Charlotte Cederlund - Gryningsstjärna

 

Das samische Dorf Idijärvi liegt im tiefsten Winter und der Rat der Noaidi hat sich versammelt, um nach dem Urseit zu suchen - einem magischen Gegenstand, der alle Bewohner vernichten kann, wenn er in die falschen Hände gerät.

Áili hat jedoch kein Vertrauen in den Rat und verlässt sich stattdessen auf ihre eigenen Kräfte, die sie gerade in sich entdeckt hat, denn sie will ihre neuen Freunde um jeden Preis schützen.

Gryningsstjärna (zu Deutsch; Der Stern der Morgendämmerung) ist der zweite Teil der Trilogie um Áili, die nach dem Tod ihres Vaters aus dem südschwedischen Schonen hoch nach Lappland zu ihrem Großvater zieht, wo sie zum ersten Mal mit ihren samischen Wurzeln konfrontiert wird.

Im ersten Teil Middagsmörker ging es hauptsächlich um Áilis Gefühle, die mit ihrem Umzug verbunden waren und ihre Ankunft in Nordschweden. Áili fühlte sich in der samischen Gesellschaft verloren und wurde weder von ihrem Großvater noch von den meisten übrigen Dorfbewohnern besonders freundlich empfangen. Dass sie als Tochter einer samischen Frau selbst keine Ahnung von der samischen Kultur hat, macht sie den anderen Sami suspekt. 

Doch schließlich entdeckt sie mit Hilfe ihrer Urgroßmutter Rájá ihre Kräfte als Noaidi - einer samischen Schamanin. Sie kann in die Welt der Geister reisen und mit ihnen und den samischen Göttern kommunizieren. Somit wird Áili zur Hoffnung der samischen Welt, die sich von den Borri Noaidi - den bösen Geistern - bedroht sieht. 

 

Gryningsstjärna knüpft nahtlos an die Ereignisse von Middagsmörker an. Áili trauert um Rája, die beim letzten Kampf, während dessen die Borri Noaidi Idijärvi angegriffen haben, ihr Leben verloren hat. Auch ihr Großvater Egel liegt nach einem Autounfall im Krankenhaus und Áili bleibt allein im Haus zurück. Der Rat der Noaidi versammelt sich im Dorf und bittet Áili zu sich, um ihnen im Kampf gegen die Borri Noaidi beizustehen. Doch Áili ahnt, dass der Rat etwas vor ihr verbirgt und tatsächlich keine Ahnung hat, wo sich der wichtige Urseit befindet. Gleichzeitig hat sie immer wieder Träume, in denen sie lange zurück liegende Konflikte zwischen den Sami und der schwedischen Bevölkerung sieht. 

Während im ersten Teil der Trilogie dieser nach wie vor aktuelle Konflikt nur angerissen wurde, räumt die Autorin in Gryningsstjärna diesem nun mehr Platz ein. Bei ihren Besuchen in Kiruna oder bei der Bergung von überfahrenen Rentieren erfährt Áili immer wieder und immer heftiger, wie verhasst die Sami in der schwedischen Bevölkerung sind. Sehr glaubwürdig wird hier aus Áilis Perspektive geschildert, wie sehr diese rassistischen Angriffe schmerzen und wie machtlos sie sich ihnen gegenüber fühlt. Auch ihre Rolle in dem Machtkampf um den Urseit bereitet Áili Unbehagen - besonders als ein Fein auftaucht, mit dem niemand mehr gerechnet hat.

 

Wie auch schon Middagsmörker ist Gryningsstjärna großartig geschrieben und verwebt auf einzigartige Weise Phantasie und Wirklichkeit, Diesseits und Jenseits. Die Konflikte zwischen samischer und schwedischer Gesellschaft nehmen einen wichtigen Teil im Roman ein, ohne dabei aber vom Hauptthema, der samischen Mythologie abzulenken. So ergibt sich ein nachvollziehbares Gesamtbild, dass Áilis Gefühle gut nachvollziehbar macht. Dies wird verstärkt durch die eingebundenen Sätze auf samisch, die Áili nicht versteht, die für den Leser aber im Anhang übersetzt werden, sodass man bei Interesse nachschlagen kann. 

Bislang liegen beide Bücher nur auf Schwedisch vor. Wer aber der Sprache mächtig ist und sich zudem für samische Kultur interessiert, sollte die Romane auf jeden Fall lesen. Das Finale der Trilogie soll 2018 erscheinen.

 

 

Ich danke dem Opal-Förlag für das Rezensionsexemplar.