Wimpern am Ende des Tages

 

Diese Momente, in denen man einfach nur im Strahl kotzen könnte. Heute gab es gleich mehrere davon. Kluge Leute in Meditationskursen oder YouTube-Videos erzählen immer, man müsse in solchen Momenten tief durchatmen, von 21 bis 30 zählen und dann wäre alles wieder gut. Ich frage mich, ob diese Leute schon jemals morgens noch vor dem Aufstehen gestresst waren, weil es über Nacht kurz Stromausfall gab und sich dabei die Weckzeit des Radioweckers abgestellt hat. Haben diese lächelnden Lifestyle-Experten dann schon einmal sich selbst für die Arbeit in Ordnung gebracht und gleichzeitig Kaffee gekocht, Obst aufgeschnitten, Brote geschmiert und ein Kind aus dem seligen Tiefschlaf gerissen, ihm Zähne geputzt und es angezogen?

 Wann soll man denn da atmen? Das muss irgendwie nebenher passieren, läuft ganz automatisch. Denn in den zehneinhalb Sekunden, die man bräuchte, um von 21 bis 30 zu zählen, kann das Kind schon seine Teetasse umgeworfen, eine Socke ausgezogen oder den Wohnungsschlüssel wahlweise hinterm Sofa oder im Klo versenkt haben. Lachen Sie nicht – ist alles schon vorgekommen! Meistens dann, wenn ohnehin schon wenig Zeit ist. Das wären dann noch viel mehr Gründe zum Atmen, und man weiß auch, man müsste, aber es geht einfach nicht. Weil der Puls rast, und mit jedem Herzschlag rauscht nicht nur das Blut durch die Adern, sondern auch die Rufe aller, die irgendetwas von einem wollen.

 „Ich brauche von Ihnen noch vor der Mittagspause den Bericht!“ „Zwischen 11 und 13 Uhr ist der Ablesedienst da. Bitte stellen Sie sicher, dass der Zugang zu Ihrer Wohnung gewährleistet ist.“ „Sie müssen sich wirklich bemühen, pünktlich zu sein! Ihr Kind hatte die letzten Tage immer eine Dreiviertelstunde keine Spielkameraden mehr!“

 Also berichtet man, stellt sicher, gewährleistet und bemüht sich. Für alle anderen. Weil es ja laufen muss. Man kommt den ganzen Tag nicht zum Atmen. Stöhnen ist das Maximum. Erst, weil im Fahrradkeller ein Rad umgefallen ist und die Tür blockiert, dann, weil das Kind doch noch mal zum Klo muss, bevor es zum Kindergarten geht. Hat man den Weg zum Kindergarten endlich geschafft und ist das Kind glücklich zum Spielen verabschiedet („Tschüss, bis nachher, mein Schatz!“ – „Jaaa!“), bekommt man dann von der Kindergärtnerin noch einen Zettel in die Hand gedrückt, dass demnächst noch Eltern-Kind-Basteln ist („Es wäre schön, wenn Sie mit Ihrem Kind teilnehmen würden. Die Basteleien sind für den Weihnachtsbasar.“). Auf der Arbeit ein ständiges Gerenne, Einhalten von Fristen, spontan eingeschobene Extradinge und kurz vor Feierabend ein Kundentelefonat, das sich über eine halbe Stunde erstreckt. Auch hier wieder keine Zeit zum Atmen. Vielmehr bleibt einem die Luft weg, weil einem siedend heiß einfällt, dass man den Termin mit dem Ablesedienst nicht einhalten konnte, weil es schon wieder so spät ist, dass man unmöglich pünktlich am Kindergarten sein kann. Dass nicht nur das Kind jetzt allein wartet, sondern man durch Verspätung auch den Betreuern den verdienten Feierabend versaut.

 Und man wünscht sich, man könnte mal etwas davon abgeben. Aber es ist keiner da, mit dem man sich den Stress des täglichen Kleinkleins teilen kann. Man bemüht sich allein, stresst sich allein, rotiert allein. Wenn andere atmen, erledige ich das, was die Partner der Atmenden in dieser Zeit tun. Es ist kein Trost, dass es viele andere gibt, die in der gleichen Situation sind, wie man selbst. Die Arbeit bleibt die gleiche. Letztlich kämpft jeder für sich. Selbst, wenn man zu den Glücklichen gehört, die nette Nachbarn, Verwandte und Freunde haben, die immer mal wieder gerne helfen. Es ist einfach nicht das Gleiche, als wenn man den Alltag teilt.

 Was die Leute in besagten YouTube-Videos erzählen, klingt für mich wie ein Bericht aus einer fremden Galaxie. Um ehrlich zu sein, weiß ich schon gar nicht mehr, woher ich überhaupt weiß, dass es solche Videos gibt. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht mehr. Weil einfach alle mitbekommen haben, dass das vom Prinzip alles zwar eine schöne Idee ist, praktisch aber nicht umsetzbar.

 Aber dann kommt der Abend. Und das ist unser Moment. Wir liegen erschöpft nebeneinander in deinem Bett. Ich mit angezogenen Beinen, du mit Kuschelbär im Arm auf meinem Bauch. Eigentlich bin ich viel zu müde, aber natürlich lese ich dir noch eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Die von dem alten Bus und den Sonnenblumen. Irgendwann fällt dein Kopf zur Seite. Deine unheimlich weichen, langen Wimpern kitzeln ein wenig an meinem Hals, während du krampfhaft versuchst, die Augen doch noch ein paar Minuten länger offen zu halten. Kurz darauf höre und spüre ich deine Atemzüge. Ruhig und langsam. Ich zähle mit. 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32, 33 … Du machst es richtig und ich bin nur ganz kurz neidisch. Ich verdränge, dass da noch die Steuererklärung, der Wäscheberg und die Rechnungen sind, und atme mit. Gemeinsam atmen ist auch viel schöner. Für diesen Moment, wenn ich deine Nähe spüre, nehme ich all den Stress davor in Kauf. Ich brauche keinen Lifestyle-Experten und keine Videos, um zu wissen, dass dies heilige Glücksmomente sind. Ich wünsche dir, dass du nicht vergisst, wie man atmet. Bis dahin küsse ich dich jeden Abend auf die Nase, auf die Stirn, auf die Wimpern und auf den Mund und hoffe, dass ich wenigstens dir heute gerecht geworden bin.