Sjón - Der Junge, den es nicht gab. Fischer Verlag ISBN: 978-3-10-002239-4, 17.99€
Sjón - Der Junge, den es nicht gab. Fischer Verlag ISBN: 978-3-10-002239-4, 17.99€

Sjón - Der Junge, den es nicht gab

 

Während 1918 in Island die spanische Grippe wütet und der Vulkan Katla Asche spuckt, die den ganzen Himmel verdunkelt, schlägt sich ein mittelloser 16-Jähriger durch die Straßen Reykjávik.

Es ist kein leichtes Leben, denn seit dem Tod seiner Mutter wohnt er bei einer entfernten Verwandten, die ihm gleich zu Beginn prophezeit, dass sie ihm nicht lange ein Zuhause wird bieten können. 

Aufgrund fehlender Schulbildung hat er keine Arbeit und so hält er sich mit sexuellen Diensten an anderen Männern finanziell über Wasser. Sein einziges großes Vergnügen ist das Kino, in dem er täglich Stunden zubringt. 

 

In seinem Roman lässt Sjón den Leser am Leben des Jungen Máni Steinn teilhaben, das sich in einer trostlosen und für Máni aussichtslosen Umgebung abspielt. Máni selbst jedoch reflektiert seine Situation nicht. Er lebt im Hier und Jetzt und lässt Phantasien höchstens zu, wenn sie die schöne Sóla betreffen, die Tochter aus höheren Kreisen, und damit für ihn vermeintlich unerreichbar.

Der Autor beschreibt ausführlich und poetisch, was dem Jungen, wie Máni in der Geschichte fast ausschließlich bezeichnet wird, widerfährt. Seine innersten Gefühle werden dem Leser jedoch nicht offenbart - vielleicht eine Anspielung auf den Titel oder eine Metapher auf die fehlenden Illusionen Mánis. Und doch fehlt es dem Buch durchaus nicht an Poesie.

Besonders die Schilderungen der Tage, in denen Máni selbst an der spanischen Grippe erkrankt ist, werden poetisch und metaphernreich beschrieben. 

Diesen Stil zu lesen ist das eine - tatsächlich lässt sich Der Junge, den es nicht gab gut lesen. Alles zu verstehen, was Sjón mit seiner Erzählung sagen möchte, ist jedoch eine ganz andere Sache. 

Man wird nach der Lektüre das Gefühl nicht los, mit der Interpretation längst noch nicht fertig zu sein. 

Die Erkenntnis die bleibt, ist wohl: Nichts ist so, wie es scheint.

Oder vielleicht doch? 

Vielleicht gibt es auch gar nichts zu interpretieren? 

 

Eins ist sicher: Sjóns neuer Roman ist definitiv ein Kunstwerk, an dem jeder irgend-etwas finden wird. Dem einen wird das, was er liest, zusagen, ein anderer wird sich eher wundern. Das ist die Absicht der Kunst: Sie soll anregen und den Betrachter beschäftigen - das gelingt Sjón mit Der Junge, den es nicht gab in jedem Fall. 

 

 

Ich danke dem S.Fischer Verlag ganz herzlich für die Bereitstellung des Rezension-sexemplars