Hannes - Rita Falk, dtv, 2012, ISBN: 978-3- 4232-8001-3, 17, 99€
Hannes - Rita Falk, dtv, 2012, ISBN: 978-3- 4232-8001-3, 17, 99€

Rita Falk - Hannes

 

"Mensch Hannes, das Frühjahr beginnt, und du liegst da und rührst dich nicht. Heut früh hat es schon überall nach Frühling geduftet. Das wäre der Sommer für mich seit einundzwanzig Jahren, den ich ohne dich verbringe. Also habe ich angefangen, dir zu schreiben, Hannes."

 

Uli kennt Hannes schon seit er denken kann. Sie sind zusammen in den Kindergarten gegangen, haben die gleiche Schule besucht, einen Freundeskreis aufgebaut und haben in den Sommerferien gemeinsam den Urlaub verbracht. 

Ihre gemeinsame Leidenschaft gilt dem Motorradfahren. 

Dabei geschieht das Unvorstellbare. Bei der ersten Tour des Jahres, kommt es zu einem folgenschweren Unfall. Seitdem liegt Hannes im Koma. 

Nach einem anfänglichen Gefühlschaos, in dem Uli sich nicht zu helfen weiß, beschließt Uli Hannes Briefe zu schreiben, in denen er erzählt, was in seinem Leben passiert, während Hannes im Koma liegt.

Und Uli besucht Hannes beinahe jeden Tag im Krankenhaus; liest ihm die Briefe vor, unterhält sich mit ihm - oder ist einfach nur da. 

 

Uli ist aus dem alten Freundeskreis der Einzige, der für Hannes in dieser Regelmäßigkeit da ist. Uli ist es auch, der mit seinem besten Freund noch genauso umgeht, wie vor dem Unfall, und er versucht, so normal zu sein, wie möglich. Er erzählt Hannes die Höhen und Tiefen seines Alltags, lästert über die Eltern oder sitzt schweigend an Hannes' Bett. 

Dies führt zu einer tiefen Beziehung, in der Uli trotz Hanne' Nonkommunikation die Bedürfnisse seines besten Freundes erkennt. 

Zum Ausdruck kommt dies in einer sehr berührenden Szene: als der behandelnde Arzt Uli fragt, wer er sei, antwortet Uli mit: "Nur ein Freund", was der Arzt wiederum fragend wiederholt: "Nur ein Freund, hm?"

In seiner Verzweiflung, Angst und Unsicherheit missversteht Uli dies und amüsiert sich später bei Hannes darüber, dass der Arzt wohl glauben würde, dass die beiden schwul seien. 

Erst später wird Uli klar, was der Freundschaftsdienst, den er Hannes entgegenbringt, tatsächlich bedeutet. 

Obwohl der übrige Freundeskreis an Hannes' Zustand zu zerbrechen droht, schweißt er Uli und Kalle, Nele, Brenninger und Rick dennoch zusammen.

Jeder von ihnen hat seine eigene Art mit Hannes' Unfall umzugehen und die eigenen Gefühle darüber zu verarbeiten. 

Der Freundeskreis wird für Uli trotz aller Schwierigkeiten und Streitereien auch umso wichtiger, als dass er ein sichtbares Zeichen dafür ist, dass das Leben außerhalb des Krankenhauses normal weitergeht.

Anstatt in Lethargie zu versinken, gehen die alten Freunde regelmäßig ein Bier trinken oder treffen sich, um zu feiern, zu reden und zu diskutieren wie früher. 

 

Ein weiteres wichtiges Feld für Uli ist in dieser Zeit das sogenannte Vogelnest. Eine Einrichtung für psychisch kranke oder labile Personen, in der Uli seinen Zivildienst ableistet. Obwohl er anfangs seine Schwierigkeiten mit der Arbeit dort hat und sich bei Hannes des Öfteren über die Kollegen oder die Patienten auslässt, verinnerlicht er im Laufe der Zeit eine ganz entscheidende Lehre:

"Das Einzige, was wir für die Menschen hier tun könne, ist, sie zu respektieren" Jeder Mensch hat seine Würde. - Diesem Leitbild folgend lernt Uli nicht nur mit den Patienten umzugehen, sondern überträgt diesen Umgang unbewusst auch auf Hannes. Im Wechselspiel dazu wird Hannes Uli wichtigster Zuhörer. 

 

Rita Falk beschreibt sehr einfühlsam, was passiert, wenn ein geliebter Mensch nicht mehr so da ist, wie man es gewohnt ist. Es wird deutlich sichtbar, dass das normale Leben einerseits völlig auf den Kopf gestellt wird, weil die kranke Person nun gang andere Bedürfnisse hat und immer Thema ist. Andererseits wird in dem Roman deutlich, dass gerade deswegen das normale Leben so weitergehen muss wie zuvor. 

Trotz der ernsten Thematik ist "Hannes" also keinsefalls ein trauriges Buch. Es gibt viele Stellen, in denen herzhaft gelacht werden kann und soll, Szenen, in denen man genauso wie Uli völlig verzweifelt ist, sich in eine ungeahnte Wut hineinsteigern kann, oder eben auch bangt und hofft. 

Rita Falk wirft den Leser in ein Wechselbad der Gefühle, lässt ihn balancieren zwischen Leben und Tod. 

"Hannes" ist bei aller Verzweiflung und Angst ein absolut lebensbejahender Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen kann. 

 

Zu "Hannes" gibt es übrigens einen wunderschönen Buchtrailer, der die Stimmung des Romans sehr gut einführt.