Verdammt lang her oder Heimweh

Im Auftrag der Familie suche ich nach Ferienhäusern. Denn im nächsten Jahr ist das Großprojekt "Großfamilie verreist mit Anhang" geplant. Eine Gleichung mit ungefähr 25 Unbekannten. Da fängt man besser rechtzeitig mit der Urlaubsplanung an. 

Und weil ich ja gerade Zeit habe und fachliche, wissenschaftliche Expertise mitbringe, obliegt mir die Aufgabe, das Internet nach großen Ferienhäusern auf der Lieblingsinsel zu durchforsten. 

Ich begebe mich ans Werk und bin schon nach drei Minuten völlig fertig und sitze heulend vor dem PC. 

Nicht etwa, weil die Ferienhäuser exorbitant teuer sind (obwohl mich die Preise als momentan Erwerbslose natürlich schlucken lassen). Auch nicht, weil es etwa keine Ferienhäuser für unseren Bedarf gäbe. 

Nein - mir kommen die Tränen, weil ich überflutet werde, von 3 Millionen Erinnerungen. Kaum ein Foto kann ich mir anschauen, ohne genau zu wissen, wo die jeweilige Stelle ist. Bei mindestens jedem zweiten Bild denke ich: "Und wenn man da noch ein kleines Stück weiter links die Straße runter fährt, kommt man zu diesem niedlichen Café." "Am Ende dieses Weges ist eine Weggabelung, rechts geht es zum Hafen und links zu dem Keramikstudio." - oder "Hinter dieser Kurve werden die besten handgefertigten Schokoladentafeln verkauft." 

Es ist beinahe erschreckend, dass ich diese Insel offenbar besser kenne, als meine Heimatstadt. 

Ich sehe das Bild der Burgruine und augenblicklich fallen mir sämtliche Geschichten ein, die uns vor ungefähr 100 Jahren bei der Führung im Fackelschein erzählt wurden. 

Im Beschreibungstext eines Ferienhauses steht, dass es nicht weit sei, bis zur nächsten Räucherei. Schon steigt mir der Geruch von glühendem Holz, trocknenden Fischernetzen, geräuchertem Hering und Pfeffermakrele in die Nase. 

Da sind gelbe Häuser mit roten Dächern inmitten eines grünen Teppichs aus Hagebuttensträuchern. Rote Fassaden vor denen Stockrosen in allen möglichen Farben wachsen. Dunkle Klippen und Wellen, die gegen die rauen Felsen donnern. Salzgeruch in der Luft. Die Sonne, die alles in ein Licht taucht, das keine Kamera auffangen kann. Das man nie vergisst. Das aber immer Geborgenheit und Heimat vermittelt. 

Können wir nicht jetzt schon losfahren?  

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