Dorit Linke - Jenseits der blauen Grenze, Magellan-Verlag, ISBN 978-3-7348-5602-0, 16,95€
Dorit Linke - Jenseits der blauen Grenze, Magellan-Verlag, ISBN 978-3-7348-5602-0, 16,95€

Dorit Linke - Jenseits der blauen Grenze


Wie verzweifelt muss man sein, um 50 Kilometer durch die Ostsee schwimmen zu wollen?

 

Hanna und Andreas sind 17 Jahre alt, träumen vom Abitur und einem anschließenden Studienplatz.

Doch in der DDR ist dies nicht so ohne Weiteres möglich.

Durch ein Verhalten, das den Vorstellungen der sozialistischen Regierung widerspricht, haben Hanna und Andreas die Möglichkeit einer selbstbestimmten Zukunft verloren.

Der Willkür und der Unterdrückung der Stasi ausgesetzt, sehen die beiden nur einen Ausweg:

Die Flucht über die Ostsee.

Von Warnemünde aus wollen sie mit einer einfachen Taucherausrüstung und einem Seil, das ihre Handgelenke verbindet, zur 50 Kilometer entfernten Insel Fehmarn schwimmen.

Doch auch die Seegrenze ist streng bewacht und das offene Meer unberechenbar.

 

Dorit Linke hält sich nicht mit einer langen Einleitung auf, sondern zieht den Leser direkt ins Geschehen, an den Abend vor der Flucht.

Aus Hannas Sicht wird erzählt, wie sie und Andreas auf die Dunkelheit warten, um dann von den Grenzposten unbemerkt in die Ostsee zu gehen.

Sehr eindringlich werden kühle Berechnung, Abwägung der Gegebenheiten aber auch Ängste und Hoffnungen der Protagonisten geschildert. Während der Lesens überkommt einen das Gefühl, als säße man mit am Strand und warte gespannt auf den günstigsten Moment.

Und trotzdem fragt man sich, warum Hanna und Andreas diese Strapazen mit ungewissem Ausgang auf sich nehmen wollen.

 

Während sie nebeneinander durch die Ostsee schwimmen, denkt Hanna immer wieder an das, was sie zurücklassen und an alles, was zur Flucht geführt hat.

Diese Rückblenden wechseln sich mit den Geschehnissen während der Flucht ab und zeichnen ein Bild von Jugendlichen, wie es sie zu hunderten in der DDR gegeben haben wird. 

Hanna und Andreas und ihr Freund Sachsen-Jensi sind normale Teenager, die ihren Interessen nachgehen, Probleme mit den Eltern und Klassenkameraden haben, die Streiche spielen, von der Zukunft träumen und immer wieder ihre Grenzen austesten.

Die Situationen, die die drei Freunde erleben, sind dabei mal sehr ernst, mal zum Brüllen komisch.

Sachsen-Jensi, der immer einen Ost-Witz auf Lager hat, stets eingeleitet mit "Kennt ihr den schon?", Andreas, der Jensi mit seinem sächsischen Akzent und seinem Aussehen stets aufzieht, und Hanna, die nie um einen Spruch verlegen ist.

Doch mit wachsendem Alter stellen die drei fest, wie sehr ihr Leben vom Staat beeinflusst wird, und es stört sie zunehmend, dass ihr Reden und Handeln beobachtet und zensiert wird. 

 

Die Autorin beschreibt sehr anschaulich, wie sich vermeintliche Kleinigkeiten summieren, wie die Verzweiflung wächst. Der Leser wächst so mit in die Entscheidung zur Flucht hinein, man kann emotional nachempfinden, warum es keinen anderen Ausweg für Hanna und Andreas gibt. 

So bedrückend Dorit Linke die Repressalien gegen die Protagonisten schildert, genauso eindringlich sind auch die Szenen der Flucht geschrieben. Man hofft und bangt mit jedem Schiff, das sich den Flüchtlingen nährt, man spürt die Krämpfe in den Muskeln, die Kälte des Wassers auf der Haut und schließlich die Erschöpfung und die Angst, wenn scheinbar nichts mehr geht. Man atmet mit Hanna im gleichen Rhythmus, spürt die Schwimmzüge nach und will schließlich einfach nur noch ankommen.

 

Dorit Linke hat mit Jenseits der blauen Grenze einen Roman geschaffen, der unter die Haut geht und den Leser nicht mehr loslässt. Die Spannung ist buchstäblich auf jeder Seite spürbar und macht es unmöglich, das Buch aus der Hand zu legen. 

Es wird nichts beschönigt, aber auch nichts verdramatisiert, was die Geschichte noch einmal beklemmender macht. 

Dazu trägt auch das eindrucksvolle Cover von Christian Keller bei. Der Stacheldraht, der den Strand und das offene Meer abtrennt, bleibt immer im Blickfeld, selbst wenn man sich auf die dahinterliegende Strandidylle konzentrieren möchte. Und es verdeutlicht, dass jenseits der blauen Grenze auch jenseits des Stacheldrahts, jenseits der Unterdrückung bedeutet, und wie unmöglich es scheint, diese Grenze zu überwinden.  

 

Hier geht es zum Interview, das ich mit der Autorin geführt habe.