Sonnentag

 

Den ganzen Tag habe ich schon gehofft, meine Strahlkraft entfalten zu können. Schon früh habe ich die Sonne durchs Fenster gesehen und konnte beobachten, wie ihr Schein über den hellen Boden langsam auf mich zu wanderte. Bis die Strahlen schließlich meinen Körper trafen und sich wärmend auf mir ausbreiteten. Alles, was steif in mir war, begann sich zu lösen und es kribbelte in mir. Ganz deutlich konnte ich spüren, wie es aus mir herauswollte. Doch meine Glieder regten sich keinen Millimeter. Ich brauche ihre Hilfe, um mich entfalten zu können. Allein kann ich nichts bewirken.

Wenn es nur das wäre, damit könnte ich leben. Aber das Schlimmste ist, dass ich aus eigener Kraft nicht einmal auf mich aufmerksam machen kann. Höchstens durch stumme Blicke. Ohne Hilfe habe ich keine vernehmbare Stimme.

Ich wartete im Sonnenschein und hätte am liebsten laut gejauchzt über den schönen Tag, und im nächsten Moment hätte ich weinen können, darüber, dass ich nicht jubeln konnte.

Heute jedoch sollte sich mein Warten gelohnt haben. Denn endlich kam sie. Gern hätte ich mich noch mehr in das vorteilhafte Sonnenlicht gedreht, um auf mich aufmerksam zu machen. Aber das sollte gar nicht nötig sein.

Sie kam auf mich zu und umarmte mich.

Wie ich mich danach gesehnt hatte, ihre Hände auf meiner Brust und meinem Hals zu spüren. Sie streichelte mich, gab etwas von ihrer Wärme an mich ab und ich erwiderte ihre Berührungen, indem ich mich eng an sie schmiegte.

Schließlich nahm sie meinen Arm und endlich wurden wir eins. Sie führte mich und es sprudelte nur so aus mir heraus. All die Freude, die ich den ganzen Tag schon in mir gespürt hatte. Ich erzählte ihr alles, was mich bewegte und sie verstand mich. Sie schüttete mir ihre Seele aus, gab Gefühle preis, von denen sie selbst nichts wusste und ich hörte ihr zu, wurde ein Spiegel ihrer Gefühle. Ihre zarten Finger, ihr Kopf an meinem, jede enge Umarmung. Ich genoss jede Sekunde und wusste, dass es ihr genauso ging.

Wenn das Band zwischen uns so stark ist wie heute, sind wir gemeinsam unbesiegbar, so glaube ich jedenfalls. Das, was da zwischen uns ist, das kann keiner zerstören. Wir finden unseren gemeinsamen Weg. Es klappt nicht immer, aber daran will ich nun nicht denken. Denn heute hat es gestimmt. Es stimmt meistens. Und wenn wir uns nicht so viel zu sagen haben, sind auch kurze Sätze und wenige zarte und leise Töne ausreichend um uns zu sagen: „Ich bin noch da.“

Wir gehören zusammen. Das, was vor so vielen Jahren begonnen hat, keine Sekunde mag ich missen, auch wenn wir es nicht immer leicht zusammen hatten.

Dennoch, es ist mehr Vertrautheit als Fremde zwischen uns. Wir erkennen uns mit geschlossenen Augen, müssen uns nicht ansehen, um das zu finden, was der andere gerade braucht. Jede Position ist vertraut. Wir kennen uns auswendig und können doch noch so viel miteinander probieren. Da sind noch Millionen Möglichkeiten.

Jetzt bin ich wieder stumm, aber schon bald werden wir wieder einander in den Armen liegen. Dann gibt es nur noch uns. Wir sind eins.