Wohin gehst du? 2016

 

Die Entscheidung ist gefallen.

Er muss – auch wenn er nicht will.

Kein Zurück.

 

Aber doch, nur einmal noch

Dreht er sich um und kniet an ihrem Bett

„Schlaf, meine Prinzessin, träume von einem neuen Morgen.“

Ein letzter Kuss für seine Frau, nun muss er aber wirklich.

Er steht schon an dem Rest der Tür,

da steht sie plötzlich da, mit großen schwarzen Augen.

„Papa, wohin gehst du?“

 

In ein neues Morgen,

ohne Angst und ohne Sorgen.

Das könnt‘ er sagen, doch er schweigt

Er schweigt, denn das neue Morgen ist bis auf weiteres ein Morgen ohne sie.

Und wo dieses Morgen liegt, das weiß er nicht, versteht sie nicht.

Er schweigt, weil man, wenn man die Zähne zusammenbeißen muss, nicht gut reden kann.

 

Die Entscheidung ist gefallen.

Er muss – auch wenn er nicht will.

Kein Zurück.

 

Aber doch, nur einmal noch

Schaut er hinaus und sieht die Heimat in Ruinen

„Bis bald, meine Prinzessin, hoffentlich in einem neuen Morgen.“

Wie gut, dass sie nicht hier ist, sie würd’s nicht überleben.

Er steht auf dem maroden Deck,

und fragt sich ängstlich insgeheim, mit großen schwarzen Augen.

„Papa, wohin gehst du?“

 

In ein neues Morgen,

ohne Angst und ohne Sorgen.

Das könnt‘ er sagen, doch er schweigt

Er schweigt, denn ein neuer Morgen ist in dieser Nussschale mehr als fraglich.

Und ob es dieses Morgen gibt, das weiß er nicht, erhofft er sich.

Er schweigt, weil man, wenn man den Mund aufmacht, Wasser schluckt und ertrinkt.

 

Die Entscheidung ist gefallen.

Er muss – auch wenn er nicht mehr kann.

Kein Zurück.

 

Aber doch, nur einmal noch

Sieht er voraus und ergreift die rettende Hand des Andern

„Erstmal sicher, Fremder, wie es weitergeht, das seh’n wir morgen.“

Vielleicht ist’s das, was der gesagt hat, er kann ihn nicht verstehen.

Er liegt auf engem Lagerplatz,

und Fragen sieht er überall, in tausend fremden Augen.

„Fremder, wohin gehst du?“

 

In ein neues Morgen,

ohne Angst und ohne Sorgen.

Das könnt‘ er sagen, doch er schweigt

Er schweigt, denn er ist zu müde, um dieses Mantra zu wiederholen

Und was dieses Morgen bringt, das weiß er nicht, sagt man ihm nicht.

Er schweigt, weil auf dem Feldbett neben ihm, ein Kind Ruhe braucht zum Schlafen.

 

Auf ein Morgen hat er gehofft

Auf morgen wird er vertröstet.

Er wollte doch nur ein neues Morgen, nicht gleich so viele.

Angst und Sorgen sind nicht weg, sie sehen hier nur anders aus.

Das Morgen machen andere, es nimmt schon seinen Lauf,

deshalb muss er durchhalten. Nicht aufgeben.

Vielleicht ist er ja kurz vorm Ziel.

 

Die Entscheidung ist gefallen.

Er muss – auch wenn es hart ist.

Kein Zurück.

 

Aber doch, endlich doch

Wird er gerufen und soll erzählen, von seiner Heimat.

„Auf Wiedersehen, Sie erhalten von uns Bescheid.“

Man hat gefragt, wie schwer es ist, er schildert alles ehrlich.

Der saß auf einem Lederstuhl,

schaute bedauernd aber freundlich, aus großen blauen Augen.

„Fremder, wovon träumst du?“

Er saß auf der anderen Seite,

die Hoffnung nicht verborgen, hat er das Echo noch vor Augen.

„Papa, wohin gehst du?“

 

In ein neues Morgen,

ohne Angst und ohne Sorgen.

Das könnt‘ er sagen, doch er schweigt

Er schweigt, denn das neue Morgen ist noch immer so weit weg und offenbar nicht hier.

Und  wenn dieses Morgen werden soll, erfährt er‘s nicht, integriert‘s sie nicht.

Er schweigt, weil  es für Sehnsucht und Heimweh keine Worte gibt.

 

Die Entscheidung ist gefallen.

Er muss – auch wenn er nicht will.

 

Kein Zurück.