Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert - Joel Dicker, Piper Verlag 2013, ISBN: 978-3-492-05600-7, 22,99 €
Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert - Joel Dicker, Piper Verlag 2013, ISBN: 978-3-492-05600-7, 22,99 €

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert - Joel Dicker

 

Ein junger Bestsellerautor und sein alter Lehrmeister, eine Mädchenleiche und ein Kriminalfall, der nach 30 Jahren wieder aufgerollt wird. 

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert schildert, wie ein kleiner Ort in New Hampshire, die Medienaufmerksamkeit der gesamten USA auf sich zieht, und wie ein junger Mann darüber nicht nur viel über sich selbst, sondern auch über das Leben lernt. 

 

Marcus Goldmann ist Ende 20, sein erster Roman war ein großer Erfolg auf dem Buchmarkt. Nun wartet die Öffentlichkeit gespannt auf sein zweites Werk.

Doch der junge Bestsellerautor leidet unter einer massiven Schreibblockade und droht Ruhm, Ehre und Reichtum wieder zu verlieren. 

Im Moment der größten Not, erschüttert ein Skandal die Staaten: Im Garten des berühmten Autors Harry Quebert, seines Zeichens Lehrer von Marcus Goldmann, werden die sterblichen Überreste der 15-jährigen Nola Kellergan gefunden, die 30 Jahre zuvor auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Neben der Leiche vergraben liegt das Originalmanuskript zu Harry Queberts Erfolgsroman. 

Harry wird unter Mordverdacht gestellt, der einzige, der von seiner Unschuld überzeugt ist, ist Marcus Goldmann. 

Marcus fährt nach Aurora, um seinem Freund und Lehrer beizustehen, und begibt sich gleichzeitig auf Spurensuche, um herauszufinden, was drei Jahrzehnte zuvor tatsächlich geschah. 

Dabei stößt er nicht nur auf viele ungelöste Fragen, sondern auch auf teilweise massiven Widerstand der Dorfbewohner, und Marcus ahnt, dass in Aurora mehr Leute etwas über den Fall Nola wissen, als sie zugeben. 

 

Die Inhaltsangabe von Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert liest sich wie die eines Krimis. Aber Joel Dickers Roman ist viel mehr als das. 

Es ist Krimi, Liebesroman, Lebensstudie und Komödie zugleich. 

Dicker verwebt geschickt Handlungsstränge des Jahres 2008, in dem Marcus Goldmann versucht, seinen zweiten Roman zu schreiben, mit Ereignissen aus der Vergangenheit, die erzählen, was in den 1960er und 1970er Jahren geschehen ist. 

Dabei wird jedoch nie auch nur eine Information vorweggenommen. Die Rückblenden orientieren sich immer an Marcus' Wissensstand und erhalten die Spannung bis zur letzten Seite. 

Der Leser kann zwar, gemeinsam mit Marcus, Vermutungen anstellen, bleibt jedoch genauso wie er unwissend, bis sich neue Ermittlungsergebnisse einstellen. 

Neben den Ermittlungen hat der Leser auch Anteil an Marcus' Leben heute und während seiner Schul- und Universitätszeit. 

In vielen amüsanten und nachdenklich stimmenden Anekdoten kommt man dem Bestsellerautor Marcus Goldmann auf die Schliche und erfährt, wie Marcus zu dem wurde, der er ist, als er den Fall Harry Quebert lösen möchte. 

 

Das Buch ist in drei Abschnitte geteilt, die jeweils in Einzelkapitel untergliedert sind. Der Clou: Die Kapitel werden von Beginn an rückwärts gezählt. 

Der Grund dafür erklärt sich im Laufe des Romans, ist in jedem Fall aber eine grandiose Idee. 

Jedes Kapitel beginnt darüber hinaus mit Dialogen zwischen Harry Quebert und Marcus Goldmann, in denen Harry Marcus Weisheiten über das Schreiben und das Leben lehrt, welche Bezüge zu dem jeweiligen Kapitel aufweisen.

Überhaupt wartet Joel Dicker an mehreren Stellen im Buch mit wunderbaren Lehrsätzen und Weisheiten auf, die er gekonnt in die Handlung einfließen lässt.

 

Die Personen werden niemals schwarz-weiß gezeichnet. Jede hat ihre Stärken und Schwächen, Höhen und Tiefen - und vor allem; jede hat etwas zu verbergen. Joel Dicker erzählt detailreich und ausführlich, lässt Handlungen jedoch nicht ausufern, sondern bleibt im realistischen Rahmen.

Vor allem aber schafft er es, auf grandiose Weise, den Leser zu fesseln und zu unterhalten und ihn obendrein hinters Licht zu führen.

Zu Beginn des Romans liegt die Vermutung nahe, das Ende werde vorweg genommen, und auch nach knapp 600 Seiten meint man, nun sei alles gesagt und gelöst, wozu noch 100 Seiten mehr?

Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

Gerade die letzten 100 Seiten haben es in sich. Die Geschichte gewinnt noch einmal neu an Fahrt und lässt den Leser nicht mehr los. Man kann alles um sich herum vergessen und möchte nur noch wissen, was genau wirklich mit Nola Kellergan passiert ist.

Zum Schluss bewahrheitet sich die letzte Weisheit, die Harry Marcus mit auf den Weg gibt: "Ein gutes Buch, Marcus, ist ein Buch, bei dem man bedauert, dass man es ausgelesen hat." (Zitat: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, Seite 721.)

 

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist ein grandioses Buch, das einen nicht mehr loslässt, wenn man es einmal begonnen hat.

Wer keine dicken Bücher mag, wird kaum merken, wie er Seite um Seite verschlingt, und wer das Buch wegen unaufschiebbarer Dinge zur Seite legen muss, der wird sich danach sehnen, dass die Arbeit schnell vorbeigehe, damit man endlich weiterlesen kann.