Regenbogenträume - Alice Peterson, Lübbe, 2008, ISBN: 978-3-4041-5606-4
Regenbogenträume - Alice Peterson, Lübbe, 2008, ISBN: 978-3-4041-5606-4

Alice Peterson - Regenbogenträume

 

Katie führt ein glückliches und erfolgreiches Leben. Sie lebt zusammen mit ihrem Freund Sam in einer luxoriösen Wohnung, führt ihr eigenes Mode-geschäft und bewegt sich gern zwischen Glanz und Glamour.

Als jedoch ihre Eltern sie bitten, für zwei Wochen auf ihre jüngere Schwester Isabel aufzupassen, gerät Katies wohlgeordnetes Leben völlig aus den Fugen.

Für Katie muss alles perfekt sein - und das ist Isabel nicht. 

Isabel ist von Geburt an behindert und stellt Katie damit vor ungeahnte Herausforderungen. 

 

Bislang hat Katie anderen Menschen ihre Schwester immer verschwiegen. Sie wollte peinliche Nach-fragen und mitleidige Blicke umgehen, und hat so immer behauptet, sie sei ein Einzelkind. 

Doch als alles Sträuben nichts hilft und sie Isabel für zwei Wochen bei sich zuhause aufnehmen muss, ist sie gezwungen, zumindest Sam von ihrer Schwester zu erzählen.

Sam, dessen Leben mindestens so strukturiert und geordnet ablaufen muss wie Katies. Sam, der von dem großen Deal träumt, der es ihm ermöglicht, das Berufsleben möglichst früh zu beenden. Sam, der mit Katie eine Beziehung führt, in der Luxus, Freiheit und Ungebundenheit allerhöchste Priorität haben.

Sam ist geschockt, als er Isabel, die Bells genannt wird, kennenlernt und umgeht in den folgenden zwei Wochen den Kontakt mit Katie und Bells.

Katie hingegen ist einerseits begeistert von Bells' Kochkünsten, allerdings ist sie von Bells' Offenherzigkeit Fremden gegenüber schnell genervt und die Blicke, die Fremde ihrer Schwester zuwerfen, sind ihr peinlich. Katie versucht, Bells so gut wie möglich an ihr erfolgreiches und geordnetes Leben anzupassen.

Ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist.

Erst als Bells nach einem heftigen Streit mit Katie verschwindet, wird Katie bewusst, was sie an ihrer Schwester hat.

Katie beginnt, ihr bisheriges Leben in Frage zu stellen, Beziehungen zu überdenken und ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.

 

Alice Peterson schildert das Leben einer jungen erfolgreichen Frau, die gerne alles im Griff hat und dabei zum Perfektionismus neigt. 

Allerdings ist dies nicht der Hauptgrund, weshalb Katie mit Bells zunächst nicht viel anfangen kann. 

Seit Bells' Geburt hat Katie das Gefühl von ihren Eltern vernachlässigt worden zu sein. Wegen Bells' besonderer Bedürfnisse musste sie immer zurückstecken, bekam weniger Aufmerksamkeit und musste funktionieren. 

Dieses Gefühl der ungerechten Behandlung und Ignoranz hat Katie jahrelang an ihrer Schwester auszulassen versucht. Sie hat Bells noch nie in ihrem Wohnheim besucht, und auch den Kontakt zu ihren Eltern hat sie auf ein Mindesmaß reduziert.

 

Die Herausforderung, vor die ein behindertes Familienmitglied die Famile stellt, wir von Alice Peterson sehr gut geschildert. Dabei sind die Rückblenden ein guter Einblick in Katies Gefühlswelt als Kind und Teenager. Durch diese Rückblenden begreift der Leser, warum Katie sich nun als Erwachsene so verhält, wie sie es tut, und welche Wunden sie erlitten hat. 

Zwar ist ihr inzwischen längst klar geworden, was wirklich wichtig ist im Leben, doch hat sie es bislang nicht geschafft, sich mit ihren Eltern zu versöhnen.

Es bedarf erst eines weiteren Schicksalsschlags innerhalb der Familie, bis Katie bereit ist, über ihre Gefühle zu reden.

 

"Regenbogenträume" ist ein herrlich erfrischendes Buch, das das Leben von und mit behinderten Menschen keinesfalls verharmlost, sondern mit allen Ecken und Problemen darstellt. Allerdings steht dabei die Behinderung nicht im Mittelpunkt des Romans, sondern bildet dessen Basis. 

Vielmehr stehen die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung im Vordergrund.

Der Roman ist aus Katies Sicht erzählt, dennoch fällt es leicht, sich auch in Bells' Gefühlslage zu versetzen. Bells zu lieben fällt nicht schwer. Ihre unbeschwerte Art ist sehr vereinnahmend. Gleichzeitig gibt es aber auch Szenen, in denen man Katies Überforderung und Genervtheit gut nachvollziehen kann. Es wird deutlich: jeder Mensch hat seine ganz besonderen Bedürfnisse, die von der Umwelt wahrgenommen werden müssen.

Alice Peterson hat es geschafft, dies in einer ansprechenden Geschichte mit viel Witz, aber auch genügend Tiefgang zu erzählen.

Einziger Makel dieses Buches ist der deutsche Titel. Der englische Originaltitel "Look the World in the Eye" hätte auch in deutscher Übersetzung gut gepasst, zumal die Aufforderung der Welt ins Auge zu sehen im Buch sowohl konkret, als auch auf der Metaebene eine wichtige Rolle spielt.