3D-Radieschen

 

 

Neulich musste ich daran denken, wie du Yannis damals gedroht hast. Weißt du noch? Er hatte mir mit der Sandschaufel auf den Kopf geschlagen. Da ich eine Wollmütze trug, war ja schließlich schon Herbst, hat es wahrscheinlich gar nicht so weh getan. Ich hab trotzdem ein Geschrei veranstaltet. Du bist vom Klettergerüst gesprungen und zu uns rüber in die Sandkiste gekommen. Du hast Yannis die Schaufel aus der Hand gerissen, dich breitbeinig vor ihm aufgebaut und gebrüllt; wenn er es noch einmal wagen würde, mich zu schlagen, könnte er sich bald die Radieschen von unten begucken.

 

Yannis hat die Augen weit aufgerissen, sich vor Angst in die Hose gemacht und ist heulend weggelaufen. Sogar seine blöde Schaufel hat er zurückgelassen. Du hast mächtig Eindruck auf ihn gemacht.

 

Auf mich übrigens auch. Das hab ich dir, glaube ich, nie gesagt. Ich hab diese Szene auf dem Spielplatz damals auch ziemlich bald wieder vergessen. Aber neulich fiel sie mir eben ein. Und das nur, weil im Wandkalender stand, welche Gemüsesorten man jetzt aussäen kann. Als ich das Wort Radieschen las, hab ich mich an das mit Yannis und dir erinnert. Da musste ich auf einmal lachen.

 

Wie bist du damals, um Himmels Willen, auf das mit den Radieschen gekommen? Das ist dir doch nicht selbst eingefallen? Bestimmt hattest du das aus irgendeinem Film oder Hörspiel. Um ehrlich zu sein, hat mich die Frage jetzt nicht mehr losgelassen, wie das wohl ist, die Radieschen von unten zu begucken. Vielleicht hätte ich früher mal Opa fragen sollen, wenn er sich um den Garten gekümmert hat. Aber da waren die alten CDs, die er in die Bäume gehängt hat, immer interessanter, wie sie da so im Sonnenlicht geglitzert haben. Wahrscheinlich hätte Opa uns das früher auch nicht sagen können. Er hat ja logischerweise auch von oben abgeerntet.

 

Jedenfalls hat mich das auf eine Idee gebracht. Ich bin in den Baumarkt gefahren und hab zwei Tütchen mit Radieschensamen gekauft. In einer Tüte sind viele kleine lose Samen. In der anderen ist ein Samenband, auf dem die einzelnen Samen alle schon im richtigen Abstand platziert ist. Das muss man nur noch in die Erde legen und gießen. Finde ich ganz praktisch, wer weiß, wo die losen Samen landen, wenn ich die in der Hand hatte …

 

Ich hab mir jedenfalls gedacht, wir könnten das zusammen herausfinden. Also, wie das ist, die Radieschen von unten zu begucken. Beziehungsweise werden wir eine 3D-Radieschenwachstum-beobachtung durchführen. Vielleicht ist das bekloppt, aber ich glaube, du findest die Idee genauso genialbescheuert wie ich.

 

Gestern bin ich mit den beiden Samentütchen also zu dir. Ich hatte die Gartenhandschuhe mit, hab die aber eigentlich sofort wieder ausgezogen. In den blöden Dingern hat man ja kein Fingerspitzengefühl, eher unpraktisch, wenn man mit so kleinem Saatgut hantieren will.

 

Durch die Blumen und die Kerze war ich mir nicht sicher, ob ich die richtige Position gefunden hab. Aber wenn ich es mir richtig ausgerechnet hab, müsste das Samenband jetzt genau bei dir auf Augenhöhe liegen. Die einzelnen Samen hab ich so ungefähr auf Handhöhe verstreut. Naja, wirst du ja demnächst hoffentlich merken. Gegossen hab ich dann auch schon direkt und mich dabei penibel an die Angaben auf den Tütchen gehalten. Eigentlich sollte dann jetzt nichts mehr schiefgehen. Jetzt heißt es abwarten und beobachten. Das wird das spannendste Bioprojekt, das ich je gemacht habe. Ich werd mir das ganz genau ansehen, wie das Grün langsam aus der Erde sprießt und dann irgendwann der Radieschenrücken nachrückt. Und du schaust, wie das von unten aussieht. Die Radieschen werden von dir weg zu mir hin wachsen. Irgendwie eine schöne Vorstellung. Ein bisschen schade zwar, dass ich dann, wenn die Radieschen fertig sind, immer noch nicht wissen werde, wie das Wachstum von unten aussieht. Aber ich weiß, dass du es dann weißt, und das wird fast so sein, als wüsste ich es auch. Du musst nur aufpassen, dass ich nicht zu früh ernte. Du weißt ja, wie ungeduldig ich bin. Du hast die Radieschen da unten dann ja gut im Blick. Solange sie noch wachsen, hältst du sie fest. Und wenn sie fertig sind, dann lässt du einfach los, okay?

 

Wenn ich dem Yannis noch mal begegne, schenke ich ihm vielleicht auch ein Radieschen. Mal sehen.