Ein deutscher Sommer - Peter Henning, Aufbau Verlag 2013, ISBN: 978-3-351-03542-6, 22,99 €
Ein deutscher Sommer - Peter Henning, Aufbau Verlag 2013, ISBN: 978-3-351-03542-6, 22,99 €

Ein deutscher Sommer - Peter Henning

 

Eine Geiselnahme im Sommer 1988, die durch enormes Medieninteresse, polizeiliche Fehler und spektakuläre Verfolgungsjagden durch die Bundesrepublik in einer Katastrophe endete und traurige Berühmtheit erlangte.

Das sogenannte Geiseldrama von Gladbeck bietet den Aufhänger zu diesem historischen Roman von Peter Henning.

Wer jedoch minutiöse Berichterstattung der Geiselnahme erwartet, wird von diesem Buch enttäuscht werden. 

Schon im Klappentext wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass nicht die Geiselnahme im Mittelpunkt stehen soll, sondern die Gesellschaft.

 

Anhand von 7 fiktiven Hauptfiguren, die zum Teil reale Bezugspersonen haben und von Peter Henning in den Kontext des Geiseldramas gestellt werden, werden die 54 Stunden im August 1988 aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet,  

Nicht jede dieser Hauptfiguren steht jedoch in unmittelbarem Kontakt zu der Geiselnahme. 

Ein 17-jähriger Schüler verfolgt die Geschehnisse gebannt vor dem Fernseher, sorgt sich aber gleichzeitig um seinen kranken Großvater, hat Probleme mit einer Gang, und kommt mit seiner Ex-Freundin wieder in Kontakt. 

Eine verwitwete Autorin steckt in einer Schreibblockade und tiefster Midlife-Crisis, und wird von ihrer Lektorin dazu animiert, sich die Geiselnahme anzusehen, um wieder einen Bezug zur Realität zu bekommen. 

Ein polnischer Busfahrer wird in die Geiselnahme hineingezogen, als er sich bereiterklärt, den entführten Bus zu fahren.

Eine Taxifahrerin, die seit Monaten zum ersten Mal wieder Taxi fährt, wird prompt von einem Journalisten gebucht, um die Geiselnehmer über die Autobahn zu verfolgen. 

Ein Fotograf, der sich dazu hinreißen lässt, als Vermittler zwischen Polizei und Geiselnehmern aufzutreten, und ein junger Journalist, der sich von seinem Chef anspornen lässt, die besten Bilder zu machen, werden direkt mit den Geschehnissen konfrontiert.

Ebenso der leitende Kommissar, der daran verzweifelt, dass ihm der finale Schlag gegen die Gangster in letzter Sekunde immer wieder von höchster Dienststelle untersagt werden. 

 

Jede dieser Personen hat seine eigene persönliche Geschichte. Diese werden von dem Autor zum Teil sehr ausführlich dargestellt. Dabei neigt Peter Henning dazu, seine Charaktere in Tagträume und lange Gedankengänge versinken zu lassen, die weit in die Vergangenheit zurückreichen und den Handlungsablauf teilweise erheblich unterbrechen. 

Die Päckchen, die die Hauptpersonen zu tragen haben, sind immens. Die Einzelschicksale sind mitunter so dramatisch, dass sie durch das Geiseldrama eigentlich nicht übertroffen werden können. Dennoch werden diese Schicksale nicht dazu benutzt um das Handeln der einzelnen Personen zu entschuldigen oder rechzufertigen. Vielmehr zeigen sie, wie sehr der Mensch sich beeinflussen und von der Masse mitreißen lässt. Dies gilt insbesondere auch für die Szenen, die aus der Sicht der Geiselnehmer erzählt werden. 

Teilweise wird sich der Leser selbst dabei ertappen, dass er auf das nächste Ereignis der Geiselnahme nahezu wartet, und so genauso dem medialen Hype folgt. 

 

Der Leser erlebt die Geiselnahme von Gladbeck durch die Augen der auftretenden Personen. Man fiebert mit den Journalisten mit, ist wie der junge Schüler fassungslos über das, was durch die Medien vermittelt wird, und ist bei den Abschnitten, die das Leben der Autorin schildern, wieder gänzlich unbeeindruckt von alledem. 

Die fiktiven Handlungen werden von realen Zeitungsberichten zu der Geiselnahme eingerahmt. Diese sind jedoch nicht immer zur Handlung passend, sondern hängen teilweise gewaltig hinterher, was den Lesefluss irritierend stört. Auch lange Schachtelsätze sind sicher nichts für ungeübte Leser. 

Bei der detailgetreuen Bildsprache scheiden sich die Geister. Peter Henning beschreibt ausführlich Automarken, Gegenstände und sonstige Ereignisse und Phänomene der 80-er Jahre. Was den einen Leser in Nostalgie versetzen mag und das Jahr 1988 noch einmal lebendig vor Augen ruft, wird den anderen als lästige Information stören. 

 

Chronologisch folgt die Romanhandlung zwar dem Geiseldrama, funktioniert in einzelnen Abschnitten aber durchaus auch losgelöst von den jeweiligen Ereignissen, zu denen die Geiselnahme nur einen Rahmen bildet. Die Entwicklungen der auftretenden Personen werden nicht alle zuende erzählt. So offen, wie ihre Geschichten aufgegriffen werden, so offen enden sie auch. 

Peter Henning zeigt lediglich Tendenzen auf, in denen sich die Biografien entwickeln könnten. 

Vor dem Hintergrund dessen, dass sich alle Handlungen "nur" über einen Zeitraum von ca. 60 Stunden erstrecken, ist dies auch vollkommen logisch. In einem solchen Zeitfenster können nur die kurzfristigen Folgen der Ereignisse für die Personen geschildert werden. Das, was langfristig bleibt, kann man nur erahnen. (Dies kann durchaus als Parallele dazu gesehen werden, dass auch die Spätfolgen der Geiselnahme erst im Laufe der Jahre ermessen werden konnten.) 

 

Es werden viele Fakten der Ereignisse in die Romanhandlung mit eingebaut. Allerdings wird nicht immer deutlich, welche Fakten fiktiv und welche tatsächlich geschehen sind. Eine kurze zusammengefasste Chronik der Geschehnisse am Ende des Buches wäre dazu durchaus hilfreich gewesen. Wer also genaueres wissen möchte, wird die genauen Fakten an anderer Stelle nachlesen müssen.

 

Peter Henning hat einen Roman geschrieben, der fiktiv ist, aber dennoch dokumentiert, und in dessen Zug der Leser Teil wird von den Geschehnissen der Gladbecker Geiselnahme. Ein deutscher Sommer ist ein Buch, das polarisiert, und einen nicht ohne Meinung zurücklässt. 

Unabhängig jedoch davon, wie das persönliche Urteil ausfallen mag, wird sich der Leser mit der Frage konfrontiert sehen, ob er damals anders gehandelt hätte als die auftretenden Personen, und ob heutzutage alles anders ablaufen würde, da beinahe jeder durch Smartphone oder Tablet jederzeit in der Lage ist, alles zu filmen und mit anderern zu teilen. 

Zu Ein deutscher Sommer wurde ein Buchtrailer produziert, der Bilder von damals zeigt und auch den Autor zu Wort kommen lässt.