Drehmoment

Zu meinem achten Geburtstag hatte ich nur einen Wunsch. Die Erfüllung dieses Wunsches erschien mir noch unwahrscheinlicher als die Erfüllung des Wunsches, der vielleicht naheliegend gewesen wäre. Wenn ich davon sprach, machten die Erwachsenen traurige oder mitleidige Gesichter und sahen sich hilflos an. Ich wusste, was das hieß; sie hätten mir mein Begehren so gern erfüllt und wussten nicht, wie sie mir beibringen sollten, dass es unmöglich war. Dabei musste man mir das gar nicht erklären. Ich wusste es schließlich selbst sehr gut. Schließlich war ich nicht blöd.

Jeder andere würde es vermutlich lächerlich finden, denn ich wünschte mir nichts weiter als eine Schaukel. Für mich war es das größte. Ich stellte mir vor, dass es wie fliegen sein musste, obwohl ich beides noch nicht ausprobiert hatte. Weder fliegen noch schaukeln. Aber ich hatte im Fernsehen gesehen, wie andere Kinder schaukelten und wie glücklich sie dabei aussahen. Das wollte ich auch erleben.

Ich fragte meine Eltern, wie es sich anfühlte.

Du steigst hoch in die Luft und dabei wir dein Magen weit nach unten gedrückt und die Luft steigt dir in die Nase, haben sie gesagt. Und dann geht alles rückwärts, erst wieder nach unten und dann in die andere Richtung nach oben. Mitunter fühlt man sich ganz und gar schwerelos, hatten sie gesagt.

Sie erzählten mir, dass sie mich früher, als ich noch kleiner gewesen war, immer an den Händen gehalten hatten und ein Stückchen gerannt waren. Dabei hatten sie „Engelein, Engelein flieg“, gerufen und bei „flieg“ hatte ich die Füße in die Luft gehoben und meine Eltern hatten mich an den Händen nach oben gezogen, sodass ich für einen kleinen Augenblick wirklich flog. So ähnlich sollte sich auch schaukeln anfühlen. Nur noch besser.

In meinen Ohren klang das wie das größte Abenteuer. Fliegen bedeutete Freiheit. Fliegen können wir Menschen nicht, also zumindest nicht allein, das wusste ich. Aber wenn schaukeln so ähnlich war wie fliegen, so musste es die denkbar beste Alternative sein. Das größte Stück Freiheit, das zu bekommen war.

Ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen, denn meine Freiheit hörte an den Wänden unserer Wohnung auf. Zwar konnte ich frei entscheiden, ob ich mich in meinem Kinderzimmer, der Küche oder im Wohnzimmer aufhielt. Aber an den Fensterscheiben und der Wohnungstür hörte die Welt, in der ich mich bewegen konnte, auf.

Niemals durfte ich nach draußen. Zumindest tagsüber nicht. Unter keinen Umständen durfte meine Haut mit Sonnenlicht in Berührung kommen. Meine Eltern hatten mir einen Schutzanzug gekauft, damit ich hin und wieder vor die Tür konnte. Aber ein Ausflug auf den Spielplatz war trotzdem nicht möglich. Ich habe eine Strichliste geführt, wie oft ich meine Eltern gebeten hatte, nach Einbruch der Dunkelheit  mit mir zum Spielplatz zu gehen, damit ich schaukeln konnte. 347 Striche hatte ich auf die erste Seite meines Zeichenblocks gemalt. Dann hörte ich auf mitzuzählen.  

Auch ein Junge wie ich gehöre um diese Zeit ins Bett, meinten meine Eltern. Eine Weile hatte ich getobt, dann geschmollt und schließlich mit geschlossenen Augen davon geträumt, dass sich mein Wunsch doch noch erfüllen würde.

Ich wollte sie fühlen, diese Freiheit und Schwerelosigkeit. Im Internet hatte ich nachgelesen, wie eine Schaukel funktioniert, und dass durch Schwerpunktverlagerung die Energiezufuhr für die Pendelbewegung zustande kommt. Meine heimliche Befürchtung, dass man sich beim Schaukeln überschlagen könnte und einmal ganz überkopf auf die Welt herabschauen würde, konnte ich danach ausschließen. Aber das Gefühl konnte ich immer noch nicht ganz nachvollziehen.

Viele bedauerten mein Schicksal. Sie sagten dann immer, wie schade es sei, dass ich nicht ins Freibad könne oder das Gesicht in die Sonne halten. Das störte mich allerdings kaum. Am Freibad hatte ich kein besonderes Interesse – ich hatte mir sagen lassen, bei schönem Wetter wäre es da ohnehin immer überfüllt. Und der Mond gab als Beobachtungsobjekt auch mehr her. Der ließ sich wenigstens anschauen, ohne dass man die Augen vor lauter Licht zusammenkneifen musste.

Aber niemand bedauerte mich, dass ich nicht schaukeln konnte, und das fand ich viel ungerechter, als diese Krankheit, die mich davon abhielt, einfach zum Spielplatz zu marschieren und mich auf eines dieser an Ketten befestigten Bretter zu setzen.

Als meine Eltern mich einige Tage vor meinem Geburtstag noch einmal fragten, was ich mir denn wünschte, sagte ich trotzdem: „Eine Schaukel.“ Einfach aus Trotz. Und weil wünschen an sich ja immer erlaubt ist. Ich hatte keinen Grund zur Hoffnung, dass mein Wunsch sich erfüllen würde.

Am Morgen meines achten Geburtstags weckten meine Eltern mich mit Kuchen und Kerzen und Geschenken am Bett, wie sie es jedes Jahr taten. Sie schenkten mir ein Buch und ein Spiel und einen Experimentierkasten. Schließlich verbanden sie mir die Augen und führten mich ins Wohnzimmer. Mein Vater hielt mich an den Schultern und schob mich durch die Gegend, bis er sagte: „Stehenbleiben. Hinsetzen.“

Ich gehorchte und hätte beinahe erschrocken aufgeschrien. Das, worauf ich mich setzte, und von dem ich angenommen hatte, dass es der Sessel sei, war hart, schmal und bewegte sich unstetig unter meinem Hintern. Beinahe hätte ich das Gleichgewicht verloren, aber meine Mutter hielt mich.

„Halt dich fest“, sagte sie und führte meine Hände zur Seite. Ich fühlte kratzige Seile zwischen meinen Fingern, und noch bevor meine Mutter mir die Augenbinde abnahm, begriff ich, dass sich mein Wunsch erfüllt hatte. Vor Aufregung zappelte ich ein wenig hin und her. Erstaunt sah ich mich um, als meine Augen befreit waren. Die Möbel in unserem Wohnzimmer standen nicht mehr gruppiert, sondern in zwei Reihen nebeneinander, dazwischen war ein langer breiter Gang. Mitten im Raum hatten meine Eltern Haken in die Decke geschraubt und die Schaukel daran befestigt, auf der ich jetzt saß. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Sprachlos saß ich da, baumelte mit den Beinen und spürte, wie sich die Schaukel langsam unter mir bewegte.

„Bist du bereit?“, fragte mein Vater.

Ich nickte eifrig und ehe ich mich versah, hatte mein Vater mich an den Seilen nach hinten gezogen und losgelassen. Ich schoss nach vorn, jedenfalls kam es mir so vor, und mein Magen wurde tief in mich hineingedrückt. Nur wenige Augenblicke später stieg ich nach oben und konnte sehen, dass auf unserem Wohnzimmerschrank schon länger kein Staub mehr gewischt worden war. Für einen kurzen Moment schien es mir, als würde ich dort oben hängen bleiben und dann einfach zu Boden fallen. Aber da schoss ich rückwärts wieder hinab und wurde wie von magischer Hand rittlings wieder nach oben gezogen. Die Bilder an den Wänden und die Regale schossen an mir vorbei. Der Zugwind umhüllte mein Gesicht, fuhr mir in die Nase und in die Lungen. Bei jeder Vor- und Rückwärtsbewegung hüpfte mein Magen lustig mit. Hoch bis zur Brust und tief bis zu den Knien. Nur mein Herz schlug noch höher – und ich hätte schwören können: Auch wenn es eigentlich unmöglich war; es überschlug sich.