Die Töchter des Himmels

- Ein Märchen aus Arvenian

 

Es heißt, der Himmel hatte vier Töchter. Sie alle waren einzigartig in ihrem Wesen und hätten unterschiedlicher nicht sein können. Weil sie sich in dichter Nähe zu ihm und zueinander nicht entfalten konnten, schickte der Himmel sie, als sie älter wurden, weit voneinander weg. Die Älteste in den Norden, wo sie ihre Sanftmut über den grünen Wiesen und fruchtbaren Böden ausbreitete. Die zweite Tochter schickte er in den Westen, wo sie ihre Wildheit und überschäumende Lebensfreude zwischen den Klippen der Inseln ausleben konnte. Die Dritte, die eine besondere Anmut und Gabe für das Staunen besaß, schickte er in den Osten, wo sie über die hohen Berge wanderte, die sich über die Welt erhoben. Die jüngste Himmelstocher wurde schließlich in den Süden geschickt, wo sie mit ihrer gelassenen Art und Herzenswärme die Kälte erträglich machte und dem Eis, das sich dort immerzu ausbreitete, einen besonderen Zauber verlieh.

 

Die Kunde von der Schönheit der Himmelstöchter verbreitete sich im ganzen Land und so hörte auch der Wind von ihnen. Er machte sich auf den Weg zum Himmel und bat ihn, er möge ihm eine seiner Töchter zur Frau geben. Doch der Himmel lehnte ab.

 

„Meine Töchter sind wild und frei. Ich kann sie nicht zwingen, sich zu binden.“

 

Aber der Wind wollte nicht hören. Er suchte nach den Töchtern und fand zuerst die älteste im Norden. Sie war neugierig und ließ sich gern auf seine Avancen ein. Er spielte mit ihren weiten Wiesen und koste liebevoll die Äste ihrer Bäume. Doch als der Wind mehr wollte und mit größerer Kraft an ihr zog, stemmte sich die älteste Tochter dagegen.

 

„Bitte nicht“, flehte sie, „du zerstörst meine Bäume und Wiesen und nimmst mir alles, was ich habe.“

 

Doch der Wind war in Fahrt gekommen und konnte seine Lust nicht mehr bändigen. Er zog und zerrte an den Ästen und knickte einige von ihnen um. Ein letztes Mal sammelte die älteste Tochter all ihre Kräfte und stieß den Wind unter lautem Wehklagen entschlossen von sich.

 

So landete der Wind im Westen. Dort freute sich auch die zweite Tochter zunächst über sein Kommen. Denn die Kraft, die er noch hatte, toste über das Meer, das die Inseln umspielte und ließ das Wasserschäumend gegen die Klippen schlagen. Die zweite Himmelstochter war begeistert von dem wilden Spiel und ermunterte den Wind in seinem wüten.

 

Aber nach einer Weile verlor der Wind seine Kraft und ließ nach. Ruhe legte sich über das Wasser und die Inseln und eine unheimliche Stille trat ein. Das machte der zweiten Tochter Angst und sie bat den Wind: „Brause doch wieder auf und spiele mit meinen Wellen.“

 

Der Wind jedoch war erschöpft. Da stieß die zweite Tochter ihn enttäuscht und unter Jammern von sich.

 

Traurig zog der Wind über das Land bis er in den Osten kam und als er an einem der Berge hinaufblickte, sah er die dritte Tochter des Himmels dort oben auf dem Gipfel stehen. Er war verzückt von ihrer Schönheit und wollte sie in die Arme schließen.

 

„Dann musst du schon zu mir kommen“, rief sie ihm zu.

 

Der Wind, der auf dem Weg wieder etwas zu Kräften gekommen war, kletterte den Berg hinauf und wurde nach oben hin immer stärker. Als er den Gipfel jedoch erreicht hatte, war von der Himmelstochter nichts mehr zu sehen. Sie war auf der anderen Seite des Berges hinabgelaufen und nun schon im Tal angekommen. Der Wind sprang in wilder Sehnsucht den Berg hinunter, doch kaum war er dort angekommen, sah er, dass die dritte Tochter schon auf dem nächsten Berg stand. Der Wind verfolgte sie, konnte sie aber nicht einholen.

 

Immer wieder ging es den einen Berg hinab und den anderen Berg hinauf, nur um das Spiel gleich darauf wieder von vorn zu beginnen. Als er sie über die ganze Gebirgskette verfolgt und dennoch nicht erreicht hatte, zog der Wind erbost davon, verfolgt von den Rufen der Himmelstochter.

 

Noch immer wütend gelangte er so nach Süden, wo er über die flachen, kalten Böden fegte und an den kurzen Gräsern der Tundra zog.

 

„Willst du mich etwa auch zum Narren halten?“, rief er ungehalten in die endlose Landschaft. Das hörte die jüngste Tochter und versteckte sich ängstlich in einer Mulde.

 

„Komm heraus, zeig, dass du anders bist als deine Schwestern“, rief der Wind.

 

Zitternd lugte die jüngste Tochter aus ihrem Versteck hervor, weil sie wissen wollte, wer da nach ihr rief. Der Wind entdeckte sie und kam auf sie zu. Aber in seiner Wut und Enttäuschung über die ersten drei Himmelstöchter hatte er noch immer zu viel Kraft. Entsetzt wich die jüngste Tochter zurück. Sie bat ihn, sich zu beruhigen. Doch der Wind wollte sich nicht mehr beruhigen, sondern endlich seine ganze Kraft und Größe ausleben. Die jüngste Tochter spürte, dass sie ihn mit ihrer Herzenswärme nicht berühren konnte. Sie zog sich zurück in ihr Versteck und harrte dort aus, bis der Wind einsah, dass er auch sie nicht für sich gewinnen konnte und den Süden verließ.

 

Der Himmel lachte spöttisch. „Siehst du, ich habe dir ja gesagt, dass du keine meiner Töchter für dich einnehmen kannst“, sagte er.

 

Seitdem ist der Wind dazu verdammt durch die Lande zu ziehen, immer in der Hoffnung, doch noch eines Tages eine der Himmelstöchter zur Frau nehmen zu können. Das Wehklagen des Nordens, das Jammern des Westens und das Rufen des Ostens begleiten seinen Weg. Nur aus dem Süden verfolgt ihn das Schweigen.