Marie T. Martin - "Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen?" Poetenladen 2015, ISBN: 978-3-940691-64-4
Marie T. Martin - "Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen?" Poetenladen 2015, ISBN: 978-3-940691-64-4

Marie T. Martin - Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen?

 

Eine berechtigte Frage - und längst nicht die einzige, die die Protagonisten in Marie T. Martins Kürzestgeschichten sich und anderen stellen. Fragen, ob man sich nicht kenne, Fragen nach der eigenen Identität und nach der Geschichte des Mitmenschen.

Alles verpackt in "kleine Prosa."

Martins Geschichten umfassen nur wenige Sätze und könnten dennoch in 500-Seiten-Romanen nicht mehr Witz, Fantasie und Überraschungen enthalten. 

Liebenswerte und leicht verhuschte Charaktere treffen auf bedauernswerte Gestalten, die durch den Sitz in der Straßenbahn brechen und bis zum Erdkern durchdringen.

 

Die unablässigen Gedanken über flüchtige Bekannte oder gänzliche Unbekannte beschäftigen Marie T. Martins Charaktere, die stets namenlos bleiben, ebenso, wie die bedrückenden Fragen danach, woher man kommt und wie schwer das Leben früher war und heute manchmal noch immer ist. 

Beinahe scheint es überraschend, dass auch in wenigen Sätzen so viel Melancholie und Freude stecken und so viel erzählt werden kann. Bei keiner der Geschichten hat man den Eindruck, als sei sie nicht fertig erzählt, als sei etwas Elementares vergessen worden. 

Alles stimmt. Die ersten und die letzten Sätze und die dazwischen. Martin versteht es, Geschichte aufzubauen und ein fulminantes Kopfkino und Ideenfeuerwerk nach dem nächsten freizusetzen. 

Unbedingt zu erwähnen ist die grandiose Haptik dieses Bandes, mit dem illustrierten Schutzumschlag und den grandiosen Zeichnungen von Ulrike Steinke. Bunte Collagen, die Szenen der Geschichten aufgreifen, und dabei nicht nur das erzählen, was geschrieben steht, sondern aus den Wörtern wieder ganz neue Geschichten erfinden. 

Ein wahrhaft bibliophiles Buch.