John Boyne - Der Junge im gesteiften Pyjama, Fischer, ISBN: 978-3-596-80683-6, 7.95€
John Boyne - Der Junge im gesteiften Pyjama, Fischer, ISBN: 978-3-596-80683-6, 7.95€

John Boyne -Der Junge im gestreiften Pyjama 

 

Bücher über den Holocaust gibt es viele. Auch solche, in denen Kinder die Hauptrollen spielen. 

Aber dieses Buch ist anders.

 

Der Vater des 9-jährigen Bruno bekommt eine neue Arbeit als Kommandant, weswegen die ganze Familie ihr Haus in Berlin verlassen muss und in ein abgelegenes Haus zieht, das in einer Stadt liegt, die Bruno Aus-Wisch nennt. 

Bruno versteht nicht, warum sie alle umziehen müssen und er hat Heimweh nach Berlin und seinen Freunden. 

Er fühlt sich einsam. Aber dann entdeckt er vom Fenster seines Zimmers aus eine riesige Stadt, in der alle Bewohner in gestreiften Pyjamas herumlaufen. Als er an dem Zaun, der die Stadt abriegelt, entlangläuft, trifft er auf den gleichaltrigen Schmuel und eine ungewöhnliche und lebensgefährliche Freundschaft entwickelt sich.

 

Obwohl es um Kinder geht, ist Der Junge im gestreiften Pyjama wohl kein Kinderbuch. Vielmehr werden ältere Leser dazu gezwungen, all ihr geschichtliches Wissen über die NS-Zeit für die Lesedauer zu ignorieren und sich ganz auf die naiven Gedankengänge eines Kindes einzulassen.

Zwar mögen einige Aspekte der Geschichte unlogisch und historisch mit Sicherheit nicht korrekt sein:

So erscheint es seltsam, dass ein 9-Jähriger wie Bruno, dessen Vater ein hohes Tier in der SS ist, nicht weiß, welchem Beruf der Vater nachgeht, wer Hitler ist und wer die Juden sind. Auch dass sich KZ-Gefangene unbeobachtet am Lagerzaun mit irgendwem hätten unterhalten können, ist historisch nicht haltbar.

Allerdings stellt sich die Frage, ob es dem Autor tatsächlich um wahre Historie geht. 

 

Hinter der einfachen Handlung verbirgt sich für den Leser (und dafür darf und muss der ältere Leser sein historisches Wissen wieder benutzen) eine fein gezeichnete Skizze einer Gesellschaft, die einem politischen System wie der NS-Diktatur den nötigen fruchtbaren Boden lieferte. 

Bruno kann stellvertretend stehen für all diejenigen, die zwar geglaubt haben, Hitler zu kennen, ihn aber doch nicht durchschaut und schon gar nicht hinterfragt haben. 

Bruno hat in seinem Elternhaus autoritäre Strenge erlebt. Manche Dinge sind weder zu diskutieren noch in Frage zu stellen. Der Junge kennt es nicht anders und wundert sich daher nicht über die Entscheidungen der Eltern, auch wenn sie ihm nicht immer passen. 

Darüber hinaus herrscht in Brunos Familie eine Kultur des Schweigens. 

Über Dinge, die aus welchen Gründen auch immer unangenehm sind, wird nicht gesprochen, schon gar nicht mit den Kindern. 

So erschafft Bruno sich seine eigene Welt, in der er sich zurechtfindet, und in der er die Schrecken seiner Umgebung verharmlost oder ganz einfach ausblendet.

 

Die kindliche Perspektive lässt die Brutalität der Diktatur viel wahnwitziger, erdrückender und grausamer erscheinen, als sie aus Sicht eines Erwachsenen geschildert werden könnte. Denn sie stellt die Fragen, die durch ihre Naivität die Idiotie der Diktatur erschreckend einfach entlarvt:

Warum steht da ein Zaun? Wieso tragen die Menschen dort Pyjamas? Warum dürfen wir keine Freunde sein? Wenn es nicht in unseren Händen liegt, Dinge zu ändern, in wessen Händen dann?

 

Historisch gesehen ist Der junge im gestreiften Pyjama nicht haltbar. Wer sich aber auf das Gedankenexperiment dieser Geschichte einlässt und den Wechsel zwischen kindlicher Naivität und historischem Bewusstsein wagt und schafft, wird nach der Lektüre umso fassungsloser vor der Geschichte stehen und hoffentlich dabei helfen, dass der Wunsch des Autors wahr werden möge, dass Zäune, wie der im Roman, nur noch abgebaut werden.