um die reine Liebe zwischen William und Mary-Ann, sondern um die Ursache aller Liebe und um den Seelenfrieden. 

Mary-Ann findet diesen Seelenfrieden auf ihrem Weg zu Gott. Sie vertraut ihr Leben ihrem Schöpfer an, verlässt sich auf seinen Beistand und lernt so auch denen zu verzeihen, die nur die Tochter eines verurteilten Mörders in ihr sehen. 

 

Natürlich ist Der Advokat und das Mädchen eine Liebesgeschichte. Und natürlich fiebert der Leser mit den Protagonisten mit, wie lange sie ihre Liebe tatsächlich verheimlichen können. 

Aber der Weg zu Gott, Gebet und Vergebung bilden einen wichtigen roten Faden in der Geschichte um Mary-Ann. Der Prozess, den das junge Mädchen durchläuft, zeigt, dass man zuerst mit sich selbst im Reinen sein und seinen inneren Frieden gefunden haben muss, bis es auch im Umgang mit anderen Menschen gut funktioniert.

Die Szenen, in dene Mary-Ann dies klar wird, sind so berührend dargestellt, dass auch Leser, die sich selbst als nicht-gläubig bezeichnen würden, sich für die Geschichte begeistern können. 

 

Schade ist, dass gegen Ende hin die Geschichte, die sich anfangs so detailreich entwickelt, einen rasanten Sprung um fast drei Jahre macht. 

Anstatt dreier Kapitel, in denen zwei entscheidende Szenen zwischen einigen recht unbedeutenden Episoden stehen, hätte dort ein guter und ausführlicher Epilog die Geschichte schöner abgerundet und dem Leser etwas mehr Spielraum für eigenen Fantasien gelassen. 

 

Tabea Halbmeyer betont in ihrem Nachwort, dass sie für den Roman keine Recherche unternommen habe, weshalb es durchaus zu historischen Fehlern kommen könne. 

Diese Ungereimtheiten sind sicher vorhanden und werden womöglich den einen oder anderen, historisch versierten Leser stören. 

Wer jedoch darüber hinweg sehen kann, den erwartet eine schöne, leicht zu lesende Geschichte, die so erzählt ist, wie man es sich früher in seinen Kindheitsträumen ausgemalt hat: Romantische und dramatische Facetten einer längst vergangenen Zeit, die viel Freiraum für verträumte Geschichten bereit hält, und in denen es daher nicht so sehr auf Korrektheit ankommt.

Und alle, die schon mit Elizabeth Bennet für Mr Darcy geschwärmt haben, werden sich sicher auch in William verlieben.  - Den typischen englischen Gentleman, wie er im Buche steht.